«

»

Feb 14 2012

Beitrag drucken

Lucien Favres Siegertaktik gegen Bayern München

Das Spiel von Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München am 18. Spieltag der Bundesligasaison 2011/12 ist taktisch gesehen ein perfektes Lehrbeispiel dafür, wie man gegen eine individuell stärker besetzte Mannschaft hervorragend bestehen kann. Lucien Favres Mannschaft überließ dem Gegner den Ballbesitz und konzentrierte sich auf die Verengung von Raum und einem schnellen Spiel in die Spitze bei einem Ballgewinn. Da die taktische Vorgabe des Trainers sehr diszipliniert eingehalten wurde, erspielte sich Bayern fast keine Torchance. Dagegen führten viele Ballgewinne Gladbachs zu gefährlichen Kontern. Wir haben uns Favres Taktik im Detail angesehen und werden sie hier, in fünf Abschnitten unterteilt, erklären.

Borussia Mönchengladbach hat im besagten Spiel, bis zur 11. Minute ein sensationelles Match abgeliefert. Ein Spiel wie aus dem Lehrbuch. Unterbrochen wurde dies nur kurzzeitig durch ein Treffer der Gladbacher. Sie brauchten dann einige Minuten, um sich von der Euphorie des Tors zu erholen und wieder konzentriert weiterzuspielen. In der 41. Minuten erhöhte Gladbach dann auf das verdiente 2:0. Bayern München konnte bis dahin zwar ein Großteil des Ballbesitzes verbuchen, doch Gladbach ließ weder Torchancen noch Standardsituationen zu. Es kam kaum zu Freistößen für Bayern, weil Gladbacher versuchte jede Art des Foulspiels zu vermeiden.

Gladbach hatte das Spiel jederzeit unter Kontrolle, weil kein Spieler aus dem Gesamtkonzept ausscherte und jeder den anderen unterstützte. Dies geschah durch gegenseitiges coachen, Doppeln und dem Agieren im Sinne des Kollektivs. Unverzichtbar für das Gladbacher Spiel waren ihre beiden Stürmer Mike Hanke und Marco Reuss. In fast jeder Spielphase haben sie ihre Mannschaft aktiv im Spiel gegen den Ball unterstützt. In diesem Spiel waren sie keine klassischen Stürmer, denn sie konzentrierten sich in erster Linie darauf den Gegner in ungünstige Spielsituationen zu bringen. Aus dieser Sicht betrachtet, könnte man das Gladbacher 4-4-2, auch als ein hochmodernes 4-6-0 sehen.

4-4-2 interpretiert von Favre:

So sah das Gladbacher Mittelfeldpressing beim gegnerischen Spielaufbau aus

Borussia Mönchengladbach agierte aus einer klassischen 4-4-2 Grundformation. Zwei Viererketten und zwei Stürmer agierten mit dem Ziel komplett hinter dem Ball zu stehen und durch die Verengung des Raums Ballgewinne herbeizuführen. Der Gegner wurde nach außen gesteuert, Spielverlagerungen zugestellt und der Ballführende gedoppelt. Beim Spielaufbau der Münchener schob Gladbach vor und hat versucht diese Höhe so lange wie möglich zu halten. Dies kann man dann als ein klassisches Mittelfeldpressing (MP) bezeichnen.

Die Gladbacher Viererkette versuchte bei zentralem Ballbesitz des Gegners, so lange wie möglich auf einer Höhe zu bleiben. Auffällig war der sehr geringe Abstand der Abwehrspieler zueinander. Wenige Meter davor agierte das Mittelfeld mit aufgerückten Mittelfeldaussen (MA). Die Spitze des Mannschaftsverbands bildeten die beiden Stürmer. Die MA befanden sich in der Grundformation zwischen den beiden 6ern und den beiden Stürmern.

Gladbachs Taktik war es den Gegner in seiner Hälfte gezielt anzulaufen, um ein Spielaufbau über außen zu provozieren. Wenn sich der Gegner dann mit Ball in ihrer Hälfte befand, so wurden er in Überzahl attackiert. Nach dem Ballgewinn wurde wie erwähnt, nach Möglichkeit direkt nach vorne gespielt oder gedribbelt. Wenn keine Anspielstation vorhanden war, wurde der Ball auch mal unkontrolliert geklärt. In der Defensive ging man also kein Risiko ein.

Interessant war es zu sehen, dass die eigenen Außenspieler bei Ballgewinn nicht sofort in die Breite gegangen sind. Zum einen war dies nicht notwendig, da meistens der schnelle vertikale Pass für den Konter gesucht wurde und zum anderen, stand man so weiterhin kompakt in der Defensive. Man war gerüstet für etwaige Gegenangriffe nach einem misslungenen Konter.

Die Gladbacher verschoben jedoch nicht nur horizontal sehr massiv, sondern auch vertikal. Kamen die Münchener Innenverteidiger (IV), beispielsweise durch einen Befreiungsschlag oder Rückpass in Ballbesitz, so schob das Gladbacher Kollektiv sofort vor, um wieder ins MP zu kommen. Auch bei Rückpässen der Münchener Offensivspieler auf ihre 6er, schoben die Gladbacher sofort vor, um stets Druck auf den Ball auszuüben.

