1981: Die Fußballrevolution in Deutschland

Juni 30th, 2009 by Martin Hasenpflug

Das Jahr 1981 war ein ganz besonderes für den deutschen Fußball. Es war das Jahr als Helmut Groß als erster deutscher Trainer mit einer Ballorientierten Raumdeckung spielte!

Helmut Groß war damals sehr vom System der niederländischen Nationalmannschaft unter Ernst Happel angetan. Die Niederländer waren Anfang der 80er-Jahre eine der wenigen Mannschaften der Welt die mit einer Ballorientierten Verteidigung spielten. In Deutschland gab es damals nur die Manndeckung. Die Manndeckung sah Groß jedoch als sehr unökonomisch. Die Defensivspieler musste alle Laufwege des Gegners mitmachen und dies kostete viel Kraft. Doch mittels der Ballorientierten Verteidigung mussten die Spieler weniger laufen, da die gegnerischen Spieler übergeben wurden. Die so gesparte Kraft setzte man nun für ein aggressives Pressing ein. Man setzte den Gegner früh unter Druck und zwang ihn so zu Fehlern und konnte sich dann mittels schnelles Kurzpassspiel nach Vorne viele gefährliche Torchancen erspielen.

Helmut Groß übernahm 1981 den Verbandsligisten SC Geislingen und er wollte hier etwas ganz besonderes auf der Basis des niederländischen Spiels schaffen. Ihm gefiel die Idee des Ballorientierten Verteidigens sehr, doch aus seiner Sicht brach es nicht radikal genug mit dem Alten. Er ergänzte dieses System mit der Vorgabe beim Angriff des Gegners sich so zu verschieben, dass man möglichst weit vor dem eigenen Tor eine Überzahlsituation schuf und so dem gegnerischen Spieler zu Fehlern zwang. Je weniger Zeit und Raum für den Ballbesitzenden, desto höher die Wahrscheinlichkeit dass er Fehler macht.

Nach Geislingen wechselte er zum gleichklassigen VfL Kirchheim. Kirchheim stieg mit seinem zur damaligen Zeit revolutionären Spielsystem in die Oberliga auf und wurde in den Jahren 1987-88 zweimal württembergischer Meister. Noch heute spricht man dort von dem 1:1 gegen den damaligen Europapokalsieger Dynamo Kiew. Der damalige Trainer Kiews Valeri Lobanowski war gleichzeitig Nationaltrainer Russlands und sehr überrascht darüber, dass eine unterklassige Mannschaft aus Deutschland eine ähnliche Taktik wie seine Mannschaft spielte.

Mitte der 80er-Jahre trat Groß in den Trainerlehrstab des württembergischen Fußball-Verbands und dort erarbeitete er zusammen mit Ralf Rangnick ein Lehrsystem um die Ballorientierte Raumdeckung den Jugend- und Amateurtrainern des Verbands näher zu bringen. Damit war Württemberg der erste Deutsche Fußballverband der die Grundlage zum Spiel mit der Viererkette setze!

Im Jahr 1989 wurde Groß Jugendkoordinator des VFB Stuttgarts. Dort erarbeitete er eine einheitliche Spielphilosophie, die u.a. besagte dass alle Jugendmannschaften mit der Ballorientieren Raumdeckung zu spielen hätten. In dieser Zeit fiel es auch, dass Groß Ralf Rangnick als Trainer der A-Jugend nach Stuttgart holte.

2008 war es dann umgekehrt der Fall. Ralf Rangnick hat mit der TSG Hoffenheim den Durchmarsch bis in die 1. Bundesliga geschafft und holte Helmut Groß als Scout nach Hoffenheim. Außerdem ist der ehemalige Bauingenieur dort für die Spielebeobachtung der kommenden Gegner zuständig.

Wie so oft im Leben schließt sich im Laufe der Zeit der Kreis und die Idee die einst belächelt wurde gilt als allgemein anerkannt. Nur der Mut etwas neues auszuprobieren kann weitere revolutionäre Fortschritte im Fußball bringen.

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DFB-Chefscout und die Zukunft des Fußballs

Juni 24th, 2009 by Martin Hasenpflug

Im Zuge der Weltmeisterschaft 2006 haben die beiden deutschen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw die Arbeitsstelle des DFB-Spielebeobachters geschaffen. Diese wurde an den Schweizer Urs Siegenthaler mit dem Ziel vergeben, eine Datenbank über die künftigen Gegner der deutschen Nationalmannschaft zu erstellen: Wie ist ihre Taktik? Was sind ihre Stärken und Schwächen? Wie sind sie zu schlagen?

