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Feb 20 2011

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Erfahrungsbericht: In einer Woche zum ballorientierten Spiel?

In diesem Artikel möchten wir der Frage nachgehen, ob es möglich ist eine C2-Jugendmannschaft innerhalb einer Woche auf das ballorientierte Spiel mit Viererkette umzustellen. Es geht also nicht nur darum vier oder mehr Spielern zu zeigen wie sie innerhalb einer Viererabwehrkette spielen, sondern das Ziel lautet das Spielsystem einer kompletten Mannschaft umzustellen. Eine Viererabwehrkette allein bringt nichts, wenn das Zusammenspiel mit dem Mittelfeld nicht funktioniert, man nicht in der Lage ist einen kompakten Mannschaftsverband hinter dem Ball zu bilden, oder einem die Prinzipien von Pressingzonen, doppeln, absichern, verschieben, Abstände halten, Verhalten bei Unorganisiertheit usw. unbekannt sind.

Ausgangspunkt sind also 13-Jährige Spieler die noch keinen Berührungspunkt mit dem ballorientierten Spiel hatten. Als Trainer stößt man nun während der laufenden Saison zu dieser unbekannten Truppe und hat das Ziel schon im nächsten Spiel ballorientiert mit zwei Viererketten und zwei Angreifern zu spielen. Weil dies noch nicht Herausforderung genug ist, soll man sich in dieser Woche noch in den Bereichen Doppelpass, Ballan- und Mitnahme in Verbindung mit Torschuss, Dribbling und Antrittsschnelligkeit verbessern. Diese Lerninhalte werden jedoch so in den drei Trainingseinheiten eingestreut, dass der Taktikschwerpunkt Ballorientiertes Spiel für alle Spieler als interessant und lehrreich empfunden wird. Außerdem möchte man noch erreichen, dass alle Spieler ständig beschäftigt sind und sehr viele Ballkontakte haben. Dies kann einem durch Bildung von kleineren Gruppen gelingen.

Im folgenden werden wir die Inhalte der drei Trainingseinheiten kurz darstellen und dann eine kleine Analyse zu dem darauffolgenden Spiel abgeben. Auf jedenfall sollte man bei einer Nachahmung des beschriebenen Vorgangs darauf achten, dass man bereits einige Erfahrungen im Umstellen auf Viererkette besitzt und mit dem Thema sehr vertraut. Ansonsten wird man auf diese Art keinen Erfolg haben. Sollte man also als Trainer noch keine Erfahrung mit dem Umstellen auf Viererkette haben, empfehlen wir unsere Standard-Trainingseinheiten.

Es hört sich vielleicht etwas makaber an, doch eine Niederlage im letzten Meisterschaftsspiel ist ein guter Startpunkt für eine Umstellung. Kein Spieler verliert gerne und man erhofft sich aufgrund des neuen Spielsystems mehr Erfolg. Hinzu kommt, dass es sowieso interessanter für die heutigen Teenies ist in der Art von Barcelona und Arsenal zu spielen, anstatt wie zu den aktiven Zeiten von Franz Beckenbauer und Katsche Schwarzenbeck.

Heute in 2011 hat man als Trainer den großen Vorteil sehr leicht auf ein mannschaftstaktisches Wissen zurückgreifen zu können, an denen die klügsten Fußballtrainer Jahrzehnte lang gearbeitet haben. Reduziert man dieses Wissen auf die Quintessenz, so kann man dies alles in recht kurzen Besprechungen seinen Spielern näher bringen. Kompliziert ist es überhaupt nicht, (fast) jeder 13-Jährige kann das sehr schnell verstehen und durch entsprechendes Training auch schnell lernen.

Für das erste Training sollte man die ersten 15 Minuten dafür reservieren, um die Spieler auf das neue Spielsystem einzustimmen. Ihnen die Prinzipien des ballorientierten Spiels, wie Grundformation (bei uns 4-4-2), Verschieben, Abwehrdreieck, Abwehrsichel, ballferne Gegner (nicht decken), in die Tiefe startende Gegner (nicht verfolgen), Pressinglinie und Nachsetzen zu erklären. Die Besprechung kann mit Fragen eröffnet werden: Wie oft haben wir im letzten Spiel den ballführenden Gegner zu Zweit attackieren können? Wie oft konnten wir unsere Angreifer in freie Räume schicken? Wie oft konnte der Gegner einen Pass in unser Schnittstellen spielen?  Ein genereller Tipp für Besprechungen: Als erfahrener Trainer kann man einige interessante Anekdoten erzählen. Wenn diese im Zusammenhang zu dem gerade Erklärten stehen, ist eine kurze Erzählung hilfreich für das Erinnerungsvermögen der Spieler. Für die Besprechung sollte man unbedingt eine Taktiktafel verwenden, damit man parallel zum Erklären, die Abläufe auch visuell veranschaulichen kann.

