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Jan 02 2011

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Defensivverhalten in der Grundformation 4:2:3:1

In der Vergangenheit haben wir uns ausschließlich, wenn es um Spielformationenen ging, ans 4:4:2-System orientiert. Das hat den Grund, dass man in dieser Formation beim gegnerischen Spielaufbau über zwei Viererketten hinter dem Ball verfügt. Gerade bei einer Mannschaft die noch nicht so lange ballorientiert mit einer Viererabwehrkette verteidigt, steht man sehr kompakt und so können auch die Mittelfeldspieler die neuen Lerninhalte des ballorientierten Verteidigens anwenden. Denn die Viererkette im Mittelfeld verhält sich beim Verteidigen gleich der Viererabwehrkette. Außerdem besticht das 4:4:2-System durch eine sehr gute Raumaufteilung.

Die Grundformation im 4:2:3:1-System

Die Grundformation im 4:2:3:1-System

Die deutsche Nationalmannschaft hat bei der WM 2006 noch in der Grundformation 4:4:2 agiert. Mit Portugal und Frankreich gab es damals auch Mannschaften die sich entschlossen haben im 4:2:3:1-System zu spielen. Für das 4:2:3:1-System spricht, dass eine situative Variabilität durch flexible Positionswechsel leichter umzusetzen ist. Diese 4:2:3:1-Grundformation hat sich in den letzten Jahren etabliert, so dass bei der WM 2010 die meisten Mannschaften aus dieser Grundformation heraus spielten.

Beide Systeme unterscheiden sich im Grunde nicht besonders stark voneinander. Sie verfolgen die gleichen teamtaktischen Prinzipien: Viererkette auf der hintersten Linie. Zwei zentrale Mittelfeldspieler, die für einen kompakten zentralen Block vor dem eigene Tor sorgen und zugleich kreative Spielmacher sind. Und ein doppelt besetzter Flügel.

Unserer Meinung nach wird die Bedeutung der Grundformation oft überschätzt. Letztendlich entscheidet nicht das Spielsystem über Sieg oder Niederlage, sondern die Qualität der Einzelspieler und wie diese in der Lage sind, sich in das praktizierte Spielsystem zu integrieren. Hinzu kommt, dass sich eine Grundformation je nach Spielsituation sowieso verändert. Das 4:2:3:1 wird bei Ballbesitz schnell zu einem 4:3:3 und beim Verteidigen zu einem 4:4:1:1.

Oberstes Ziel der Defensivarbeit ist es, egal mit welcher Grundformation man spielt, geschlossen zum Ball zu verschieben. Damit verengt man die Aktionsräume des Gegners und verzögert den Angriff. Das Spiel mit der Viererabwehrkette variiert bei den verschiedenen Grundformationen kaum. Eine große Veränderung im Agieren der Abwehrspieler hat sich jedoch in den letzten Jahren heraus gestellt. Bei einem gegnerische Angriff über den Flügel schieben die Innenverteidiger heutzutage nur noch selten komplett durch, um den Außenverteidiger abzusichern oder mit ihm zu doppeln. Die üblicherweise kopfballstarken Innenverteidiger bleiben jetzt im Zentrum, um dort herein geflankte Bälle zu verteidigen. Schieben die Innenverteidiger durch, kann es dazu kommen, dass die in der Regel kopfballschwachen Außenverteidiger in Luftduelle mit kopfballstarken Angreifer müssen.

Situation: Ball außen

Situation: Ball außen

Wie sich nun die komplette Mannschaft beim gegnerischen Angriff im 4:4:2-System verhält haben wir in verschiedenen Artikeln beschrieben. z. B. hier. Doch wie sieht es im 4:2:3:1 aus? Hat der Gegner am Flügel das Mittelfeld überspielt und der Außenverteidiger rückt vor, bleiben die Innenverteidiger wie beschrieben im Zentrum. Das bedeutet erstmal, dass die Außenverteidiger noch besser als früher im 1 gegen 1 sein müssen, da sie keine Unterstützung von den Innenverteidigern erhalten.

