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Sep 06 2013

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Fußball: Der große Taktikartikel

Es gibt im Fußball zwei große mannschaftstaktische Themen die die Charakteristik eines Teams ausmachen und über deren Erfolg entscheiden. Zum einen die Taktik bei gegnerischem Ballbesitz und zum anderen die bei eigenem Ballbesitz. Das wäre auf der einen Seite das Pressing als Balleroberungsstrategie und auf der anderen Seite der Spielaufbau als sicherer Balltransport in die gegnerische Spielfeldhälfte. Eine erfolgreiche Umsetzung dieser Strategien ist im großen Maße davon abhängig, wie exakt die Spieler ihre Aufgaben erfüllen. Einzelne Spieler die ausscheren bringen das ganze System zu Fall.

Das Pressing findet grundsätzlich immer Anwendung, wenn der gegnerische Torwart den Ball hat. Idealfall und Ziel ist es den Ball möglichst nahe dem gegnerischen Tor zu erobern. Damit dies gelingt darf der Torwart das Spiel nicht mit einem weiten Flugball eröffnen. Dies macht er in der Regel auch nicht, wenn seine Verteidiger vollkommen frei stehen. Daher lässt man sich komplett als Mannschaft in das mittlere Spielfelddrittel zurückfallen.

Im mittleren Spielfelddrittel baut man einen kompakten Mannschaftsverband auf. Diese Höhe der Position des Mannschaftsverbands entspricht dem Mittelfeldpressing. Agieren alle Feldspieler in der gegnerischen Spielfeldhälfte so spricht man von einem Angriffspressing. Wichtig ist es, dass die Spieler nach innen einrücken und immer ballorientiert verschieben. So ist es für den Gegner ungünstig Pässe in die Tiefe zu spielen. Dort ist der Mannschaftsverband postiert und aufgrund der engen Abstände zueinander, kann der Passempfänger bereits bei der Ballannahme von 1-2 Spielern attackiert werden.

Sobald der Torwart nun einen Verteidiger anspielt, in der Regel einen Innenverteidiger, schiebt der Mannschaftsverband 3-5 Meter vor. Das Ziel, dass der Gegner kurz eröffnet ist erreicht und indem man durch das Vorschieben den Abstand zu den Verteidigern verkürzt, kommt man auf Schlagdistanz. Man verschiebt zunächst nur seitlich und beobachtet das Passspiel des Gegners.

Ist sein Passspiel gut, bleibt es beim seitlichen verschieben. Spielt er dagegen einen schlechten Pass, so schaltet man auf Angriffspressing um. Alle Spieler schieben massiv Richtung Ball und attackieren den Gegner. Der ballnahste Spieler läuft zum Passempfänger und die restlichen Spieler rücken nach. Der Passempfänger ist nun das „Opfer“. Er muss einen schlechten Pass verarbeiten, gerät aufgrund der Attacke unter Stress und zusätzlich sind auch noch seine Anspielstationen von den nachrückenden Spielern zugestellt.

Ein guter Pass ist immer druckvoll und präzise in die Vorwärtsbewegung des Passempfängers gespielt. Durch das seitliche Verschieben sind Passwege in die Tiefe geschlossen und der Gegner wird gezwungen viele Querpässe von einem IV zum anderen zu spielen. Wird nun einer dieser Querpässe schlecht gespielt, startet das Angriffspressing. Eine der folgenden Kriterien müssen dafür erfüllt sein: Der Pass ist drucklos, er wird nahe dem Mannschaftsverband gespielt oder er wird im Rücken des IV gespielt.

Der Beginn des Angriffspressings muss zusammen mit einem lauten Kommando erfolgen. Alle Spieler schieben entsprechend der exakten Beschreibung am Ende des Artikels Richtung Ball und versuchen den Ball zu gewinnen. Misslingt ein solcher Balleroberungsversuch und der Gegner kann das Spiel verlagern, lässt man sich diagonal nach hinten fallen. So kann man nicht mit einem Flugball überspielt werden und man steht wieder relativ schnell kompakt hinterm Ball.