Urs Siegenthaler erklärte nun in einem Interview mit dem Onlinemagazin Spox.com, dass er die Entwicklung im Fußball lange noch nicht als beendet sieht. In den letzten 20 Jahren hat man unheimlich große Verbesserungen in sämtlichen Bereichen erreicht. Es sei aber durchaus noch Potential zu weiteren Optimierungen. Wie schnell neue Trends durch einen erfolgreichen Vorreiter geschaffen werden kann, zeige das Beispiel der drei Stürmer von FC Barcelona. “Und plötzlich ruft die ganze Welt nach drei Stürmern”, sagt Siegenthaler. Doch ein einfaches kopieren bestehender Konzepte führe zu keinen Innovationen. Man sollte einfach über den eigenen Tellerrand schauen und an seinen individuellen Bedürfnissen angepasst was Neues schaffen. Vielleicht wird es eines Tages das Nonplusultra sein mit vier Stürmern zu spielen, meint Siegenthaler. Neue Ideen ließen sich am besten im Jugendfußball umsetzen, da die Spieler dort noch keine festen Schablonen im Kopf haben, wie man Fußballspielen zu hat.

Eines der wichtigsten Themen momentan im Fußball sei die Kreativität im Spiel der Mannschaften. Deren Umfang ist ein ausschlaggebender Punkt der heute über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Siegenthaler sieht im Schaffen von Kreativität einen neuen Schwerpunkt bei der Ausbildung von Fußballspielern. Um jedoch Kreativität zu schaffen ist eine feste Ordnung nötig. Nur auf dem Fundament von festen Regeln, Disziplin, Aufgabenzuordnung und eingeschliffenen Automatismen kann der Spieler kreativ werden. Kreativität im Fußball kann nicht entstehen, wenn der Spieler sich noch mit grundsätzlichen Fragen bewusst auseinander setzen muss.

Urs Siegenthaler war von 1987 bis 1990 beim FC Basel als Trainer aktiv. Im Anschluss wurde er Trainerausbilder des Schweizerischen Fussballverbandes. Bereits Anfang der 90er-Jahre verfügte die Schweiz über ein Ausbildungskonzept, welches eine einheitliche Spielphilosophie in den Jugendmannschaften und eine verbesserte Ausbildung der Jugendtrainer vorsah. Als die deutsche Nationalmannschaft noch mit dem gealterten Lothar Matthäus als Libero bei der WM 1994 in der USA antrat und gegen Bulgarien ausschied, gab man den Schweizer Jugendtrainern bereits das Spielen mit Raumdeckung und Viererkette vor.

Der Trainer vom VFL Bochum Marcel Koller erklärt die innovativen Ausbildungsmethoden der Schweiz so, dass man immer ein Ausbildungsland gewesen sei. Man konnte und kann sich keine teuren Spieler aus dem Ausland leisten und deshalb setzte man schon früh einen großen Augenmerk auf die Ausbildung eigener Talente. Joachim Löw der selbst in der Schweiz spielte und trainierte war von den Ideen Urs Siegenthalers so angetan, dass er ihn später zum DFB holte.

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Die Viererkette von Manchester United

Juni 19th, 2009 by Martin Hasenpflug

In diesem Artikel werden wir kurz das Abwehrverhalten von Manchester United erläutern. Der schottische Trainer Alex Ferguson hat 2008 mit einer Doppel-Viererkette die Champions League gewonnen und 2009 scheiterte er erst im Finale gegen Barcelona.

Die Grundidee seiner Abwehrarbeit ist grundsätzlich sehr simpel. Sobald die gegnerische Mannschaft in Ballbesitz kommt, schieben sich fast alle United-Spieler hinter den Ball. Nur eine Spitze ist von allen Defensivaufgaben befreit.

Die Abstände zwischen den vier Spielern innerhalb der beiden Viererketten sind identisch, sie verschieben sich ballorientiert und ein Spieler übt druck auf den Ball aus. Das Verschieben erfolgt so geschickt, dass man entweder gegnerische Spieler in den toten Raum stellt (Stichwort: Deckungsschatten) oder direkten Zugriff auf sie hat, also ein eigener Mann nur wenige Meter vom angespielten Spieler entfernt positioniert ist.