Wir raten jetzt dazu, dass die ballnahen 6er und Mittelfeldaußen Richtung Außenverteidiger zum Doppeln schieben sollen. Die Wege dieser Spieler sind im 4:2:3:1 deutlich größer als im 4:4:2, deshalb muss der Außenverteidiger nun oft den Angriff verzögern (entgegenstarten – zurückweichen) um Zeit zu gewinnen. Alle Mittelfeldspieler rücken ein und der ballferne Mittelfeldaußen lässt sich dabei bis auf die Höhe der 6er fallen. Der offensive Mittelfeldspieler stellt ebenfalls in Ballnähe eine Anspielstation zu und der Angreifer versucht in der Tiefe anspielbereit zu sein, sobald seine Mannschaft den Ball erobert.

Befindet sich der Ball auf zentraler Position im Mittelfeld, rückt ein 6er vor und bildet zusammen mit dem zweiten 6er und dem ballnahen Mittelfeldaußen ein Abwehrdreieck. Der ballferne Mittelfeldaußen lässt sich auf der Höhe des andere Mittelfeldaußen fallen. Der offensive Mittelfeldspieler versucht nach hinten zu doppeln.

Ein Trend im Spitzenfußball, der sich zeitgleich mit der 4:2:3:1-Grundformation entwickelte, ist das höhere Agieren des Mannschaftsverbands. Noch bei der WM 2006 agierten die Teams sehr tief. Die Mittelfeldaußen ließen sich dabei zeitweise bis auf die Höhe der Viererabwehrkette fallen. Der Spielaufbau des Gegner wurde erst recht spät gestört. Zusätzlich diente das Anlaufen / Anchecken weniger der Spielsteuerung zum Hervorrufen gezielter Pressingssituationen, als der Spielverzögerung.

Situation: Ball zentral

Situation: Ball zentral

Das man nun als Mannschaft höher agiert resultiert aus einem besser abgestimmten Verhalten der einzelnen Mannschaftsteile. Weiß man, dass Abläufe wie Absicherung und Doppeln gut funktionieren, kann man mehr Risiko eingehen und weiter vorrücken. Der Vorteil dieser Spielweise liegt in der kürzeren Distanz zum gegnerischen Tor, sobald man den Ball erobert hat.

Ein weiterer Trend im Spitzenfußball ist das Angriffspressing. Hier wird der ballführende Gegner nicht angelaufen, um Zeit für zurücklaufende Mitspieler zu schaffen. Es geschieht im Rahmen einer mannschaftstaktischen Handlung, um den Spielaufbau des Gegners zu steuern. Der Angreifer läuft den Ballführenden Innenverteidiger schräg an, um einen Pass zum Außenverteidiger zu provozieren. Wird der Ball zum Außenverteidiger gespielt, lässt er sich leicht nach außen zurückfallen. Er beobachtet genau das Verhalten des Außenverteidigers. Zögert dieser, so rückt der Angreifer wieder vor und stellt dem Außenverteidiger den Rückpass zum Innenverteidiger zu. Diese Aktion des Angreifers ist nun Signal für die ganze Mannschaft Richtung Ball vorzuschieben und zu attackieren. Ein Foulspiel muss hier unbedingt vermieden werden.

In der Vergangenheit war es so, dass nach einem Ballverlust schnellstmöglich versucht wurde einen kompakten Mannschaftsverband hinter dem Ball zu bilden. In Zukunft wird man in solchen Spielsituationen häufiger sehen, dass eine Mannschaft eine direkte Wiedereroberung des Balls anstrebt. Auch hier profitiert man von einer kürzeren Distanz zum gegnerischen Tor. Zusätzlich hat der Gegner in solchen Situationen bereits auf Angriff umgeschaltet und ist somit in der Defensive ungeordnet.

Als Trainer sollte man beim Spiel mit der 4:2:3:1-Formation unbedingt bedenken, dass die Mittelfeldaußen große Laufarbeit zu leisten haben und die Außenverteidiger sehr gut im 1 gegen 1 sein müssen und sogar noch besser, wenn man sich dazu entschließt die Innenverteidiger nicht durchzuschieben.