Nach dieser ersten Besprechung folgt ein Aufwärmen mit Koordinationsleiter und einer fußballerischen Anschlußaktion (flachen und halbhohen Ball prallen lassen, Kopfball). Danach die Mannschaft in zwei Gruppen teilen. Eine Gruppe geht zum Torschuß (Übung 1-gegen-1, Vorteil für den Offensiven), die andere Gruppe absolviert die in Spielend zur Viererkette vorgestellte Spielform zur Verbesserung der Viererkette. In einem 15 x 20 Meter großem Feld 4 gegen 4 spielen lassen. Es werden jeweils zwei Tore verteidigt. Die verteidigende Mannschaft agiert immer als Viererkette. Je Team einen Spielführer bestimmen der die Kommandos für Abwehrdreieck und Abwehrsichel gibt. Siehe auch hier, Übung 3. Zuerst fünf Minuten das ganze als Trockenübung mit Ball anstoppen und warten bis sich die verteidigende Mannschaft gestellt hat. Danach macht man das ganze 5 bis 10 Minuten lang als Wettbewerb. Danach die Gruppen wechseln, so dass die nächsten acht Spieler die Spielform zur Verbesserung der Viererkette ebenfalls absolvieren können. Zum Schluss noch diese Spielform (Nummer 1) zur Viererkette organisieren. Die restlichen Spieler können z. B. ein Kreisspiel in einer Spielfeldecke machen. Dies geht auch, wenn man nur über eine Spielfeldhälfte verfügt. Nach dem Training wird noch ein Merkblatt zur Viererkette verteilt, wie er auch in Spielend zur Viererkette zu finden ist.

Der zweite Trainingstag beginnt mit der Taktiktafel auf dem Trainingsplatz. Hier wird den Spielern Fragen gestellt, die man bereits am ersten Trainingstag erklärt hat. Es folgen Übungen zum Aufwärmen (Ballan- und Mitnahme), wieder Gruppe teilen, Torschuss (Ballan- und Mitnahme), Spielform für die Viererkette (im 15 x 20 Meter Feld) und jetzt auch vermehrt die Angreifer darauf hinweisen öfters eine Spielverlagerungen durchzuführen, damit klarere Aktionen für beide Seiten entstehen. Es folgt ein längeres Abschlussspiel (30-45 Minuten) ohne Sonderregeln. Hier werden die Spieler nun zum ersten Mal ballorientiert unter Wettbewerbsbedingungen spielen. Damit das nicht in die Hose geht, müssen alle Spieler nochmal kurz an der Taktiktafel zusammen kommen, um weitere Prinzipien des ballorientierten Spiels zu lernen: Das Mittelfeld spielt auch als Viererkette, das Mittelfeld setzt nach, wenn es überspielt wird, die vordersten Spieler attackieren den Spielaufbau des Gegners nicht zu früh, sondern halten sich an einer vorgeschriebenen Pressinglinie, Außenverteidiger schalten sich ins Offensivspiel ein, beim Spielaufbau bilden die Offensivspieler zwischen den Linien des Gegners Anspielstationen. Nun bildet man zwei Mannschaften, die in der Grundformation 4-4 oder 4-3 (je nach Spielerzahl) gegeneinander antreten. Der Trainer coacht die jeweils verteidigende Mannschaft. Danach Abschlussbesprechung.

Der dritte Trainingstag und somit der Tag vor dem ersten Spiel mit dem neuen System sieht wie folgt aus: Zum Trainingsbeginn nochmal kurz alle an die Taktiktafel und die Spieler zu einigen Sachen aus den vorherigen zwei Trainingstagen befragen. Wichtig die Spieler immer mit einbinden und ausdrücklich Fragen, ob irgendwas noch unklar sei. Es folgt eine Aufwärmübung (Ballan- und Mitnahme) mit allen Spielern. Danach eine Übung mit allen Spielern zur Antrittsschnelligkeit. Dann wieder zwei Gruppen bilden. Eine Gruppe absolviert eine einfache Torschußübung und die andere Gruppe geht wieder in ein 15 x 20 Meter großes Feld zu einer Viererketten-Spielform. Heute wird aber nicht auf vier Tore gespielt, sondern es muss eine 10 Meter breite Dribbellinie verteidigt werden. Nach 5 bis 10 Minuten wieder Wechsel der Gruppen. Am Ende wieder ein Abschlussspiel organisieren und viel dabei coachen. Jetzt sollte man schon deutliche Merkmale des ballorientierten Spiels erkennen. Danach Abschlussbesprechung.

Nächster Tag Spiel: Man sollte sich diesmal frühzeitig treffen, um nochmal über das neue System sprechen zu können. Als Inhalt können unsere Goldenen Regeln dienen. Es sollte noch das Zurückweichen der Viererkette bei größerer Distanz zum eigenen Tor erklärt werden. Oder besser die Spieler fragen, wie sich die Abwehrkette in einem solchen Fall verhalten sollte und dann die Frage aufklären. Aber Achtung, nicht zu lange diskutieren. Nochmal besonders das Verschieben und den Mannschaftsverband als Kampfzone betonen. Das Doppeln als zentrales Ziel des ballorientierten Spiels hervorheben. Am Ende der Besprechung nochmal kurz das Ausschwärmen bei eigenem Ballbesitz erklären. Beispiel „Faust“: Geballt = Kompakt, offen und Finger gespreizt = Ausschwärmen.