Eine andere Vorgehensweise den Ball nahe dem gegnerischen Tor zu gewinnen ist das sogenannte Anstechen. Damit kann man unabhängig von der Qualität des gegnerischen Passspiels jederzeit aufs Angriffspressing umschalten. Grundvoraussetzung ist es aber organisiert und kompakt hinterm Ball zu stehen und der gegnerische Torwart oder ein Verteidiger muss den Ball haben. Das Anstechen kostet Kraft und man sollte es daher nur dosiert praktizieren. Das Anstechen kann man besonders gut in Phasen des Spiels anwenden, in denen der Gegner instabil wirkt. Dies ist oft beim Spielstart, beim Beginn der zweiten Spielhälfte und nach einem Gegentreffer der Fall. Auch zum Spielende, wenn noch ein Treffer erzielt werden muss, ist das Anstechen ein viel versprechendes Mittel zum Torerfolg.

Das Anstechen funktioniert ebenfalls nach einem festen Schema. Der Innenverteidiger wird sofort nachdem er einen Pass erhalten hat, vom ST attackiert. ST läuft den starken Fuß des IV zu, lässt somit Stress beim Gegner entstehen, gewinnt im Idealfall den Ball oder bereitet so zumindest eine erfolgreiche Balleroberung vor. Die drei Offensivspieler schieben geschlossen nach. Sie haben eine Tiefenstaffelung zum ST. Die AV stellen Anspielstationen zu. Die 6er schieben hinter den Lücken der Offensivspieler. Die eigenen IV sichern gegen Flugbälle ab.

Alle tiefen Anspielstationen müssen für den gegnerischen IV zugestellt sein. Der IV kann das Spiel dann nur zur Seite oder nach hinten jeweils mit seinem schwachen Fuß fortsetzen. Der nun gespielte Pass hat in der Regel eine schlechte Qualität. Der Angespielte wird vom ballnahsten Spieler wiederum an seinem starken Fuß attackiert. Die Mitspieler jagen nach. Die Wahrscheinlichkeit einer Balleroberung wächst ständig und man provoziert den Gegner immer mehr zu unkontrollierten Aktionen. Erfolgt ein Rückpass zum Torwart, so läuft auch hier der ballnahste Spieler zum Torwart und attackiert seinen starken Fuß.

Eine weitere gute Gelegenheit den Ball in der gegnerischen Tornähe zu gewinnen, ergibt sich wenn der Gegner in den Rücken seines Außenverteidigers spielt. Passt also z. B. ein IV oder ein 6er in den Rücken des AV, schalten alle Spieler blitzschnell auf Angriffspressing um. Der ballnahste Spieler stellt den AV mit dem Rücken zum Spiel und ein zweiter Mitspieler kommt zum doppeln dazu. Die restlichen Spieler verengen den ballnahen Raum. Diese Balleroberungsstrategie ist ein sogenanntes situatives Angriffspressing. Die Situation „Pass in den Rücken des Außenverteidigers“ ist das Auslösesignal, um auf Angriffspressing umzuschalten. Dieses Pressing hat den Vorteil, dass es in jeder Spielphase anwendbar ist und es für den Gegner sehr schwer ist, sich dort heraus zu spielen.

Das zweite große mannschaftstaktische Thema ist der Spielaufbau. Ziel ist es den Ball flach und sicher vom Torwart ausgehend in die Offensive zu bringen. Dabei sollen möglichst viele Gegner überspielt werden und viele Mitspieler nachrücken. So erreicht man in der gegnerischen Spielfeldhälfte Überzahlsituationen.

Weiter unten finden sich insgesamt drei Taktik-Spielformen die jeweils als Abschlussspiel einer Trainingseinheit dienen können. Und zwar das Angriffspressing nach einem Pass eines IV zum anderen, das Anstechen und der Spielaufbau.

1. Sturmspitze läuft in den Querpass zum Innenverteidiger

Erste Phase des Pressings

Erste Phase des Pressings

Alle Feldspieler im mittleren Spielfelddrittel. Innen eng stehen und gegnerische AV frei lassen. Seitlich verschieben, um stets kompakt hinterm Ball zu sein.