Um das volle Potential einer Mannschaft auszuschöpfen, darf sich maximal ein Spieler der Defensivarbeit entledigen. Sollten dies mehrere Spieler tun, so wird man als Mannschaft Probleme bekommen seine Kompaktheit stets aufrecht zu erhalten. Durch variable Angriffsaktionen des Gegners kann diese, sollte man bspw. nur mit sieben Spielern verteidigen, einfach aufgelockert werden.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.abwehrkette.de/4-2-3-1/

10 Kommentare

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  1. Timo

    Toller Artikel! Kann ich das hier beschriebene Defensivverhalten auch auf das 4-3-3 übertragen? Also Grundformation 4-2-1-3 (und nicht 4-2-3-1). Offensive: 4-3-3 und Defensive: Das hier beschriebene 4-4-1-1. Wird das 4-3-3 in der Defensive zu einem 4-4-1-1? Und noch eine letzte Frage: In meinem Gästebucheintrag vom 14.12 schreibst du der ballferne Aussenspieler kann auch mal vor dem Ball bleiben… Wie sähe dann die Defensivorganisation aus? Und unterscheidet sich das zentrale Mittelfeld im 4-3-3 vom zentralen Mittelfeld im 4-4-4-2/4-4-1-1? Fragen über Fragen… Ich freue mich auf deine antworten und werde sie an meine c-Jugend mit Freude weitergeben.

    Freundliche sportliche Grüße und schonmal danke im vorraus!
    Timo

  2. ich

    @Timo: Ich glaube, du denkst viel zu sehr in den engen Bahnen der Aufstellungen des 4-4-2, 4-3-3, 4-5-1 usw. Die Aufstellung an sich ist völlig unerheblich. Wichtig ist die Ausrichtung.

    Mittlerweile wird in jedem System, ob 4-3-3 oder 4-5-1 mit zwei Viererketten agiert, wenn der Gegner im Ballbesitz ist. Daher wird auch nur noch sehr selten mit Raute gespielt, weil dabei keine Viererkette im Mittelfeld entsteht.

    Das 4-3-3 (4-2-1-3) ist im Prinzip nichts anderes als ein 4-2-3-1 oder 4-4-1-1 mit vorgezogenen äußeren Mittelfeldspielern. Das 4-3-3, wie es Barca spielt (4-1-2-3) ist ein 4-1-4-1 mit ebenfalls vorgezogenen äußeren Mittelfeldspielern. Ist der Gegner im Ballbesitz, lassen sich die äußeren offensiven Spieler fallen, sodass sie mit den Sechsern eine Viererkette bilden.

    Das zentrale Mittelfeld im flachen 4-4-2 unterscheidet sich von dem im 4-3-3 je nachdem, ob man mit zwei echten Spitzen spielt oder nur mit einer (4-4-1-1/4-2-3-1). Spielt man mit zwei Sechsern ohne den zentral-offensiven MFS, hat man ein klassisches 4-4-2 mit zwei Spitzen. So spielte England bei der WM 2010. Man hat dadurch aber kein Dreieck im zentralen MF, was im Spielaufbau und auch in der Rückwärtsbewegung Probleme bereitet, weil nicht genügend Absicherung besteht. Zwei Spieler auf einer Linie sind im modernen Fußball einfach zu wenig, vor allem, wenn man gegen drei zentrale MFS spielt.

    Hier bedeutet ein quantitativer Nachteil gleichzeitig einen qualitativen Nachteil. Daher war England auch so schwach und musste sich zurecht den Vorwurf gefallen lassen, nicht modern gespielt zu haben.

    Grundsätzlich gilt: je mehr Linien eine Mannschaft bildet, desto mehr Möglichkeiten bestehen, im Spielaufbau. Gleiches gilt für die Defensive. Beim Verschieben der Viererkette auf die Außen entstehen drei Linien (1. ballnaher AV; 2. ballnaher IV; 3. ballfener IV). Der ballferne AV stellt keine eigene Linie dar. Er agiert zwischen den Linien 2 und 3. Dass er aber vor dem Ball sein darf, halte ich für riskant.

  3. Mathies

    Würde mir mehr Informationen zum 4-2-3-1 wünschen! Ist meiner Meinung nach das System der Zukunft! Lassen sich die beiden Aussenbahnspieler direkt auf Höhe der doppel 6 fallen oder bilden sie zusammen mit dem zentralen Spielmacher (10) und dem eingerückten ballfernen Aussenbahnspieler die erste Verteidigungslinie und werden von der doppel 6 abgesichert? Wie sieht das variable angreifen konkret aus?

