Arrigo Sacchi’s Meisterwerk: Raumdeckung und Viererkette kombiniert

Juli 22nd, 2009 by Martin Hasenpflug

Auf unserer Webseite berichteten wir bereits über die viele Zwischenschritte die die Fußballtaktik in den Jahren durchlief. Man erfand die Raumdeckung und man erfand die Viererkette. Die Mannschaften die noch mit Manndeckung und Libero spielten verloren schnell den Anschluss an der internationalen Spitze und mussten ebenfalls auf diese System umstellen. Ein gewisser Schuhverkäufer Namens Arrigo Sacchi war es dann der den letzten großen Schritt im modernen Fußball machte: Er kombinierte absolut konsequent die beiden neuen Methoden der Viererkette und der Raumdeckung!

Der Italiener Sacchi war selber nie Fußballprofi. Er schaffte es auch nicht als Spieler ins Team seines Heimatortes Fusignano. Also wurde er mit 26 Jahren deren Trainer. Von dort wechselte er zu AC Florenz, wo er eine Jugendmannschaft trainierte und die erste große Herausforderung kam für ihn 1982 als er zu Rimini Calcio in die dritte italienische Liga wechselte. Dort stieg er dann mit nur 14 Gegentore auf und schaltete in der Saison 86/87 als Zweitligist den Erstligisten AC Mailand aus. Darauf hin wurde er 1987 von Mailands Präsident Silvio Berlusconi verpflichtet.

Mit AC Mailand gewann er direkt im ersten Jahr mit nur zwei Niederlagen die italienische Meisterschaft. Mailand hatte zuvor in den letzten 20 Jahren nur einen Titel geholt. In den Jahren 1989 und 1990 gewann er jeweils zweimal die Champions League, den Europäischen Supercup und den Weltpokal. 1989 wurde er zum Trainer des Jahres gewählt. 1994 wurde er als Italiens Nationaltrainer Vize-Weltmeister in den USA.

Sacchi sah sich selbst nicht als einen der auf biegen und brechen erfolgreich spielen wollte. Er wollte auch attraktiv und offensiv spielen und damit die Zuschauer unterhalten. Aus diesem Grund hat er auch ein erfolgbringendes Offensivkonzept entwickelt. Bei eigenem Ballbesitz sollten sich nach Möglichkeit fünf Spieler vor dem Ball schieben. Die beiden Außenpositionen sollten immer besetzt sein. Dies mussten aber nicht zwangsläufig die selben Spieler sein. Sacchi ließ gleich dem niederländischen Fußball Total rouchieren.

Generell ließ sich Sacchi sehr von der niederländischen Spielweise inspirieren. Gepaart mit seinen eigenen Vorstellungen kreierte er daraus eine neue Art des Fußballs. Der Libero wurde konsequent durch die Viererkette ersetzt und die Raumdeckung wurde mit ihm so durchgängig praktiziert wie nie zuvor im Fußball. Bei gegnerischem Ballbesitz mussten alle Spieler Richtung Ball schieben und selbst die Angreifer wurden nicht von Defensivaufgaben befreit. Die Abwehrkette und die Angreifer sollten maximal 25 Meter voneinander entfernt sein. Dieses extrem Ballorientierte Spiel wurde zusätzlich noch mit einem aggressivem Pressing aufgewertet. So konnte Sacchi’s Mannschaft stets ein sehr engmaschiges Netz um den ballbesitzenden Gegner aufbauen. Dieser hatte dann meist nur die Möglichkeit nach hinten zu spielen oder einen unkontrollierten Ball nach vorne zu schlagen.

Durch das extreme Ballorientierte Verschieben sparte man auch viel Kraft, weil man sich immer in Ballnähe befand und so kraftraubende Sprints zum Ballgeschehen entfielen. Doch Sacchi’s System konnte nur gelingen, wenn sich alle Spieler auf das ganze Spielgeschehen konzentrierten. Ihre Aktionen musste sie nach Berücksichtigung folgender vier Referenzpunkte ausführen:

  1. Wo ist der Ball?
  2. Wo sind die Räume?
  3. Wo stehen die Gegner?
  4. Wo stehen die Mitspieler?

Sacchi trainierte das Ballorientierte Spiel hauptsächlich noch mit Trockenübungen. 11 Spieler agierten auf dem Platz ohne Ball und Gegner. Sacchi gab die Kommandos wo sich der imaginäre Ball befindet. Zur damaligen Zeit waren diese Taktikübungen zum Verschieben absolut revolutionär! Doch heute ist diese Art des Trainings zur Viererkette im Jugendbereich nicht mehr zeitgemäß. Die Jugendlichen von heute sind empfänglicher für Lerninhalte, wenn sie dabei unterhalten werden. Deswegen sind die Übungen zur Viererkette auf unserer Seite interessant und abwechslungsreich gestaltet. Der Ball ist immer mit dabei und durch kleine Wettbewerbe wird nochmal der Anreiz das neue System zu lernen verstärkt.

