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Jul 12 2012

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Antipressingball: Lösen aus dem Pressing des Gegners

Leistungsorientierte Teams dreschen keine Bälle blind von hinten nach vorne und drücken den Stürmern dann die Daumen, dass sie sich irgendwie gegen die Abwehrspieler durchsetzen und ein Tor erzielen. Heutzutage besitzen alle ambitionierten Teams einstudierte Passkombinationen, um den Ball sicher in die gegnerische Spielfeldhälfte zu transportieren und sich von dort gezielt eine Torchance zu erspielen. Dazu eröffnet der Torwart zunächst kurz zu einem Innenverteidiger und das Kombinationsspiel nimmt seinen Lauf.

Diese kurze Spieleröffnung nehmen taktisch gut geschulte Teams oft zum Anlass den Ball mittels Pressing früh in der gegnerischen Hälfte zu erobern. Sie agieren dazu in der Regel im Mittelfeldpressing. Beim Abwehrpressing hat man nur eine geringe Kontrolle über den gegnerischen Spielaufbau und beim Angriffspressing wird dieser unter Umständen erst garnicht praktiziert.

Nochmal zur Erinnerung wie ein solches Pressing aussehen kann: Prinzipiell versucht man den Ball immer in einer aus Angreifersicht günstigen Position zu steuern und dort den Angespielte in Überzahl zu attackieren. Damit dies gelingt muss der Gegner zunächst zu Querpässen gezwungen werden. Dazu müssen erstmal alle Anspielstationen in der Tiefe zugestellt werden. Sobald der Querpass erfolgt, startet die Sturmspitze sofort in den Pass rein, stellt die Spielverlagerung zu und setzt gleichzeitig den Passempfänger unter Druck. Passwege ins Zentrum sind zugestellt und der ballnahe Außenverteidiger steht frei. Es haben sich bereits einige Spieler Richtung Außenverteidiger in Stellung gebracht und sobald dieser angespielt wird schnappt die Falle zu.

Gerät eine Mannschaft in ein solches Pressing wird es im wahrsten Sinne des Wortes für sie eng. Jedoch gibt es auch für solche Situationen im modernen Fußball Lösungen. Die Lösung heißt in diesem Fall Antipressingball. Der Antipressingball ist ein weiträumiger, meistens flacher und gezielter Pass aus der Umklammerung des Gegners. Aufgrund der Überzahl die der Gegner am Ball geschaffen hat, ist er in ballfernen Regionen dünn besetzt. Der weiträumige Antipressingball führt demnach zu einem Raumgewinn und ermöglicht einen Gegenangriff in Gleich- oder sogar Überzahl.

Links: Antipressingball des TW nach Rückpass eines gepressten IV. Mitte: Antipressingball gegen eine gegnerische Spitze. Rechts: Antipressingball gegen zwei gegnerische Spitzen.

Wird ein Innenverteidiger gepresst indem er von allen Seiten attackiert wird, bleibt ihm nur der Rückpass zum Torwart. Dieser kann nun einen Flugball in die Sturmspitze spielen. Dieser Pass vom Torwart ist auch eine Art Antipressingball. Wichtig ist es dann, dass die zentralen Mittelfeldspieler zum Gewinn des 2. Balls nachrücken. Ein Ballgewinn vor der gegnerischen Abwehrkette ermöglicht viele aussichtsreiche Spielfortsetzungen. Läuft man selbst Gefahr in einen solchen Antipressingball zu kommen, lässt man sich frühzeitig komplett als Mannschaft zurückfallen.

In den meisten Fällen wird es aber so sein, dass der Gegner das Spiel auf einen Außenverteidiger steuert. Hier sieht er nämlich eine gute Möglichkeit, mit Unterstützung der Seitenlinie, zu einer Balleroberung zu kommen. Außerdem kann durch ein geschicktes anlaufen des angespielten Außenverteidigers der weitere Spielverlauf bestimmt werden.

Der Außenverteidiger ist somit der Spieler der am häufigsten in der Situation kommt einen Antipressingball spielen zu müssen. Entsprechend sollte dieser auch am deutlichsten darauf eingestimmt werden. Abhängig von der Spielsituation stehen ihm zwei Varianten des Antipressingballs zur Verfügung.

Agiert der Gegner mit nur einem Stürmer, so stellt diese dem Außenverteidiger in der Regel die Rückpassmöglichkeit zum ballnahen Innenverteidiger zu. Der 10er verschiebt hinter der Spitze zum Ball. Der Außenverteidiger kann nun einen Antipressingball zwischen diesen beiden Spielern zum ballfernen Innenverteidiger spielen. Erhält er den Ball kann er mit einem weiträumigen Pass in den Halbraum (mittlerer Bereich zwischen zentraler Spielfeldachse und Seitenlinie) zum 10er oder zu einem ballnahen Stürmer die komplette Mittelfeldreihe des Gegners überspielen.

Damit dieser Passweg offen ist, darf der ballnahe 6er nach dem Antipressingball nicht zu weit Richtung Ball schieben. Mit dem weiten Vertikalpass des Innenverteidigers in den Halbraum schiebt der ballnahe 6er sofort zum Angespielten. Dieser kann dann je nach Situation aufdrehen oder den Ball klatschen lassen (6er coacht mit „klatsch“ oder „dreh“). In beiden Fällen befindet man sich frontal vor der Abwehrkette und kann im Idealfall direkt Pässe in die Schnittstelle spielen.

Sollte der Gegner mit zwei Stürmern spielen die gestaffelt zueinander agieren, wird es der Außenverteidiger schwer haben einen Antipressingball zum ballfernen Innenverteidiger zu spielen. In diesem Fall versucht er direkt einen Antipressingball in den Halbraum zum 10er oder der ballnahen Spitze zu spielen. Gerade wenn der Gegner versucht das Spiel ins Zentrum zu steuern, indem der gegnerische Mittelfeldaussen den Pass entlang der Linie zustellt, ist ein Passweg in den Halbraum wahrscheinlich möglich. Vorausgesetzt die eigenen ballnahen Mittelfeldaussen und 6er öffnen den Passweg, indem sie maximal breit gehen, bzw. sich Richtung zentraler Achse orientieren.

Der Antipressingball sollte in höheren Klassen, wo man auf gut organisierte Teams trifft, regelmäßig trainiert werden. Auch das Positionsspiel, wie es in Fußballtraining total – Das Martin-Hasenpflug-System vorgestellt wird, kann ein Mittel sein sich aus dem Pressing zu lösen. Hier befreit man sich jedoch mit schnellem Kombinationsspiel aus der gegnerischen Umklammerung.

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