Durch die tiefe Position der Mannschaft provoziert man den Torwart, dass er zu einem seiner IV eröffnet.

Mit dem Pass zum IV schieben alle Spieler 3-5 Meter vor.

Kann ST nun ein Querpass von einem IV zum anderen IV so nachstarten, dass er den angespielten IV unter Druck setzen kann, so macht er dies.

Dieser Fall ist bei verschiedenen Situationen gegeben: Querpass nahe dem Mannschaftsverband. Querpass ist drucklos gespielt. Querpass erfolgt im Rücken des IV.

ST startet den Querpass so früh wie möglich in einem kleinen Bogen nach. Durch den Bogenlauf verhindert er eine Spielverlagerung zurück. Er setzt IV so unter Druck, dass dieser AV anspielt.

Die restlichen Spieler verschieben ballorientiert. Mit der Ballannahme des IV, müssen alle Passwege ins Zentrum geschlossen sein.

2. Balleroberung beim Außenverteidiger

Zweite Phase des Pressings

Zweite Phase des Pressings

Sobald ST mit dem Bogenlauf startet, ist dies Signal für die restlichen Spieler sich an die Balleroberung zu beteiligen.

Das Spiel soll zum ballnahen AV gesteuert werden. Dazu darf er zunächst nicht zu eng gedeckt werden.

Der ballnahe MA orientiert sich Richtung AV. Sobald der Pass erfolgt, setzt er diesen unter Druck.

Ebenfalls mit dem Pass, stellt ST den Rückpass zum IV zu und läuft Richtung AV. Zusätzlich orientieren sich die ballnahen Spieler (6er, 10er, AV) Richtung AV, um Passwege zu schließen und mögliche Anspielstationen eng zu decken.

ST und MA attackieren AV. Sie erobern den Ball oder provozieren zumindest eine unpräzise Aktion.

Die ballnahen Spieler starten Pässe nach und attackieren den Passempfänger.

Die ballfernen Spieler fangen eventuell gespielte Flugbälle ab.

Schafft es der Gegner sich aus dem Pressing zu lösen und das Spiel zu verlagern, so lässt sich das Team diagonal nach hinten fallen, damit sie nicht durch einen Flugball überspielt werden.

Pressing-Spielform

Pressing-Spielform ohne Sparringteam

Pressing-Spielform ohne Sparringteam

Einen doppelten Strafraum mit zwei besetzten Toren markieren.

Zwei Teams in den Grundformationen 3-3-1 bilden.

Es sind nur flache Pässe erlaubt. Bei jedem Ballaus Torab bei der ballbesitzenden Mannschaft. Vorgabe für die Ballbesitzer: Der IV steht an einer beliebigen Torraumecke und der TW eröffnet das Spiel zu ihm. Vorgabe für das verteidigende Team: ST steht 11 Meter vor dem Tor. Die Spieleröffnung des TW läuft er im Bogen nach. Pässe ins Zentrum werden zugestellt und ein Pass zum AV provoziert. AV wird nach dem Anspiel von ST und MA attackiert. Die ballnahen Spieler verengen den Raum und laufen in gespielten Pässen hinein.

Spieleranzahl: 14 Spieler plus Torhüter.

Variation: Das Spielfeld auf 40 x 48 Meter vergrößern. Ausgangsposition des verteidigenden Teams ist das mittlere Spielfelddrittel. IV des spieleröffnenden Teams darf sich frei positionieren. Sobald dieser in einer für die verteidigende Mannschaft günstigen Spielsituation zu einem AV spielt, startet ST im Bogenlauf in diesem Pass hinein.

Tipp: In beiden Toren ausreichend Bälle legen.

Anstechen-Spielform

Spielform zum Anstechen

Spielform zum Anstechen

Eine Spielfeldhälfte verwenden.

Ein 6er-Verteidiger-Team (4-2-0) mit Torwart und ein 6er-Angreifer-Team (0-2-3-1) bilden. Der Torwart hat Bälle und das Verteidiger-Team postiert sich entsprechend eines Spielaufbaus. Das Angreifer-Team postiert sich auf Höhe entsprechend eines Mittelfeldpressings.

