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Nov 05 2013

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Der 10er – mehr Ideenerfüller als Ideengeber

Der 10er wird allgemein als Spielgestalter einer Fußballmannschaft wahrgenommen. Der Spieler der die „tödlichen“ Pässe in die Schnittstelle der gegnerischen Abwehr spielen kann. Dies entspricht aber nicht ganz der Wahrheit. Aufgrund der verengten Schnittstellen im modernen Fußballs, durch die ballorientierte Verteidigung, kann der 10er einen solchen Pass in die Tiefe nur spielen, wenn der Mitspieler von sich aus in den entsprechenden Raum startet. Heutzutage müssen also die Spieler ohne Ball die Ideen haben. Die Räume schaffen und die Räume erkennen. Der Ballführende, z. B. der 10er benötigt dagegen die Wahrnehmung für die Laufwege der Mitspieler und das technische Vermögen diese präzise anzuspielen.

Die Position des 10er in einem 4-4-2-Raute.

Die Position des 10er in einem 4-4-2-Raute.

Durch seine zentrale Spielposition kann der 10er für fast alle Spielpositionen Anspielstation sein. Daher absolviert ein guter 10er viele Freilaufbewegungen und orientiert sich stets Richtung Ball. Die Folge sind viele Ballkontakte. Zuspiele die er möglichst schnell oder direkt weiterleitet. Somit ist ein moderner Fußball ohne einen 10er kaum denkbar. In Relationen zu anderen Spielpositionen ist er aber mehr der Ideenerfüller, als der Ideengeber.

Ein IV (Innenverteidiger) oder 6er (Sechser) sind im eigentlichen Sinne – zumindest im modernen Fußball – vielmehr die Ideengeber. Ihr Spielverhalten bestimmt die Spielweise eines Teams. Sie entscheiden ob das Spiel übers Zentrum oder übern Flügel läuft, ob die vorderen Spieler flach oder hoch angespielt werden und ob in die Verschieberichtung oder entgegen der Verschieberichtung nach vorne gespielt wird. Der 10er muss sich dieser Spielweise „beugen“ und sein Spielverhalten daran anpassen.

Der 10er, wie auch die anderen offensiven Mitspieler bieten sich den IV und 6ern beim Spielaufbau permanent an. Erhalten sie den Ball nehmen sie ihn in Spielrichtung mit (aufdrehen) oder lassen ihn klatschen. Kann aufgedreht werden, dribbelt man in freie Räume, Mitspieler ohne Ball verlassen den Deckungsschatten des Gegners und besetzen die Breite des Felds, bzw. starten in freie Räume in die Tiefe. Vor dem gegnerischen Tor soll der 10er die Räume erkennen, in denen ein ST (Stürmer) oder MA (Mittelfeldaussen) startet. In diese Räume soll er gut getimt und mit dem richtigen Druck hineinspielen. Aus eigener Initiative soll der 10er keine Pässe in freie Räume spielen. Es sind immer die Spieler ohne Ball die durch ihr Laufverhalten die Pässe eines 10ers bestimmen.

Sind seine Mitspieler am Flügel in Ballbesitz und stehen dort unter Raum- und Gegnerdruck, so schiebt er Richtung Außenbahn und bietet sich für eine Spielverlagerung an. Bauen die IV das Spiel mit Flachpässen auf und man spielt mit nur einem 6er, so lässt sich der 10er auf eine zweite 6er-Position fallen. Je nachdem welcher IV in Ballbesitz ist, bietet er sich vertikal oder diagonal in offener Stellung an (ballferne 6er-Position steht näher zum Tor). Spielt man mit zwei 6er, so bietet sich der 10er höher zwischen den beiden 6ern den IV an. Im Übergangsspiel (Phase zwischen Spielaufbau und Torchancen erspielen) und Angriff bewegt er sich viel zwischen dem gegnerischen Mittelfeld und der gegnerischen Abwehr und versucht dort anspielbar zu sein.