Verlagerten die Münchener ihren Ballbesitz in die Gladbacher Hälfte, so reagierte man darauf mit einem fantastischen Abwehrpressing (AP). Es wurde sehr ballorientiert in alle Richtungen verschoben. Die Mannschaftsteile waren besonders im AP oft nur knapp fünf Meter auseinander. Dies ermöglichte den Stürmern, wie auch den Mittelfeldspielern, immer gut nach hinten zu doppeln.

Konnten die Gladbacher einen Konter nicht zu Ende spielen und haben dabei den Ball verloren, so haben sie kein aggressives Gegenpressing praktiziert. Sie haben sich mehr darauf konzentriert Passwege zuzustellen und wieder in die Grundformation zu kommen. In dieser Verlegenheit kam Gladbach jedoch selten, weil sie sehr ballsicher agierten. Hier ist davon auszugehen, dass Favre viele Spielformen mit wenig Kontakten auf engem Raum trainieren lässt.

Balleroberungsstrategie (Pressing) der Gladbacher:

Pressing von Borussia Mönchengladbach

Wie erwähnt versuchen die Gladbacher so lange wie möglich im MP zu verharren und erst wenn der Gegner in die eigene Hälfte kombinierte, schaltete man auf ein AP um. Die Grundstrategie des Gladbacher Pressings lautete; den gegnerischen Spielaufbau nach außen lenken und Außen dann den Pass entlang der Linie (longline) zu unterbinden. Neben dem korrekten Anlaufen der beiden Stürmer, ist hier das Verhalten der ballnahen AV und MA sehr wichtig. AV rückt bis auf die Höhe der beiden 6er vor und MA läuft den Ballführenden Außenspieler so im Bogen an, dass der Passweg entlang der Linie geschlossen ist.

Die Gladbacher Stürmer lenken den Spielaufbau nach außen, indem sie den ballführenden IV situativ frontal oder im Bogen anlaufen. Bei einem Dribbling des IV wird dieser vom Stürmer verfolgt. Die beiden Stürmer agieren meist gestaffelt, das heißt der ballferne Stürmer steht tiefer. So wird das Zentrum verstärkt und zusätzlich noch mehr der Pass nach außen provoziert.

Die beiden Stürmer schieben prinzipiell massiv zur Ballseite. Situativ unterstützt der ballnahe Stürmer den MA beim doppeln, stellt den Rückpass zu, aber meistens schließt er zusammen mit seinem Stürmerkollegen das Zentrum, um eine Spielverlagerung des Gegners zu verhindern. Spielverlagerungen zuzustellen hat bei Gladbach immer eine höhere Priorität, als einen Rückpass zuzustellen. Schafft es der Gegner den Ball zentral nach vorne zu spielen, so doppelt im MP ein Stürmer nach hinten und im AP binden sich beide Stürmer ins Mittelfeld ein.

Befindet sich der AV im Zweikampf, wird dieser immer vom MA unterstützt. Situativ kommt noch ein 6er hinzu, um den Gegner zu trippeln. Doch meistens bleiben die 6er im Zentrum, um in diesem Bereich kompakt zu bleiben. Befindet sich der AV nicht aktiv im Zweikampf, sondern stellt den ballführenden Außenspieler lediglich, so positioniert sich der ballnahe MA zwischen IV und AV und AV versucht nun den Gegner auf den MA in der Tiefe zu steuern.

Der ballferne MA schiebt beim MP höher als die 6er und zockt so auf Ballgewinn. Ist man gezwungen AP zu spielen, so agiert der ballferne MA auf Höhe der beiden 6er. Eine ebenfalls erwähnenswerte Vorgehensweise der Gladbacher ist, die auch zum 1:0 geführt hat; sobald der Gegner zum Torwart zurück spielt und ein Stürmer in der Nähe ist, wird der Torwart mit Tempo angelaufen. Der Torwart ist so meist gezwungen einen unkontrollierten Flugball zu spielen.

Positionsspezifisches Verhalten:

Für einige Positionen hat Lucien Favre Sonderaufgaben vorgesehen. So sollen die 6er nicht nur das Zentrum sichern, sondern sind massiv angehalten, sich gegenseitig und ihren Mitspielern bei den Zweikämpfen zu helfen (Doppeln). Sollte ein 6er zum Doppeln nach Außen ziehen, so wird das Zentrum nur noch von einem 6er gesichert. Dieser muss nun besonders aufmerksam agieren.

Schafft es der Gegner, trotz der Steuerungsversuche nach Außen, einen Pass ins Zentrum zu spielen, müssen die 6er absolut aggressiv an den Gegenspielern sein, damit sie sich nicht aufdrehen können. Aber auch hier gilt: Foulspiele zu vermeiden! Eine weitere Aufgabe der 6er ist es, einen in die Tiefe startenden Gegenspieler zu verfolgen. Bayern München hat einige Male versucht beim Vorrücken des AV in die Schnittstelle zwischen AV und IV zu spielen. Durch das Binden des AV an der Seitenlinie entstand hier einige Male ein recht großer Raum. Doch sobald ein Gegner in diesem Raum vorstieß, wurde er vom ballnahen 6er verfolgt und der Angriff so entschärft.