Der Gegner ist ebenfalls eine C2. Von einem Verein wo die vereinsführende Mannschaft eine Liga höher spielt. Folgende Verhaltensweisen mussten nun am meisten gecoacht werden: Abwehrkette spielte zu hoch, wenn der Ballführende Gegner ohne Druck war. Außenverteidiger mehr ins Offensivspiel einschalten. Beim gegnerischen Spielaufbau, dass das Mittelfeld eine Linie bildet und zusammen mit dem Manschaftsverband lediglich seitlich verschiebt. Den Mannschaftfsverband generell tiefer postieren, besonders bei Abschlägen des Torwarts. Nachsetzen der Mittelfeldspieler. Die seitlichen Abstände in der Abwehrkette waren öfters zu gering. Deutlichere Staffelung bei der Abwehrsichel. Am Ende gab es dennoch einen deutlichen Sieg und der Gegner konnte sich keine Torchance erspielen.

Das Spiel dieser Mannschaft hat sich also innerhalb einer Woche um 180 Grad gedreht. Es lief natürlich vieles noch nicht ideal, doch die nächsten Wochen kann man zur Vertiefung der neuen Spielweise nutzen. In 3 bis 4 Wochen könnten die neuen Verhaltensweisen zum Automatismus werden und dann kann man auch tiefer ins Detail gehen und auch Sonderfälle, wie Verteidigen gegen Hinterlaufen, Querlaufende Spitze usw. trainieren.

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6 Kommentare

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  1. Matthias

    Schöner Artikel!

  2. Mathies

    Du schreibst das die Abstände innerhalb der Viererkette teilweise zu gering waren. Ohne Druck (beim seitlichen Verschieben) sollten diese ca. 12 Meter betragen. Doch wie verändern sich diese, wenn ein Spieler aus der Linie hinausläuft und den Ballführenden Gegner zentral oder Flügel attackiert? Wie groß sind dann die Abstände zwischen stellendem, absicherndem und einrückenden Spielern?

  3. Andreas

    Hallo Martin,

    bin ein großer Fan Deiner Bücher und Blogs.
    Habe mit meiner C Jugend im Sommer auf 4er Kette umgestellt.
    Leider gibt es immer wieder Probleme mit den Abständen zueinander.
    Außerdem ist bei dem einen oder andere Spieler noch nicht angekommen, dass es nur gemeinsam geht.
    Es gibt doch so Seile oder Bänder, mit denen man die Spieler verbinden kann.
    Kannst Du mir da weiterhelfen?
    Weiß leider nicht, wie die Dinger genau heißen.
    Wo bekommt man so etwas?
    Soll ja auch nur zum Augen öffnen benutzt werden und nicht zum Stundenlangen Verschieben.
    Danke für Deine Hilfe.
    Gruß
    Andreas

  4. Initiative abwehrkette.de

    Hallo Andreas, habe zwar auch schon gehört das Verhalten einer Abwehrkette mit Seilen oder Bändern zu trainieren, persönlich halte ich aber nichts davon. Die Spieler sollen ja die Spielsitutaion erkennen und passende Gegenmaßnahmen ergreifen. Ich vermute mal, dass ein sturres trainieren mit festen Abständen nur das Gegenteil bewirkt.
    Erkläre Deinen Spielern nochmal genau, wieso welches Verhalten bei Ballposition zentral und außen gefragt ist. Der ballnahste Spieler übt druck auf den Ball aus, die restlichen Spieler der Kette rücken ein und sichern die Tiefe. Wichtig ist die Kommunikation wer nach vorne startet, um druck auf den Ball auszuüben. Beauftrage einen zentralen Spieler fest mit dieser Aufgabe, die er dann auch ohne wenn und aber auszufüllen hat!
    Bei Querpässen vor der Kette, dann nicht kreuzen, sondern der ballnahste Spieler rückt vor und der vormals druckausübende Spieler sichert sofort die Tiefe. Du kannst das gut in einer Spielform 4gg4 trainieren in einem 20 x 15 Meter Feld mit vier Toren. Wie das hier auf der Seite beschrieben ist.
    Wünsche Dir Erfolg!

  5. Klaus

    Hallo Martin,

    „Nochmal besonders das Verschieben und den Mannschaftsverband als Kampfzone betonen.“

    Was meinst du mit „Kampfzone“ ??

  6. Initiative abwehrkette.de

    Deine Frage beinhaltet schon die Antwort: Mannschaftsverband = Kampfzone!! Mit diesem Ausdruck wird nochmal die Wichtigkeit einer aggressiven Zweikampfführung unterstrichen!

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