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Mit “Fußball Total” aus dem Niemandsland zur Weltspitze

Juli 20th, 2009 by Martin Hasenpflug

Die Niederlande ist ein Land mit 16 Millionen Einwohnern und damit nicht größer als Nordrhein-Westfalen. Wenn man allein die Größe des Landes betrachtet, kann man sich schwer vorstellen, dass dieses Land eine große Rolle in einer Sportart spielt, die in fast allen Ländern Volkssport Nr. 1 ist. Zuerst schlug sich die Niederländische Nationalmannschaft auch so wie es die großen Fußballnationen erwarteten. Zwischen 1949 und 1955 z.B. schaffte das Oranje-Team lediglich zwei Siege in 27 Spielen.

Doch Mitte der 60er Jahre kam die große Wende im Niederländischen Fußball! Mit Johan Cruyff als spielgestaltender Mttelstürmer und Rinus Michel als sein Trainer gewann Ajax Amsterdam von 1971 bis 1973 dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister. Die Nationalmannschaft schaffte es 1974 bei der Weltmeisterschaft bis ins Finale und unterlag dort unerwartet mit 2:1 gegen Deutschland. Zuvor hatte man in der Zwischenrunde Argentinien und Brasilien mit 4:0 und 2:0 besiegt. Im Jahr 1988 haben die Niederländer dann doch noch einen Titel geholt. Wieder unter Rinus Michel als Trainer gewann man in Deutschland die Europameisterschaft.

Der Grund für den Sprung vom Fußball-Niemandsland zur Weltspitze war die niederländische Spielphilosophie Voetbal total. Diese verlangte von den Spielern einen technisch versierten Angriffsfußball. Ganz nach dem Motto; wer angreift und im Ballbesitz ist, der kann auch keine Gegentore kassieren. Das war zu der Zeit eine Abkehr vom üblichen Defensivspiel vieler Fußballmannschaften. Selbst die Außenverteidiger schalteten sich mit ins Angriffsspiel ein und auf deren Seite positionierte Mitspieler sicherten für sie ab. Dieses sogenannte Rouchieren wird bis heute weltweit praktiziert. Man war der Meinung, dass jeder Spieler in der Lage sein sollte jede Position zu spielen. Man spielte damals zum ersten mal aus der Grundformation 4-3-3 heraus. Dieses System hat sich bis heute bewährt.

Ein weiteres besondere Merkmal von Fußball-Total war das Pressingspiel. Damals war es ohne weiteres möglich 50-60 Meter über das Feld zu dribbeln ohne angegriffen zu werden: Jeder deckte seinen Spieler und so standen nicht genügend freie Spieler zur Verfügung, um den Dribbelnden zu attackieren. Doch mit Fußball-Total wurde diese Zeit des Spazierengehens im Mittelfeld beendet. Von nun an wurde der Raum gedeckt, die Abwehrreihen rückten auf und die Spieler schoben sich bei Ballbesitz des Gegners eng zusammen. So wurde versucht den Gegner überall auf dem Platz unter Druck zu setzen . Ihm sollte so die Zeit zum Überlegen genommen werden. Er sollte nicht mehr in der Lage sein einen gefährlichen Pass in die Tiefe zu spielen.

Zusätzlich erhöhte sich durch das Pressing die Fehlerquote der gegnerischen Mannschaft. Man eroberte jetzt viel häufiger den Ball. Sobald man in Ballbesitz war, schoben sich die Mitspieler auseinander und man versuchte über möglichst wenig Stationen den Ball nach Vorne zu spielen. Das Zusammenrücken bei eigenem Ballbesitz und das auseinander rücken bei gegnerischen Ballbesitz wird im Fußball als Ziehharmonikaprinzip bezeichnet und wird auch noch bis heute von den Profimannschaften praktiziert. Das neue Spielsystem der Raumdeckung war nicht mehr ganz so einfach zu spielen. Die Spieler mussten sich jetzt nicht mehr nur auf einen Spieler konzentrieren, sondern auf das ganze Spielgeschehen. Doch sobald dies gelang, konnte man auch mit schlechteren Einzelspieler favorisierte Mannschaften besiegen.