    Gruß Mathies

  4. Sekulovic Aleksander

    Wie trainiere ich die Doppel 6 ! ?????
    Bitte um ein Beispiel !!!!

  5. D. Masullo

    Ich finde es gut, das dieses heiktle Thema aufgegriffen wird.
    Deiner Aussage, dass es nciht auf das System sondern auf die Ausrichtung ankommt untschrteibe ich sofort.
    Es gibt einen elementaren Punkt den ich anders sehe. Es ist nicht erforderlich in der Defensive mit zwei Viererketten zu agieren. Dies ist in Ordnung wenn man die 10 als hängenede Spitze interpretiert. Somit ändert sich das Verteidigungsverhalten zum Spielsystem 4-4-2 nicht.
    Wenn man allerdings den Schwerpunkt auf offensive Außen (damit sind auch die AV gemeint) legt, muss die 10 aktiver in dei Verteidigungsarbeit eingtreifen. In diesem Fall sind die Schaubilder nciht zu empfehlen.
    Wenn beim Schaubild „Ball zentral“ die 10 tiefer steht und die gegnerische 6 zustellt, kann sich die eigene 7 offensiver postieren und zwingt somit die gegnerische 6 und die gegnerische 3 sich defensiver zu orientieren.
    Ich persönlich bevorzuge diese Spielweise, da man somit seine Philosophie der offensiven Außen dem Gegner aufdrängt.
    Habe lange im Jugendbereich gearbeitet und habe jetzt meine erste Männerstation übernommen. Bis jetzt wurde diese Art des Verteidigens gut umgesetzt und hat dazu geführt, den Gegner in der eigenen Hälfte zu binden oder bei Balleroberung immer eine Überzahl auf den Außen zu haben und somit torgefährliche Konter zu setzen.
    Finde den Artikel trotzdem sehr gut, für alle Mannschaften die mit zwei Viererketten verteidigen.

  6. Tim

    Hallo D. Masullo!

    Sehr interessanter Kommentar!
    Wie läst du gegen den Ball spielen? Im 4-2-3-1 und nicht mit 2 Viererketten im 4-4-1-1?

    Gruß Tim

  7. Rune B.

    Schöner Artikel.
    Interessant ist, dass ich ein ähnliches AV-Spiel schon vor mehr als 10 Jahren während meiner Jugend gelernt habe.
    Bei Werder…
    Komisch, dass diese Erkenntnisse bei der Profimannschaft nie angekommen sind.

  8. Tom

    Vorallem wenn man schnelle Aussenstürmer hat die sich für die devensive nicht zu schade sind sehe ich riesen Vorteile gegenüber einem 442.Einer der 6er hat im Optimalfall das Komando zum Verschieben in forderster Front. Wenn dieser Mann aus der Zentrale die manchmal „lauffaulen Stürmer“ zum Verschieben bringt und man dem Gegner nur den Pass zum Aussenstürmer anbietet( Passwege zur Mitte zustellen durch Aussenstürmer und „10er“) , steht der Gegner oft 1 gegen 2 gegen AV und 6er, .Und zur Not hilft der IV mit. Wir Spielen das System seit einiger Zeit sehr erfolgreich und kann durchaus auch in unteren Klassen gespielt werden.

  9. wolf burg

    In unteren Klassen ist die Vierekette kein Allerheilmittel.. Da keine Assistenten an der Außenlinie sind, besteht zu sehr die Gefahr, dass der Schiri ein Abseits übersieht. Es wird auch zuviel über Systeme geschrieben, eigentlich sind es taktische Abwandlungen.

  10. Lucas

    Hallo Martin!

    Ich bin ein großer Fan deiner Trainingsbücher und deiner Website. Besonders die Idee des Turbo-Lernfussballs finde ich richtig klasse!

    Folgende Frage habe ich an dich:

    Wann soll eine Mannschaft wie oben beschrieben verteidigen also im 4-4-1-1 und wann im 4-2-3-1 Pressing spielen wie zum Beispiel hier:http://www.abwehrkette.de/pressing-balleroberung/ ?
    Wann wird das 4-2-3-1 zum 4-4-1-1 und wann nicht?

    Wäre klasse wenn du mir diese Frage beantworten könntest!

    Viele Grüße
    Lucas

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