Die Viererkette im Mittelfeld verschiebt sich ausschließlich seitlich. Sie lässt sich nicht herauslocken. So entstehen keine gefährlichen Lücken zentral vor dem eigenen Tor. Der Gegner ist somit zu ungefährlichen Querpässen gezwungen, die einmal wertvolle Zeit kosten und zum anderen abgefangen werden können. Aus diesen Balleroberungen ergeben sich sehr gute Kontermöglichkeiten. Fast 80 Prozent der Tore im Fußball fallen auf diese Art.

Bei Manchester United legt man also besonderen Wert darauf zentral sehr kompakt zu stehen. Pässe in die Schnittstelle der Abwehr erweisen sich so als äußerst schwierig. Ebenso erfolglos bleibt, aufgrund der Enge des Raums, ein kultiviertes Kombinationsspiel. Versucht der Gegner mittels 1-gegen-1-Situationen zum Spielvorteil zu kommen, so haben sich die United-Spieler bereits so verschoben, dass der Ballführende direkt von mindestens zwei Spielern attackiert werden kann.

Dafür ist man dann aber auf den Außenbahnen relativ offen. Der Gegner sieht so seine Möglichkeiten über außen zu Torchancen zu kommen. Doch dies ist nur trügerisch. Sobald der Ball nach außen gespielt wird, rückt sofort ein Mittelfeldspieler als fünfter Mann in die Abwehrkette. Diese steht nun noch kompakter als zuvor. Das Mittelfeld verschiebt sich gleichzeitig so, dass man auf alle Gegenspieler in Ballnähe Zugriff hat. So muss der Gegner den Ball nun wieder quer spielen.

Der größte Unterschied des Defensivverhaltens von Manchester United und dem auf dieser Seite gelehrten ist wohl der, dass der Gegner recht spät attackiert wird. Man versucht nicht den Gegner möglichst weit vom Tor fernzuhalten, sondern lässt ihn kommen und mit jedem Stück den der Ballführende näher zum eigenen Tor kommt, desto enger rücken die Spieler in den jeweiligen Viererketten zusammen. Man versucht so lediglich den finalen Pass zu unterbinden und dann nach der Balleroberung blitzartig zu einer Kontermöglichkeit zu kommen. Es ist aber eine sehr gut geschulte Abwehrkette nötig, damit der entscheidende Pass rechtzeitig erkannt und abgefangen werden kann.

Die Innenverteidiger stehen grundsätzlich wesentlich tiefer als hier auf der Seite vorgestellt. Sie wollen dadurch dem Gegner die Tiefe in ihrem Spiel nehmen. Sobald zentral ein Pass in die Tiefe gespielt wird, kann dieser von einem der beiden Innenverteidigern abgefangen werden und so einen Gegenangriff initiieren. Auch Flanken von den Außenpositionen versprechen, aufgrund der tiefen Staffelung der Abwehrreihe, keinen besonderen Erfolg. Man wird den Ball kaum in den Rücken der Abwehr spielen können.

Kommt es bei den gegnerischen Spitzen zu starken Bewegungen (z.B. Kreuzen), so lässt sich die Abwehrkette sofort ein paar Meter nach hinten fallen. Auch der Absicherungsgedanke ist stets gegenwärtig. Fährt man selber einen Konter ein und die beiden Viererketten sind noch nicht in Position, wird die angespielte Sturmspitze sofort von einem Innenverteidiger attackiert. Der andere Innenverteidiger versucht sich nun so schnell wie möglich ca. 5 Meter dahinter zu verschieben, um bei einem eventuell verlorenen Zweikampf des Mitspielers die Situation noch klären zu können.