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Ralf Rangnick und sein Weg zur Viererkette

Juli 15th, 2009 by Martin Hasenpflug

Ralf Rangnick kann man ohne weiteres als einen der Wegbereiter der Viererkette, bzw. der Raumdeckung in Deutschland bezeichnen. Mit einem Schlag sprach ganz Fußball-Deutschland über ihn, als er das System 1998 im ZDF-Sportstudio einem Millionenpublikum an der Taktiktafel erklärte. Also rund vier Jahre bevor die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2002 zum ersten mal mit einer Viererkette auflief. Damals gab es in der Bundesliga mit Gladbach lediglich ein Verein der die Viererkette praktizierte. Rangnicks Einladung ins Fernsehen kam am 19. Dezember 1998 aufgrund seines sportlichen Erfolgs mit SSV Ulm zustande. Er belegte damals als Aufsteiger zur Winterpause Platz 1. in der 2. Bundesliga.

1984 erfolgte Rangnicks erster Kontakt mit der Raumdeckung. Als Spielertrainer von Viktoria Backnang absolvierte er ein Testspiel gegen die mit Viererkette agierende Mannschaft von Dynamo Kiew. Ihn beeindruckte, dass die Kiewer in fast jeder Spielsituation in Überzahl waren. Das damals revolutionäre System fiel auf den Kiewer Trainer Valerij Lobanowski zurück. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Viererkette. In seinen 22 Jahren in Kiew wurde er 12x Meister, 9x Pokalsieger, zweimal gewann er den Europapokal der Pokalsieger und einmal den europäischen Supercup. Mit der sowjetischen Nationalmannschaft wurde er 1988 EM-Zweiter.

Rangnick war von der Spielart der Kiewer derart beeindruckt, dass er von nun an dieses System studierte wo es ging: Beim Trainingslager der Kiewer in Stuttgart-Ruit, wie auch bei Arrigo Sacchis, dem damaligen Trainer von AC Mailand. Was er damals lernte, erwartet er auch heute noch von seinen Hoffenheimer Spielern: Verschieben, aggressiv pressen und nach der Balleroberung nach Möglichkeit steil in die Spitzen passen.

Rangnick sieht den Trainer als einen Art Theaterregiseur. Seine Handschrift sollte auf der Bühne sichtbar sein, doch die (Schau-)Spieler müssen genügend Freiheiten besitzen Kreativität zu entwickeln. Er hält es für besonders wichtig den Gegner möglichst weit weg vom eigenen Tor zu halten und Quer, bzw. Rückpässe auf ein Minimum zu reduzieren. Er will möglichst aggressiv spielen, doch ohne zu foulen. Da sich die Spieler ständig ballorientiert verschieben, verschwendet ein geahndetes Foulspiel Energien der eigenen Mannschaft.

Die größten Erfolge Rangnicks als Trainer waren bisher die beiden Bundesliga-Aufstiege mit Hannover 96 und der TSG Hoffenheim, wie 2005 mit Schalke 04 die Vize-Meisterschaft und das Erreichen des DFB-Pokalfinale. Wohl einzigartig ist es, dass zwei von ihm betreute Vereine - Hoffenheim und Ulm - einen Durchmarsch von der Regionalliga bis in die 1. Bundesliga schafften!

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Der Weg des DFB zur Weltspitze der Talentförderung

Juli 10th, 2009 by Martin Hasenpflug

Mit dem Sieg der deutschen U21-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Schweden 2009 hat es zum ersten mal in der Fußballgeschichte ein Land geschafft mit drei Nachwuchsmannschaften innerhalb eines Jahres Europameister zu werden. Neben der U21, gewann auch die U19 und die U17 den Europameistertitel. Der letzte größere Erfolg der U21 lag schon 27 Jahre zurück. Damals unterlag man im Finale England mit einem Gesamtergebnis von 5:4.

Die neuerlichen Erfolge sind aber keine Zufälle, sondern die Ergebnisse großer Umstrukturierungen der Talentförderung des DFB. Seit 2002 wurden viele Bereiche der Jugendarbeit massiv überarbeiten. Dies war nötig, da bis dato viele Talente unentdeckt blieben, bzw. die entdeckten Talente nicht immer gezielt gefördert wurden.

