Mit der Chile-Taktik erfolgreich im Jugendfußball

Der Fußball befindet sich in einem ständigen Evolutionsprozess. Besonders Fußballgroßereignisse wie eine Fußball-WM setzen neue taktische Maßstäbe. Was bei der einen WM noch State of the Art war, sieht in vier Jahren wieder anders aus. Strebte man vor wenigen Jahren noch lange Ballstafetten an, so will man nun nach einem Ballgewinn schnell nach vorne spielen. Diese Spielweise macht sich vor allem in der Torausbeute der Teams bemerkbar. Bei der Fußball-WM 2010 erzielten die Teams gerade mal soviele Tore, wie es die Teams 2014 schon nach der Hälfte der Achtelfinalspiele schafften.

Aber auch das Defensivspiel verändert sich. Nicht mehr so radikal wie früher, als der Wechsel von einem Gegnerorientierten zu einem Ballorientierten Spiel kam, sondern im Detail. Einige Zeit glaubte man, dass es ohne eine Viererabwehrkette nicht mehr geht. Dass es doch ohne geht, zeigte bei der WM 2014 die chilenische Mannschaft mit ihrer Dreierabwehrkette. Aber auch andere interessante Merkmale wies ihr Spiel auf.

Den eingesparten Spieler in der Abwehr haben die Chilenen in die Offensive gepackt. Offensivpower anstatt mauern und abwarten. Die Grundformation ist ein 3-5-2, welches sich je nach Spielsituation ändert. Bei einem Angriff verfügt man über drei Stürmer, zwei offensiven Außenspielern und einem Zehner. In der Defensive kann aus diesem System schnell eine Fünferkette mit zwei Sechsern werden.

Aber eine raffinierte Taktik allein gewinnt kein Spiel. Darüber hinaus ist eine gewisse individuelle Qualität nötig und Spieler die Laufbereitschaft und Bissigkeit zeigen. Bei Chile stimmte Taktik und Einstellung. Sie gewannen u.a. gegen den Titelverteidiger Spanien mit 2:0 und schieden erst im Achtelfinale nach einem Elfmeterschießen gegen den Gastgeber Brasilien aus.

Im Folgenden wird beschrieben, wie man die Chile-Taktik einfach in den Jugendfußball transferieren kann. Jede einigermaßen ambitionierte Mannschaft kann den Gegner so permanent unter Druck setzen, ihn in Pressingfallen locken, über viele offensive Anspielstationen verfügen und dabei trotzdem Defensiv gut stehen. Das 3-5-2 ist kein Allheilmittel, doch gut zu sehen, dass es neben den populären Formationen 4-4-2 und 4-2-3-1 auch noch andere sinnvolle Spielsystem gibt.

Das Hauptmerkmal des 3-5-2 ist die hohe Anzahl der Offensivspieler und die Überzahl im Zentrum. Diese Stärken gilt es sich bewusst zu machen und sie für seine Spielweise zu nutzen. Ein aggressives Pressing mit einer Steuerung ins Zentrum ist die logische Folge.

Wie man die Dreierkette besetzt muss jeder Trainer für sich entscheiden. Ob er dort mit drei gelernten Innenverteidigern (IV) spielen will, oder mit nur einem IV und zwei gelernten Außenverteidiger (AV). Das Entscheidende für eine stabile Defensive wird sein, dass die drei Abwehrspieler eng beisammen stehen, um Pässe in die Schnittstelle zu verhindern. Im Angriff schaltet sich nur der ballnahe AV ein. Der ballferne AV, der IV, wie ein Sechser sichern ab.

Raumaufteilung und Laufwege einer Mannschaft im Chile-System

Raumaufteilung und Laufwege einer Mannschaft im Chile-System

Spielaufbau

Beim Spielaufbau agieren die drei Verteidiger auf einer Höhe etwa auf Strafraumbreite. Sie verlagern geduldig den Ball mit dem Ziel einen vertikalen Pass zu spielen. Mit flachen Pässen will man den Ball immer eine Ebene höher transportieren. Der Passempfänger wird mit „klatsch“ oder „dreh“ gecoacht. Bei „klatsch“ möglichst ein Spiel zum Dritten absolvieren. Höher postierte Spieler die ohne Gegnerdruck stehen bevorzugt anspielen und dann mit „dreh“ coachen.

Die Sechser absolvieren hinter der gegnerischen Offensive gegengleiche Bewegungen. Sie bewegen sich hauptsächlich auf einer vertikalen Achse und der ballferne Sechser bietet sich für diagonale Zuspiele an. Die Mittelfeldaussen (MA) stehen hoch und bieten sich an der Seitenlinie für Pässe der AV an, bzw. zeigen sich im Halbfeld dem ballführenden IV.