Eine besondere Rolle kommt den beiden 6er-Positionen im United-Spiel zu. Ihre Aufgabe besteht darin eine erste Verteidigungslinie vor dem Tor aufzubauen, sobald der Gegner in die eigene Hälfte kommt. Die beiden 6er verschieben sich lediglich seitlich und befinden sich dann immer 5 – 10 Meter vor den beiden Innenverteidigern. Zusammen mit den beiden Innenverteidigern ergeben die beiden 6er einen derart starken 4er-Abwehrblock in der gefährlichen Zone zentral vor dem eigenen Tor, dass der Gegner lediglich zu einer Torchance kommt, indem er aus der zweiten Reihe schießt. Ist der Gegner dagegen auf Höhe der Mittellinie oder noch in seiner Hälfte, rückt ein 6er zum Attackieren heraus und die restlichen Spieler unterstützen ihn, indem sie ballorientiert verschieben. Der andere 6er bleibt dabei immer in der Zentrale vor den Innenverteidigern. Wird der attackierende 6er ausgespielt, rückt er sofort wieder auf seine ursprüngliche Position zurück und die Defensive kann sich so wieder aufs Neue formieren.

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Die geheimen Strategien zum sicheren Torerfolg

Juni 9th, 2009 by Martin Hasenpflug

Durch das Spielen mit Viererkette praktiziert man ein ständiges Verschieben, Pressen und Absichern. Dies sind die Charakteristiken einer möglichst häufig stattfindenden Balleroberung. Im Fußball fallen ca. 80 Prozent der Tore direkt nach einem Ballverlust des Gegners.

Aufgrund des ballorientierten Verschiebens schafft man permanent Überzahl in Ballnähe. Das heißt, dass man bei einer Balleroberung viele Anspielstationen in Ballnähe besitzt. Hat man nun den Ball erobert sind schnelle Pässe nach Vorne gefragt. Denn es ist davon auszugehen, dass die gegnerische Mannschaft bei einem Ballverlust recht weit aufgerückt ist. Dadurch hat man eine sehr gute Möglichkeit durch Überzahl vor dem gegnerischen Tor sich eine sehr gute Torchance zu erspielen.

Bei einer Balleroberung ist es nicht ratsam 1-gegen-1-Situationen zu suchen, einmal verliert man dadurch Zeit, so dass die gegnerische Verteidigung sich wieder organisieren kann und zum anderen nimmt man sich den Vorteil, dass man aufgrund des ballorientierten Verschiebens viele Anspielstationen besitzt. 1-gegen-1-Situationen sind in der Regel nur vor dem gegnerischen Tor sinnvoll, wenn man hier einen Gegenspieler ausspielt, ein anderer Verteidiger für ihn in den Bresche springt und somit die Deckung eines Mitspielers aufgeben muss. Dieser Mitspieler eignet sich nun hervorragend zum Anspielen.

Doch wie spielt man nun nach der Balleroberung den Ball am besten nach vorne? Dazu sollte man sich genau im Klaren sein, weshalb überhaupt Pässe im Fußball gespielt werden. Nämlich um Raum zu gewinnen. Es nützt selten was, wenn man einen Mitspieler der unter gegnerischen Druck steht den Ball zuspielt. Das Risiko ist viel zu groß, dass er den Ball verliert und der Gegner nun in der aussichtsreichen Situationen ist, die man ja gerade noch selbst besessen hat.

Wichtig ist nun, dass die Mitspieler Anspielstationen schaffen und zwar wie folgt:

  • In Breite und Tiefe
  • Den Deckungsschatten des Gegners verlassen
  • Rückraum besetzen

In erster Linie sollte für den Ballbesitzenden das Ziel sein den Ball nach vorne zu spielen, um möglichst schnell möglichst viele gegnerische Spieler hinter dem Ball zu lassen. Sollte kein sicheres Passspiel nach vorne möglich sein, so sollte der Ball quer gespielt werden, sollte dies auch zu risikoreich sein, wird der Ball nach hinten gepasst um das Spiel auf die andere Spielfeldseite zu verlagern.

Da die gegnerische Mannschaft, gerade im Jugendbereich, sehr viel Zeit zum ballorientierten Verschieben benötigt, wird man auf der anderen Seite nun genügend freie Räume besitzen um den Ball schnell und sicher nach vorne spielen zu können.

Die Angreifer versuchen sich nun vor dem Ball zu schieben und auf einen Pass in die Schnittstelle der Abwehr zu lauern. Im Idealfall kreuzen die Angreifer noch vor ihren Aktionen, um den Verteidigern die korrekte Zuordnung ihrer Deckungsaufgaben zu erschweren. Der Pass in die Tiefe sollte druckvoll, flach und mit einem Blickkontakt erfolgen. Die sich daraus ergebende Torchance sollte ohne Zögern zielstrebig genutzt werden.

© Martin Hasenpflug

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