Agiert man gegen einen spielaufbauenden Gegner im Pressing und hat die Vorgabe das Spiel nach außen zu steuern, so müssen die ST vom 10er viel gecoacht werden. Er muss dafür sorgen, dass man im Zentrum kompakt steht. Dass die ST Kontakt zum Mannschaftsverband haben und im richtigen Moment das Pressing starten. Seine zentrale Aufgabe während des Pressings ist es Pässe in die Tiefe zuzustellen, bzw. zentrale Anspielstationen des Gegners eng zu decken. Dabei steht er nicht direkt hinterm Gegenspieler, sondern leicht innen versetzt (überlappend), so dass dieser nach einem Zuspiel nicht aufdrehen kann. Wird der Gegenspieler dann angespielt, stellt man ihn mit dem Rücken zum Spiel und lässt ihn nicht aufdrehen. ST geht dann auf den Ball, gewinnt ihn, bzw. provoziert ein Aufdrehen des Gegners in den 10er hinein.

Spielt man das Pressing so, dass man den Spielaufbau des Gegners ins Zentrum steuert, so müssen die ST so breit agieren, dass sie die Passwege der gegnerischen IV zu den AV zustellen. Dribbelt ein IV dann Richtung Zentrum wird er vom ballnahen ST verfolgt und unter Druck gesetzt. Der ballferne ST rückt diagonal nach hinten zur Stärkung des Zentrums ein. Gegnerische 6er werden zunächst nur lose gedeckt um ein Anspiel zu provozieren. Sobald sie angespielt werden, können sie aufgrund der Überzahl im Zentrum effektiv gedoppelt werden. Der 10er spielt dabei eine zentrale Rolle, da er durch seine Stellung bestimmt welcher gegnerische 6er angespielt wird. Nachdem dieser angespielt wird, doppelt er zusammen mit dem eigenen 6er oder dem ballfernen MA.

Eine weitere Aufgaben des 10ers ist es Spielsituationen zu erkennen, in denen ein gegnerischer Verteidiger einen Pass in seinem Rücken erlaufen muss. Unabhängig von wem der Pass kommt, gibt der 10er ein Kommando zur Attacke und die Mannschaft schiebt geschlossen zum Ball. Der Ballnahste stellt den Gegner mit dem Rücken zum Spiel und die Mitspieler stellen alle Anspielstationen zu.

Auch eine geschlossene Stellung des IV (mit dem Rücken zum Spiel), wenn er vom TW angespielt wird, soll der 10er erkennen. Mit seinem Kommando verkürzt der ballnahe ST sofort die Distanz zum betroffenen IV und spekuliert auf ein unachtsames Aufdrehen. Die Mitspieler schieben geschlossen nach. Auch bei einem Ballverlust im Offensivdrittel, bei Gleich- oder Überzahl in Ballnähe, gibt der 10er sofort ein Kommando. Alle Spieler beteiligen sich dann an die Rückgewinnung des Balls.

Solange man beim gegnerischen Spielaufbau noch kein Pressing gestartet hat gilt es kompakt hinterm Ball zu stehen. Der jeweils ballnahste Offensivspieler übt Druck auf den Ball aus um Flugbälle auf die Abwehrkette zu verhindern. Durch ein kompaktes Zentrum werden Pässe nach außen provoziert. Hier kann man dann mit Hilfe der Seitenlinie effektiv pressen.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.abwehrkette.de/10er-fussball/

2 Kommentare

  1. Michael

    Kurze Frage: „Je nachdem welcher IV in Ballbesitz ist, bietet er sich vertikal oder diagonal in offener Stellung an (ballferne 6er-Position steht näher zum Tor).“

    Meinst du damit, dass der ballferne 6er näher am GEGNERISCHEN Tor sein sollte?
    Ich würde eher den ballnahen 6er weiter nach vorne bewegen und den ballfernen tiefer lassen. Grund wäre nach meiner Meinung, dass der Passwinkel größer wird.

    Ich lasse mich aber gerne belehren.

    Ansonsten finde ich den Artikel gut. Danke.

    Michael

  2. Initiative abwehrkette.de

    Nein, der ballferne 6er soll näher zum eigenen Tor stehen. Also ganz entsprechend Deiner Logik. 🙂
    Vertikal kann so mehr Raum gewonnen werden und Diagonal ist es so sicherer, als wenn ein diagonaler Pass fast durch die komplette Hälfte gespielt wird.

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