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Jan 20 2012

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Offensives Anforderungsprofil „Innenverteidiger“

Das Anforderungsprofil „Innenverteidiger“ hat sich im Laufe der Jahre massiv verändert. An seinen offensiven Aufgaben wurde früher wenig gedacht, weil dieser aufgrund schwächerer Verteidigungssysteme, in der Defensive voll ausgelastet war. Daher wurden seine Qualitäten in der Regel auch nur auf sein Defensivverhalten reduziert. War er besonders gut im Abwehrkopfball und im Zweikampf und konnte er darüber hinaus auch noch etwas organisieren, Flugbälle schlagen und Spielsituationen antizipieren, so reichte dies zum Erfüllen seiner Aufgaben aus.

Der Fußball wie er heute auf oberen Niveau gespielt wird ist vollkommen durch organisiert. Gebolzt wird nur noch in den unteren Klassen. Es wird versucht kontrolliert und taktisch geschickt den Ball von hinten nach vorne zu befördern. Der sogenannte Spielaufbau gehört zu den wichtigsten Elementen des modernen Fußballs und der wichtigste Spieler im Spielaufbau ist der Innenverteidiger. Er entscheidet über die Art des Spielaufbaus und über deren Qualität. Er ist somit in vielen Mannschaften der Spieler mit den meisten Ballkontakten.

Die Phasen des praktizierten Spielaufbaus haben in den letzten Jahren enorm zugenommen. Nicht nur, weil viele Mannschaften auf Ballbesitz spielen, sondern auch aufgrund neuer Verteidigungsstrategien. Obwohl es sind ja gar keine Verteidigungsstrategien mehr, sondern Balleroberungsstrategien. Der angreifende Gegner wird gedoppelt, bzw. die angreifende Gruppe in Unterzahl gesetzt, um den Ball kontrolliert erobern zu können. 1-gegen-1-Situationen und Gleichzahlsituationen, wie sie im Gegnerorientierten Spiel üblich waren, führten unnötig oft zu einer unkontrollierten Klärung des Angriffs. Diese Spielweise bot wenig Gelegenheit das Spiel kontrolliert aufzubauen.

Den Innenverteidiger könnte man also als eine Art neuen Spielmacher bezeichnen. Deswegen sollte dieser heutzutage auch über eine weit überdurchschnittliche Technik verfügen. Er muss zwar kein Fintierkönig sein, doch die Qualitäten eines Innenverteidigers (Liberos) der alten Schule sind nicht mehr ausreichend. Seine Pässe über kurze und weite Distanz müssen nicht nur sehr intelligent sein, sondern auch überaus präzise und ideal dosiert gespielt werden. Er sollte flache und hohe Bälle ohne Zeitverlust in den passenden Raum an- und mitnehmen können. Er sollte Flugbälle präzise in unterschiedliche Winkel spielen können und auch situativ mit einem Tempodribbling in den freien Raum stoßen.

Bei der Schulung des Innenverteidigers sollte großen Wert darauf gelegt werden, dass er die Ballan- und -mitnahme aus der Vorwärtsbewegung perfekt beherrscht. Von hinten wird er in der Regel nur vom Torwart angespielt. Dann sollte er aber beachten, dass er sich in einer seitlichen Stellung positioniert. So kann er den Pass des Torwarts schnell nach vorne hin verarbeiten. Ansonsten setzt er sich nach den Pässen zu seinen Mitspielern immer leicht nach hinten ab, um stets gut anspielbereit zu sein. Erfolgt ein Pass zu ihm zurück, so leitet er oft mit einer Ballan- und -mitnahme eine Spielverlagerung ein.

Es gibt viele weitere Faktoren die ein Innenverteidiger bei seinem Passspiel berücksichtigen sollte. Spielt er Beispielsweise den Ball zum zweiten Innenverteidiger, so sollte er diesen immer leicht nach vorne hin anspielen. Nicht zu steil, dass dieser von einem Stürmer unter Druck gesetzt werden könnte, aber auch nicht zu frontal oder gar in den Rücken, dass das Spiel unnötig verzögert wird.