Der Torwart eröffnet das Spiel zu einem IV und die Verteidiger versuchen mit flachen Pässen über die Mittellinie zu dribbeln. Die Angreifer stechen die Verteidiger unmittelbar nach dem ersten gespielten Pass an und versuchen ein Tor zu erzielen. Anstechen siehe Tipps. Bei Ballaus Spielfortsetzung beim Torwart.

Spieleranzahl: 12 Spieler plus Torwart.

Variation: Ein Jugendtor auf die Mittellinie stellen. Die Verteidiger können nun per Flugball ins Tor ein Punkt erzielen.

Tipp: ST gibt ein Kommando und attackiert den starken Fuß des angespielten IV, um ihn auf den schwachen Fuß zu zwingen. Die Mitspieler rücken mit hohem Tempo gestaffelt nach. Der ballnahe MA stellt den Pass zum AV zu. Der 10er läuft ins Zentrum. Der ballferne MA deckt entweder einen Gegner oder begibt sich auf Schlagdistanz zum zweiten IV. Die 6er schließen die Lücken hinter den vier Offensivspielern.

Spielaufbau (Abkippender 6er)

Spielaufbau mit abkippenden Sechser

Spielaufbau mit abkippenden Sechser

IV gehen auf Strafraumbreite und der 6er geht dazwischen indem er abkippt.

AV schieben hoch und der 10er postiert sich als zweiter ST. AV, MA und 8er agieren in etwa auf einer Höhe und bilden eine Mittelfeldreihe.

Die zwei ST agieren hinter den Lücken der Mittelfeldreihe.

Der TW eröffnet kurz zu einem der drei spielaufbauenden Spieler (IV, 6er, IV).

Die Spieler der Mittelfeldreihe absolvieren Freilaufbewegungen.

Die drei spielaufbauenden Spieler kombinieren untereinander bis sie zu einem Spieler der Mittelfeldreihe passen können. Dieser wird mit „Klatsch“ oder „Dreh“ gecoacht. Bei Klatsch nach Möglichkeit direkt zum Dritten passen. Bei Dreh in den freien Raum stoßen.

Sehr effektiv können weiträumiger Pässe direkt zu einem ST sein.

Je nach Bedarf kommt ein AV den spielaufbauenden Spieler entgegen und man eröffnet das Spiel über außen.

Spieler der Mittelfeldreihe befinden sich in offener Stellung und bekommt den Pass in den hinteren Fuß gespielt.

Spielaufbau-Spielform

Spielform zum Spielaufbau mit abkippenden Sechser

Spielform zum Spielaufbau mit abkippenden Sechser

Ein Spielfeld (40 x 48 Meter) auf Strafraumbreite aufbauen und in drei Zonen teilen. Mit zwei besetzten Toren spielen.

Zwei Teams in den Grundformationen 3-3-2 bilden.

Bei jeder Spielunterbrechung Spielaufbau beim TW der ballbesitzenden Mannschaft. Das verteidigende Team agiert im Mittelfeldpressing (mittleres Spielfelddrittel). Beim Spielaufbau kombinieren die drei letzten Spieler solange untereinander bis sie einen höher postieren Spieler anspielen können. Mitspieler mit klatsch und dreh coachen. Besonders die weiten Vertikalpässe (maximal druckvoll spielen) zu den ST anstreben.

Spieleranzahl: 16–18 Spieler. Bei 7 Feldspielern in einem Team agiert der TW beim Spielaufbau als „abkippender 6er“. Hat ein Team kein TW, so zählen nur direkte Treffer aus dem letzten Drittel.

Tipp: Die letzten drei Spieler entsprechen den Positionen IV-6er-IV. Die Mittleren den Positionen AV, MA oder 10er. Die vorderen Zwei den Positionen ST.

Genügend Ersatzbälle bereit halten oder der Trainer steht mit Bällen neben dem Spielfeld und passt immer zu dem spieleröffnenden TW. So lernt das Verteidiger-Team bei Rückpässen vorzuschieben.

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