Mit der Saison 2002/03 wurden in Deutschland 387 DFB-Stützpunkte eröffnet. In diesen Einrichtungen werden jedes Jahr ca. 16.000 Jugendliche von ca. 1.200 Honorartrainern, zusätzlich zum Vereinstraining, ausgebildet. Die Kosten für dieses Projekt belaufen sich jährlich auf ca. 10 Millionen Euros. Ebenfalls seit 2002 sind alle Erst- und Zweitligisten dazu verpflichtet Leistungszentren zu unterhalten. Diese Kosten belaufen sich jährlich für die Vereine auf etwa 70 Millionen Euros.

Neben diesen beiden Projekten sind 2006 noch die Eliteschulen des Fußballs dazugekommen. Hier soll den potentiellen Profispielern die Doppelbelastung von Schule und Leistungssport genommen werden. Es findet eine parallele Ausbildung statt. Bereits im Rahmen des Vormittagsunterrichts sind Trainingseinheiten enthalten. Zusätzlich wird eine Reihe an verschiedenen Service, wie Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung und flexible Klausurtermine angeboten. Somit können die Eliteschulen optimal mit den Leistungszentren der Profivereine zusammenarbeiten. Die Eliteschulen werden von variablen Fördergeldern des DFB finanziell unterstützt.

Neben diesen drei Einrichtungen setzt der DFB auf eine verbesserte und intensiverer Trainerausbildung. So wird es z.B. keine Sonderbehandlung mehr für verdiente Ex-Profis geben. Um eine Profimannschaft zu trainieren ist eine 10-monatige Ausbildung zum Fußballlehrer nötig. Um eine Oberligamannschaft zu trainieren die DFB-A-Lizenz, um Stützpunkttrainer zu werden die B-Lizenz und um Trainer im U14-Nachwuchs-Cup zu werden die C-Lizenz.

Auch das gesamten Umfeld der U-Mannschaften ist professioneller geworden. So wird eine Datenbank mit dem Ziel unterhalten die verschiedenen Jugendnationalspieler gezielter fördern zu können. Es werden darin alle Informationen von sportmedizinischen Untersuchungen, Leistungstests, Spiel- und Spielerbeobachtungen eingepflegt. Auch der Trainerstab wurde bei allen U-Mannschaften stark erweitert. So gehören nun zu jeder Mannschaft, neben den Haupttrainern, drei Physiotherapeuten, jeweils ein Arzt, Psychologe, Fitnesstrainer, Torwarttrainer und Videoanalyst. Das ist ein vergleichbarer Umfang wie bei einem Bundesligisten.

Ein weiterer Grundpfeiler der DFB-Talentförderung ist der psychologische Aspekt. Man will starke Spieler mit einer starken Persönlichkeit und Siegermentalität ausbilden. Dazu werden die Spieler in Entscheidungen mit einbezogen, erhalten Medientraining und werden in ihrer Ausbildung weder unter- noch überfordert.

Des weiteren wird ein Schwerpunkt auf Individualtraining und der Förderung von Kreativität gelegt. Laut DFB fördert Individualtraining das Niveau einer ganzen Mannschaft. So werden regelmäßig bei Lehrgängen Techniktrainer heranzogen die dann 3-4 Spieler aus der Mannschaft herausnehmen und mit diesen ein spezielles Training absolvieren. Es werden dann z.B. Grundtechniken oder positionsspezifische Erfordernisse trainiert.

Auch hat der DFB eine einheitliche Spielphilosophie für alle Nationalmannschaften schriftlich vorgegeben. So sollen alle Mannschaften die Viererkette in einem 4-4-2-System spielen. Aus einer kompakten und disziplinierten Deckung heraus soll mit einer dynamischen Spielweise offensiv agiert werden. Das Mittelfeld soll in der Lage sein sich sehr schnell den verschiedenen Spielsituationen anzupassen, variantenreich und attraktiv Fußball zu spielen. Auch ein sicherer Spielaufbau mit überraschend schnell gestalteten Angriffsaktionen sind angesagt. Die Abwehrspieler sollen offensiv agieren und alle Spieler stets zweikampfstark - aber fair - agieren.

Die ersten Erfolge mit den neuen Strukturen sind also erzielt. Der DFB in Form von Matthias Sammer kündigte aber an, dass dies erst der Beginn der Entwicklung sei. Das neue Konzept sei mittel- und langfristig angelegt und deshalb sei von deutschen Nachwuchsmannschaften noch viel zu erwarten.

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