Wurde der Ball ins zentrale Mittelfeld transportiert, kann man sich mit Schnittstellenpässe, bzw. mit 2 – 3 schnellen Passkombinationen eine Torchance erspielen. Hier möglichst oft direkt zum Dritten spielen! Bei äußerer Ballposition läuft der ballnahe Stürmer im Rücken des gegnerischen AV Richtung Seitenlinie und bietet sich für einen Longline-Pass an. Ist man außen, nahe der gegnerischen Grundlinie in Ballbesitz, versucht man den Ball flach in den Strafraum zu bringen. Mit dem zweiten Stürmer, dem Zehner, einem Sechser und dem ballfernen MA kann man hier über vier Anspielpunkte verfügen. Flache Pässe von außen in den Strafraum sind relativ einfach zu verwerten.

Pressing im Chile-System

Pressing im Chile-System

Pressing

Um das volle Potential der Chile-Taktik zu nutzen spielt man ein aggressives Pressing. Dazu muss der Gegner zunächst provoziert werden das Spiel mit flachen Pässen aufzubauen. Dafür zieht man sich bei Ballbesitz des gegnerischen Torwarts komplett in das mittlere Spielfelddrittel zurück. Man steht nach innen hin eingerückt (kompakt). Dem Torwart werden so seine IV als sinnvolle Anspielstation angeboten. Diese lässt man nach einem Zuspiel des TW auch zunächst gewähren. Vorab muss sich die Mannschaft aber über einen Pressingauslöser im Klaren sein. Ein Pressingauslöser ist eine günstige Spielsituation um eine aktive Balleroberung zu starten. Dies kann z. B. ein schlechter Pass der Verteidiger untereinander oder ein zögerliches Agieren eines Verteidigers nahe dem eigenen Mannschaftsverband sein.

Die aktive Balleroberung, also der Start des Pressings sieht so aus, dass der ballnahe Stürmer (ST) den ballführenden Gegner so im Bogen anläuft, dass dieser keine Verlagerung spielen kann. Er setzt ihn unter Druck und lässt ihm nur die Möglichkeit seinen AV anzuspielen. MA hat sich zeitgleich auf Schlagdistanz des AV begeben. Wird AV nun angespielt, läuft MA ihn so im Bogen an, dass kein Pass entlang der Linie möglich ist. MA ist bissig. Durch das Schließen der „Linie“ wird das Zentrum geöffnet. Hier hat man Überzahl und kann effektiv doppeln. Mit dem Pass ins Zentrum stellt der ballnahe Sechser den angespielten Gegner mit dem Rücken zum Spiel und der Zehner geht auf den Ball und erobert ihn ohne foul zu spielen. Es folgt ein schneller Gegenangriff!

Während des Pressings lässt sich der ballferne ST diagonal nach hinten fallen, um mögliche Passwege des Gegners zu schließen. Situativ deckt der ballnahe AV einen Gegenspieler eng. Ist Druck auf den Ball agiert IV hoch und der ballferne AV auf seiner Höhe.

Sollte der anlaufende ST den ballführenden IV nicht nach außen steuern können, da dieser nach innen wegdribbelt, läuft ST nach und setzt ihn weiter unter Druck. Bei vorhanden Kraftreserven kann man jetzt ein Pressing auf der anderen Seite starten. Kann sich der Gegner dagegen komplett aus dem Pressing herausspielen, lässt sich die Mannschaft diagonal nach hinten fallen, um nicht mit einem diagonalen Flugball überspielt zu werden.

War das Pressing nicht erfolgreich und der Gegner greift durch das Zentrum an, so lassen sich beide MA auf Höhe der drei Verteidiger fallen und bilden eine Fünferkette. Fast die komplette Breite des Spielfelds ist dann abgedeckt. Greift der Gegner dagegen über außen an, übt der ballnahe MA Druck auf den Ball aus und der ballferne MA lässt sich auf Höhe des ballfernen AV fallen.

In der Abwehr muss es eine klare Zuständigkeit betreffend der Gegenspieler geben. Sobald der ballferne AV feststellt, dass er gegen zwei Gegner spielt, muss er den vor ihm agierenden MA in die Abwehrkette beordern. Bekommt MA vom AV kein Kommando geht er davon aus, dass AV alles unter Kontrolle hat. Bei der Chile-Taktik muss MA viel laufen. Er muss erkennen, wann noch Pressing gespielt werden kann (Schlagdistanz zum gegnerischen AV gehen) und wann der Gegner sich aus dem Pressing herausgespielt hat (in die Abwehrkette gehen).

Erfolgt ein Rückpass zum gegnerischen Torwart, so soll dieser immer vom ballnahen Offensivspieler auf der Seite seines starken Fußes angelaufen werden. So wird ein Pass in schlechter Qualität zu einem Verteidiger provoziert. Erfolgt dieser Pass nun im Rücken des Verteidigers, drucklos oder der Ball springt, dann schaltet man sofort ins Angriffspressing um.

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1 Kommentar

  1. Stark. Danke.

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