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Mai 03 2011

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Asymmetrische Abstände der Viererkette im Spitzenfußball

Als man im Spitzenfußball vor knapp 10 Jahren flächendeckend das ballorientierte Verteidigen einführte, verschob man bei gegnerischem Ballbesitz noch mit gleichbleibenden Abständen der Spieler zueinander zum Ball. Dies wurde unabhängig von den Positionen der Gegenspieler gemacht und hatte die Überzahl in Ballnähe zum Ziel. Diese Vorgehensweise führt zu einer günstigere Ausgangssituationen für einen kontrollierten Ballgewinn.

Vergleich: Symmetrische und Asymmetrische Abstände

Vergleich: Symmetrische und Asymmetrische Abstände

Doch zu jeder neuen Strategie, in diesem Fall der Verteidigungsstrategie ballorientiertes Verteidigen, werden irgendwann Gegenstrategien entwickelt. So ist es auch hier so gekommen: Bei äußerer Ballposition rückt der ballferne Außenverteidiger so stark ein, dass er mit einem diagonalen Flugball zu einem offensiven Außenspieler von diesem überlaufen werden kann. Dribbelstarke Außenspieler können sich am Flügel, aufgrund ungünstiger Positionen (hinter dem Ball oder zu weit weg) der Mitspieler leicht durchsetzen. Spielt der Gegner mit zwei zentralen Angreifern kann es aufgrund den symmetrischen Abständen dazu führen, dass bei einer äußeren Ballposition nur ein Verteidiger zugriff auf diese hat. Durch neue Grundformationen, wie z. B. das 4-2-3-1 verfügt der Gegner über einen zentralen Offensivspieler, der sich zwischen den Mannschaftsteilen Abwehr und Mittelfeld bewegt. Wird er angespielt und kann sich in Spielrichtung aufdrehen, ist er in der Lage mit einem Pass in die Schnittstelle eine klare Torchance zu kreieren. Rückt ein Innenverteidiger dagegen vor, damit kein Pass zu ihm gespielt werden kann oder er sich nicht in Spielrichtung aufdrehen kann, so entsteht in seinem Rücken ein freier Raum in die eine querlaufende Sturmspitze starten kann.

Gute Mannschaften sind in der Lage diese Schwachstellen des ballorientierten Verteidigens auszunutzen. Um jedoch jetzt nicht auf die Vorteile des ballorientierten Verteidigens verzichten zu müssen und trotzdem gegen diese Gegenstrategien gewappnet zu sein, hat sich das ballorientierte Verteidigen im Spitzenfußball etwas gewandelt. Die vormals propagierte Lehrmeinung der symmetrischen Abstände von 10 Metern der Spieler zueinander wurde aufgehoben und im modernen Spitzenfußball gilt es nun den Lehrsatz der asymmetrischen Abstände zu befolgen. Zum einen soll jetzt nur noch die Ballseite Richtung Ball schieben und die ballfernen Außenspieler sollen ballfern, zwecks Anspielstation beim Ballgewinn, bleiben. Außerdem wird empfohlen nur situativ zu verschieben. Also nicht mehr rein abhängig von der Ballposition, sondern auch von den Gegnerpositionen.

Die Gegenstrategie zur Gegenstrategie des ballorientierten Verteidigens sieht nun wie folgt aus: Damit der ballferne Außenverteidiger nun nicht vom Flügel aus oder einem Halbraum heraus mit einem diagonalen Flugball überspielt werden kann, rückt er nun nicht mehr so weit nach innen ein, sondern bleibt soweit außen, dass er einen eventuellen Flugball abfangen kann. Ist ein offensiver Außenspieler dabei sich am Flügel durchzusetzen, bleibt der ballnahe Innenverteidiger nun nicht mehr 10 Meter hinter dem Außenverteidiger und 10 Meter vor dem ballfernen Innenverteidiger, sondern je nach Trainervorgabe doppelt er zusammen mit dem Außenverteidiger oder bleibt im Zentrum zum decken einer Sturmspitze. Das Doppeln zusammen mit einem Innenverteidiger ist günstiger, da dieser aus einer tieferen Position zum Gegner startet und nicht von hinten kommen muss wie der Mittelfeldaußen. Vorteil: Die 6er können im Zentrum zwecks Bildung einer kompakten Einheit bleiben. Nachteil: Ein kopfballschwacher Außenverteidiger trifft eventuell auf eine kopfballstarke Sturmspitze.

Bewegt sich ein zentraler Offensivspieler vor der Abwehr, bleiben die Innenverteidiger auf Höhe der Kette und rücken nicht raus. Nur so kann die Abwehr eine querlaufende Spitze verhindern. Erst mit dem Zuspiel zu ihm rückt der ballnahe Innenverteidiger raus, hindert den Offensivspieler ans Aufdrehen und der ballnahe 6er kommt zum Doppeln.