Die gegnerische Sturmspitze wurde stets von einem IV markiert, so dass dieser gar nicht erst im Kombinationsspiel des Gegners eingebunden werden konnte. Kombiniert und dribbelt der Gegner vor der Viererkette, so rücken die IV nur bei größter Gefahr aus der Viererkette raus. Beim Vorrücken des IV entsteht nämlich immer ein Raum in seinem Rücken, den der Gegner zum Erspielen einer Torchance nutzen kann. Besser ist es den Angriff durch Zurückweichen zu verzögern, um den 6ern die Möglichkeit zu bieten den Ballführenden von hinten zu attackieren.

Spieleröffnung:

Da die Gladbacher den Münchenern den Ballbesitz überließen, kamen sie folglich zu nicht allzu vielen Spieleröffnungen. Waren die beiden IV zugestellt, spielte der TW einen Flugball zu einem Stürmer, der den Ball auf einen tieferen Spieler klatschen ließ. Bemerkenswert war es, dass die beiden IV beim Spielaufbau nicht besonders weit auseinander standen. Auch hier stand wohl der Gedanke dahinter, für einen möglichen Gegenangriff keine zu großen Räume zu bieten.

Konnte dagegen ein IV vom Torwart angespielt werden, so nutzte man diese Möglichkeit auch. Hier fiel es auf, dass die AV nicht besonders hoch schoben und auch nicht in maximaler Breite gingen. Es bot sich dann ein 6er zum Zuspiel an und der zweite 6er ging in die Tiefe. War der sich anbietende 6er ohne Gegnerdruck, so wurde er angespielt und drehte sich auf. Man wollte so immer eine Dreiecksbildung; tiefer 6er, hoher 6er und ballnaher Stürmer schaffen. Jetzt positionierten sich AV und MA an der Seitenlinie und boten sich dort u.a. zum Doppelpass an. Im Gladbacher Spiel ist es nicht festgelegt, welcher der beiden 6er den IV beim Spielaufbau entgegenkommt. Dies ergibt sich situativ.

Kann kein 6er erfolgversprechend angespielt werden, so wird zum AV gepasst. Jetzt soll ein Dreieck zwischen IV, AV und 6er entstehen. Der ballnahe MA geht an die Seitenlinie und der ballnahe Stürmer bietet sich in der Tiefe an. Wird nun mit dem Ball erfolgreich in die gegnerische Hälfte kombiniert, schaltet sich ein 6er blitzschnell in den Angriff ein, so dass dieser zu einer zentrale Sturmspitze wird. Der zweite 6er bildet in diesem Fall die Rückverteidigung. Der ballferne MA wird situativ ebenfalls zum Stürmer.

Gladbach verteidigt Ecken im Raum

Standards:

Die Gladbacher verteidigen die Ecken stets im Raum. So konnten sie nicht nur jede Ecke entschärfen, sondern bei jeder zweiten Ecke einen Gegenangriff starten. Alle Spieler beteiligen sich an der Verteidigung des Eckballs. Kein Spieler steht im Halbfeld oder an der Mittellinie. Der kurze und lange Pfosten wird besetzt. Ein Spieler steht kurz im Torraum. Zwei Spieler stehen im Rückraum für den Gewinn des zweiten Balls. Der ballnahe Spieler steht hier etwas tiefer. Die restlichen fünf Spieler gehen auf die Torraumlinie, wobei der mittlerer Spieler leicht vorrückt.

Fazit:

Ein Garant für die Funktionsweise der Gladbacher Taktik ist die, dass jeder Spieler genau seine Aufgaben kennt. So wissen die Mitspieler um die Laufwege, Steuerungsvorgaben und Kombinationsmöglichkeiten ihre Kollegen. Gladbach tritt als Team auf. Keiner ist sich für irgendetwas zu schade. Ein Paradebeispiel dafür sind die beiden Stürmer: Sie reiben sich dermaßen für die Mannschaft auf, dass sie es sogar riskieren in ihren ursprünglich angedachten Aufgaben zu wenig Kraft zur Verfügung zu haben.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.abwehrkette.de/favre-taktik/

3 Kommentare

  1. Simon

    Welchen Vorteil hat es, das 4-4-2 nicht klassisch flach zu spielen, sondern mit aufgrückten Mittelfeldaußen, so wie Gladbach?

  2. Initiative abwehrkette.de

    Gladbach spielt ein 4-4-2 flach (zwei Viererketten). Sie ziehen die Mittelfeldaußen vor, damit sie schnelleren Zugriff auf die Außenspieler beim gegnerischen Spielaufbau haben.

  3. V. Gaal

    Hoffen wir, dass Heynckes sich das mal durchliest, sonst wird es morgen langweilig 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>