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Mrz 11 2012

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Die Spielweise des FC Barcelonas entschlüsselt

In diesem Artikel geht es um die Spielweise des FC Barcelonas. Wir haben uns die Mühe gemacht das Spielsystem der vielleicht besten Mannschaft der Welt anzusehen und zu analysieren. Im Folgenden werden wir nicht nur unsere Beobachtungen und Schlussfolgerungen beschreiben, sondern auch Tipps geben, wie man als Fußballtrainer auch ein bisschen Barcelona in sein Jugend- / Amateurteam bringen kann.

Eine Analyse Barças ist nicht einfach. Es lässt sich erahnen, dass die Gegner sich schon im Vorfeld des Spiels, bei den Videoanalysen, die Zähne ausbeissen. Die Spielweise Barcelonas ist schwer zu fassen, da sie sehr viel vertikal und horizontal rochieren lassen. Es gibt ständig Positionswechsel und es wird eine extrem hohe Angriffsvariabilität praktiziert. Hinzu kommen die technischen Qualitäten der einzelnen Barça-Spieler, ihre weit überdurchschnittliche Handlungsschnelligkeit, ihre Spielintelligenz und einem überragenden Lionel Messi.

Trotzdem können wir einige Punkte nennen die typisch für das Spiel des FC Barcelonas sind: Wie viele erfolgreich spielende Mannschaften versucht man so wenig Standardsituationen für den Gegner zuzulassen wie es nur geht. Also wird versucht ohne Foulspiel auszukommen. Die Mannschaft agiert gegen den Ball sehr kompakt. So kann effektiv gedoppelt werden, da immer nur eine kurze Distanz zum Ball absolviert werden muss. Die Viererkette agiert entsprechend sehr hoch. Die Innenverteidiger sind sehr gut darin geschult sich rechtzeitig fallen zu lassen und mit ihrem überragenden Kopfballspiel Flanken über den Verbund sicher zu verteidigen. Stichwort „Druck auf den Ball“.

Obwohl das Team gespickt ist von Weltstars, gibt es wohl selbst in der Kreisklasse nur wenig Mannschaften die dermaßen demütig spielen; Auf dem Platz zählt nur das Team und das merkt man in jeder Spielsituation. Es werden keine Wege gescheut, es werden Lücken für Mitspieler gerissen und sich gegenseitig in den Zweikämpfen geholfen. Kein Spieler besitzt Sonderprivilegien, spielt ein Mitspieler einen Fehlpass, so wird dies als Fehlpass der Mannschaft wahrgenommen. In keiner Weise wird sich an solchen Situationen aufgerieben.

FC Barcelona agiert aus einer 4-3-3 Grundformation. Dabei wird mit nur einem 6er (z. B. Busquets) gespielt. Dieser agiert deutlich tiefer als die anderen beiden Mittelfeldspieler. Es ist bekannt, dass Barcelona in jedem Spiel sehr viel Ballbesitz hat und oft eine Passgenauigkeit zwischen 80-90 % aufweisen kann. Neben diesem sicheren Passspiel, wird aber immer der Grundsatz „Tiefe vor Breite“ verfolgt. Es werden keine Harakiripässe gespielt, doch durch die vielen Rochaden ergeben sich regelmäßig Anspielstationen in der Tiefe, die dann auch konsequent genutzt werden.

Dies alles ist natürlich nur möglich, da alle Spieler über ein hervorragendes Passspiel und Freilaufverhalten verfügen. Mit fast jedem Anspiel unter Gegnerdruck ist eine Lauffinte des Passempfängers verbunden. Man beobachtet, dass der Ballführende zusammen mit „seinen“ Anspielstationen oft eine Raute bildet und Rückpassmöglichkeiten besitzt er meist auch. Die Mitspieler bieten sich fast ausschließlich in offener Stellung an. Pässe können so direkt in den freien Raum mitgenommen werden. Aufgrund diesen überragenden technischen Fähigkeiten sind sie in der Lage Doppelpässe und das Spiel über den Dritten auf sehr engem Raum umzusetzen. Vorzugsweise geschieht dies im Zentrum.

Spielaufbau des FC Barcelonas

Der Spielaufbau Barcelonas ist ebenfalls sehr variabel und orientiert sich oft an der Spielintelligenz der Barça-Spieler. Ein beliebter Pass ist die halbhoch gespielte Spielverlagerung eines Innenverteidigers zum ballfernen Außenverteidiger. Halbhoch deswegen, damit er möglichst schnell sein Ziel erreicht. Mit diesem Pass befreit man sich auch gerne aus Pressingaktionen des Gegners.

Die häufigste Art des praktizierten Spielaufbaus ist aber dies, dass sich der 6er zwischen den beiden Innenverteidigern fallen lässt, die Außenverteidiger schieben fast bis auf Höhe der Offensivspieler, die beiden Außenstürmer schieben maximal hoch und rücken leicht nach innen ein. Der Mittelstürmer bildet zusammen mit den beiden restlichen Mittelfeldspielern eine Art Dreierkette vor der gegnerischen Viererkette (Red Zone). Hier wird jetzt sehr viel rochiert und immer auf Lücke gegangen. Nun wird versucht möglichst aussichtsreich zu eröffnen. In erster Linie ist dies der Pass zu einem Spieler der genannten „Dreierkette“, aber auch ein Flugball zu den vier Außenspielern wird immer wieder gespielt.