Trotz dem geschilderten Trend zum Spiel mit der Viererkette im Spitzenfußball, empfehlen wir weiterhin für den Jugendbereich die vereinfachte Form der symmetrischen Abstände. So lernen die Spieler erstmal die Bedeutung vom Zustellen gefährlicher Räume. Wenn Sie dieses einfache Prinzip verstanden haben, kann man an die Feinheiten gehen und ihnen zeigen, wie sie in bestimmten Spielsituationen auch die Position des Gegners in ihrem Handeln mit einbeziehen. Man sollte auch bedenken, dass es gerade im Jugendbereich nur auf höchster Ebene passiert, das Gegenstrategien zum ballorientierten Verteidigen angewendet werden.

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10 Kommentare

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  1. Frank

    Super Artikel!
    Was hälst du vom „nicht verschieben“ der ballfernen Mittelfeldaussen? Eignet sich das auch für eine B Jugend die im 4-2-3-1 agiert? Und wovon sollte man seine Entscheidung abhänig machen?

  2. Initiative abwehrkette.de

    Probier es aus, dann wirst sehen ob’s passt. Wenn die Mannschaft auch ohne die ballfernen Außenspieler gut defensiv steht, sollte es funktionieren.

  3. Frank

    Danke! Und in wie fern soll mal das verschieben nicht nur von der Ballposition sondern auch vom Gegner abhänig machen?

  4. Initiative abwehrkette.de

    Spielt der Gegner mit einer Sturmspitze, braucht man nicht unbedingt mit beiden IV im Zentrum stehen. Die Verteidiger stellen sich so zu den Sturmspitzen, dass eine klare Zuordnung vorhanden ist. Leicht vor ihn, um eventuell flach zugespielte Pässe zu ihnen abfangen zu können. Das alles versteht sich natürlich bei einer Ballposition am Flügel.

  5. Frank

    Um nochmal zum Pressing zu kommen: beim kontrolliertem Spielaufbau (kurz und flach zu einem IV) spielt man diagonales Pressing. Und nach einem Ballverlust / langem Abstoss verteidigt man aus einer kompakten Defensive durch Dreieck und Sichelbildung. Richtig?

    Entschließt man sich den ballfernen Aussenspieler nicht durchzuschieben, wo agiert dieser dann? In der Halbposition auf Höher der drei ballnahen Spieler oder höher/weiter aussen?

    Und zuletzt sollen sich beim Pressing aus dem 4-2-3-1 die Mittelfeldaußen auch auf die Höhe der Doppel 6 fallen lassen, oder agieren diese beim Pressing höher?

    Vielen Dank im Vorraus Trainerfuchs!

  6. Frank

    Hallo Martin

    Eine allerletzte Frage hätte ich da noch:

    Für welchen Pass bietet sich der ballferne Mittelfeldaussen an? Lang und hoch in den Lauf oder flach und schnell in die Spitze?

  7. Frank

    Angenommen der Gegner wäre mit Ball auf dem linken Flügel, dann würde ballnahe Mittelfeldaussen zusammen mit der Doppel 6 (also die Ballnaheseite) versuchen den Ball wiederzuerobern. Der 10er würde Anspielsationen in Ballnäher zustellen und der ballferne Mittelfeldaussen bietet sich zusammen mit der zentralen Sturmspitze für ein schnelles Spiel in die Tiefe an. Habe ich das so richtig verstanden, wenn ja versuche ich so am Wochenende zu agieren. Grüße.

  8. Philipp Funken

    Hallo Zusammen

    Widerspricht das nicht verschieben der ballfernen Außenspieler nicht dem
    Grundsatz „alle verteidigen – alle greifen an“? Welche Defensivaufgaben hat den der ballferne Aussenspieler dann? Und wo orientiert er sich hin? Hat man nicht mehr Anspielmöglichkeiten wenn man konsequent zur Ballseite verschiebt?

    Schönen Feierabend…

  9. Philipp Funken

    Und noch eine Frage zählt der 10er im 4-2-3-1 zur ballnahen oder ballfernen Seite?

  10. Felix

    Hallo abwehrkette

    Spiele mit meiner D-Jugend seit dieser Saison mit Viererkette. Klappt gut, allerdings habe ich das Gefühl, das der ballnahe innenverteidiger bei flügelangriffen etwas ’nutzlos‘ im Raum steht. Noch verteidigen wir, wie empfohlen mit symmetrischen Abständen. Nun bin ich am überlegen, nächste Saison auf asymmetrische umzustellen. Ist das in der D-jugend schon überhaupt sinnvoll?

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