Spielaufbau entgegen der Verschieberichtung des Gegners mit anschließendem Spannball des Innenverteidigers in die Spitze.

Der Pass zum Außenverteidiger kann auf unterschiedliche Art erfolgen. Zum einen, ein gut dosierter Pass in den Lauf, so dass dieser das Spiel mit einem Vorstoß nach vorne fortsetzen kann. Zum anderen, ein frontaler Pass zu ihm: Dahinter steckt die Idee, dass der Gegner so entgegen seiner Verschieberichtung ausgespielt werden kann. Der Gegner schiebt ja in diesem Fall komplett auf die Ballseite, um den Außenverteidiger unter Druck zu setzen. Dieser spielt aber nun den Ball direkt oder indirekt (über den ballnahen Innenverteidiger) zum ballfernen Innenverteidiger. Dem ballfernen Innenverteidiger können sich nun Passwege in die Spitze eröffnen. Mit einem weiträumigen Spannball (flacher Pass) kann er dann mehrere Linien des Gegners überspielen.

Der weiträumige und druckvolle Pass in die Tiefe ist immer das ideale Zuspiel. Es wird durch die große Distanz des Passes viel Raum überbrückt und somit viele gegnerische Spieler ausgeschaltet. Durch die geringe Höhe des Balls, kann dieser vom Passempfänger sehr schnell kontrolliert werden.

Auch beim Zusammenspiel mit der 6er-Position hat der Innenverteidiger einiges zu beachten. Sie sollen die 6er coachen, weil sie es sind die in der Regel frontal zum Spiel stehen. Mit dem Pass des Innenverteidigers zum 6er muss unbedingt signalisiert werden, ob er sich in Spielrichtung aufdrehen kann oder er den Ball besser zurück spielen sollte. Bei zwei 6ern gilt es noch zu beachten, dass sich der ballnahe 6er immer tiefer positionieren sollte, als der Ballferne. Somit entsteht ein Dreieckspiel mit vielen Passoptionen und ein vertikaler Pass auf den ballnahen 6er bedeutet gleichzeitig viel Raumgewinn.

Spielt der 6er den Ball zum Innenverteidiger zurück, z. B. nach dem Kommando „Klatsch“, sollte der Pass leicht nach innen erfolgen, zumindest wenn man den Spielaufbau durchs Zentrum anstrebt. Der Innenverteidiger kann den zurück gespielten Ball jetzt erneut auf die 6er-Position bringen, wo man sich eventuell in Spielrichtung aufdrehen kann. Die Ideallösung wäre aber ein weiträumiger und druckvoller Pass (Spannball), durch die beiden 6er hindurch, zu einem Mitspieler in die Spitze. Der Spielaufbau durch das Zentrum kann sehr effektiv sein, da man in zentraler offensiver Position das Spiel in alle Richtungen fortsetzen kann und eventuell sogar zum finalen Pass kommt.

Neben den Möglichkeiten mit einem Spannball mehrere Linien des Gegners zu überspielen, einem Außenverteidiger in den Lauf zu passen oder einen 6er der sich aufdrehen kann anzuspielen, können auch punktuell Flugbälle zur Spieleröffnung eingesetzt werden. Mit einem diagonalen Flugball auf den Mittelfeldaussen, kann man in den Rücken des Gegners kommen. Falls man über einen kräftigen Stürmer verfügt, so bietet sich auch ein Flugball zu ihm an. Er kann z. B. dieses Zuspiel behaupten, auf einen nachrückenden Mitspieler ablegen, so dass dieser das Spiel aussichtsreich fortsetzen kann.

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1 Kommentar

  1. Dirk

    Hallo liebe Macher der abwehrkette,

    super Artikel und Trainingsübungen, verfolge es schon länger und bin begeistert.
    Ich fände es superwenn ihr die Anforderungsprofile weiter fortführen könntet, insbesondere das der 6er da sie für mich die Schlüsselfiguren im Offensivspiel sind.

    Vielen Dank, weiter so

    Dirk

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