Pressing des FC Barcelonas

Da Barcelona sehr dominanten spielt, müssen sie in einem Spiel nur wenig Pressing spielen. Dies spart Kraft. Wenn Sie dann doch mal gezwungen sind zu pressen, dann wird der Ballführende von Links und Rechts seitlich angelaufen und ein dritter Spieler stellt dabei den Pass in die Tiefe zu. Der Ballführende muss dabei natürlich sehr aggressiv angelaufen werden, damit er das Spiel nicht in einer hohen Qualität fortsetzen kann.

Barcelona reicht es in der Regel mit sieben Feldspielern hinterm Ball zu stehen. Die ballferne Seite wird immer nur einfach gedeckt. Besteht die Gefahr eines Flugballs im Rücken der Abwehr aus zentraler Position, lässt sich der 6er zwischen den beiden Innenverteidigern fallen, so dass sie kurzzeitig eine Fünferkette bilden. Seine Aufgabe dabei ist oft nur einen Gegner zu blocken, so dass die Innenverteidiger entlastet sind.

Die Angriffe Barcelonas sind aufgrund der großen Variabilität und Qualität unheimlich schwer zu verteidigen. Durch das Rochieren werden ständig Lücken gerissen und in diese Schnittstellen wird dann versucht den hineinstartenden Mitspieler anzuspielen. Interessant ist es, dass man bei Barcelona in der Regel kein Hinterlaufen sieht. Das hängt wohl damit zusammen, dass Barcelona kaum Flanken von Außen in den Strafraum spielt. Uns sind zwar keine Statistiken aus Spanien bekannt, aber wir gehen davon aus, dass Barcelona nur wenig Kopfballtore erzielt. Diese Spielweise wird sicherlich nicht gepflegt, weil dies im Widerspruch mit ihrer Ballbesitz-Philosophie stände.

Ein weiteres beliebtes Angriffsmittel Barcelonas ist es, dass ein bis zwei Angreifer deutlich im Abseits stehen. Sieht der Ballführende nun, dass die Abwehr des Gegners sehr hoch steht, wird über die Viererkette gelupft, die Spieler die im Abseits stehen lassen sich fallen und ein anderer Stürmer startet mit Volltempo aus der Tiefe zu dem gechippten Ball. Die zuvor im Abseits stehenden Spieler sind auf dieser Art nur passiv Abseits und können sich nun wieder in den Angriff einschalten.

Links: Querlaufende Spitze / Rechts: Pass in die Schnittstelle

Die Offensivspieler Barcelonas agieren ab und zu mit einer querlaufenden Spitze. Das heißt, dribbelt ein Außenspieler auf den gegnerischen Außenverteidiger zu, so startet aus zentraler Position ein Stürmer horizontal nach außen und erhält am Außenverteidiger vorbei das Zuspiel. Ist dagegen ein Mittelfeldspieler auf zentraler Position in Ballbesitz, so dribbelt dieser gerne auf den ballnahen Innenverteidiger zu. Außen läuft dann z. B. der Außenverteidiger mit und erhält einen Pass durch die Schnittstelle Innenverteidiger / Außenverteidiger.

Was die Verteidigung von Standardsituationen betrifft, so ist es bemerkenswert wie hoch man bei Freistößen aus dem Halbfeld steht. Mit sechs bis sieben Spielern steht man fast auf einer Höher mit der Ein-Mann-Mauer. Sobald der Freistoßschütze anläuft, lassen sie sich extrem nach hinten fallen, um dann doch noch vorwärts in den Ball zu kommen. Der Gegner ist so gezwungen einen hohen Ball zu spielen, da es quasi im zentralen Bereich keine Lücke gibt durch die ein flacher Ball gespielt werden könnte.

Barcelona verteidigt Freistöße und Ecken im Raum

Auch beim Verteidigen von Eckbällen geht Barcelona eigene Wege. Am kurzen und langen Pfosten wird kein Spieler postiert. Zentral um die Torraumlinie stehen sechs Spieler im Raum und bilden dort zwei Sicheln im Abstand von ca. drei bis vier Metern zueinander. Die torferne Sichel steht ca. zwei bis drei Meter näher zum Ball als die tornahe Sichel. Ein siebter Spieler steht im Raum zwischen Elfmeterpunkt und Strafraumgrenze. Ein Spieler spekuliert auf einen Konter und zwei Spieler decken in Ballnähe Gegenspieler. So können kurz gespielte Eckbälle sofort effektiv verteidigt werden.

Für Fußballtrainer die Ihre Jugendmannschaft in Richtung Barcelona bringen möchten, empfehlen wir das Trainingsbuch von Martin HasenpflugFußballtraining total“. Es wird anhand von Übungen und Spielformen gezeigt, wie man seiner Fußballmannschaft systematisch Technik, Angriffsmittel, Ballbesitz, Verteidigungsstrategien, Spielaufbau und Pressing altersgerecht vermitteln kann.

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