«

»

Feb 27 2012

Beitrag drucken

Ralf Rangnick erklärt 1998 die Viererkette im TV

Vier Jahre bevor die Deutsche Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2002 in Korea/Japan zum ersten mal mit einer raumorientierten Viererkette spielte, trat der damals noch recht unbekannte Ulmer Trainer Ralf Rangnick im aktuellen Sportstudio auf, um dort dem deutschen Fernsehpublikum die Funktionsweise der Viererkette zu erklären. Die Einladung Ralf Rangnicks erfolgte aufgrund des Ulmers Höhenflug in der zweiten Bundesliga. Rangnick stieg erst mit dem SSV Ulm 1846 aus der Regionalliga Süd in die zweite Bundesliga auf und galt als erster Abstiegskandidat. Doch zur Zeit des TV-Auftritts im Dezember 1998 rangierte Ulm auf einem Aufstiegsplatz. Am Ende der Saison stieg man zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Fußball-Bundesliga auf.

Nicht genug der Überraschung, dass ein Abstiegskandidat einen Aufstiegsplatz belegte. Nein, dieser kleine Verein aus Baden-Württemberg spielte auch noch als einzige Mannschaft der Liga in einem für Deutschland absolut unüblichen Spielsystem: Der raumorientierten Viererkette. Dass man mit diesem Spielsystem gegen Mannschaften mit Libero konkurrenzfähig war, zeigte man in der Vorsaison. Nach einem Absturz des Vereins in die 4. Liga, schaffte man mit dem Spiel der Viererkette den Aufstieg in Liga Zwei. Es glich einer Sensation, dass man mit einem Spielsystem, welches man nur wenige Wochen trainierte, effektiver spielen konnte, als Mannschaften dessen Spieler jahrelang in ihrem “Libero-System” ausgebildet wurden. Doch dieser Umstand verhalf der modernen Viererkette in Deutschland zum Durchbruch!

In diesem Artikel beschreiben wir wie Ralf Rangnick vor fast 14 Jahren die Viererkette im TV erklärte und man wird staunend feststellen, dass sich seitdem gar nicht so viel verändert hat. Man sollte wissen, dass Ralf Rangnick durch diesen TV-Auftritt die etwas hämische Bezeichnung „Fußballprofessor“ erhielt. Obwohl er sich damals sehr bescheiden gab, fühlten sich einige Leute durch seine Darstellung der Viererkette in ihrer Kompetenz angegriffen und versuchten die Sache mit diesem Kosenamen ins lächerliche zu ziehen.

Anhand dieser Grundformation erklärte Rangnick die Viererkette

Der Auftritt gestaltete sich so, dass Ralf Rangnick zusammen mit dem Moderator des aktuellen Sportstudios Michael Steinbrecher vor einer Taktiktafel stand. Der Moderator Steinbrecher machte übrigens auch einen kompetenten Eindruck. Rangnick erklärt, dass die Viererkette für ihn nur Mittel zum Zweck sei, um Pressing spielen zu können. Das bedeutet den ballbesitzenden Gegner mit mindestens einem Spieler mehr zu attackieren. Die Spieler der Viererkette sorgen für die klare Grundordnung und dafür, dass die pressenden Spieler rückengedeckt sind.

Er dementiert die Vorstellung, dass eine Viererkette ohne Libero auskommt. Denn je nach Spielsituation agieren die Innenverteidiger als wechselnde Liberos. Sie sichern sich gegenseitig ab. Er erklärt, dass man den Gegner zunächst rauslocken will, indem man bei seinem Spielaufbau nicht direkt alle Anspielstationen zustellt.
Es wird nun eine exemplarische Spielsituation an der Taktiktafel gezeigt: Ein gegnerischer Außenspieler ist in Ballbesitz. Rangnick erklärt, dass zunächst die ballnahe Spitze Richtung Ball einrückt (um Spielverlagerungen zuzustellen), der ballnahe Mittelfeldaussen zum Ballführenden vorrückt und ein zentraler Mittelfeldspieler schiebt so zum Ball, dass er zusammen mit den genannten zwei Spielern ein Dreieck beim Ballführenden bildet. So sollen alle Pässe ins Zentrum verhindert werden. Der ballnahe Außenverteidiger rückt ins Mittelfeld vor, um Anspielstationen für den Gegner zuzustellen. Um Überzahl am Ball herstellen zu können, müssen die agierenden Spieler logischerweise die Deckung von Gegenspielern aufgeben. Dies wird aber kompensiert, indem ballfernere Mitspieler nachrücken und ihre Gegenspieler übernehmen.

Rangnicks Pressing im Jahre 1998

Die restlichen drei Spieler der Viererkette verschieben ebenfalls Richtung Ball. An der Taktiktafel wird gezeigt, wie nun der ballnahe Innenverteidiger die ballnahe Sturmspitze des Gegners deckt, der ballferne Innenverteidiger zum freien Mann (Libero) wird und so den ballnahen Innenverteidiger absichert. Der ballferne Außenverteidiger rückt ebenfalls ein und nimmt die zweite Sturmspitze in Manndeckung. Das Verhalten des ballfernen Außenverteidigers hat sich aber im Laufe der Jahre etwas gewandelt, so dass dieser heute mehr den Raum in dem die Spitze eindringt deckt, als direkt bei ihr zu stehen. Ansonsten riskiert er überlaufen zu werden und dann foul spielen zu müssen.

Der 6er rückt ebenfalls Richtung Ball ein, um das Zentrum zu schließen. Der ballferne Mittelfeldaussen rückt ein, um nahe Anspielstationen des Ballführenden zu decken. Der ballferne zweite Stürmer rückt entweder mit einer Tiefenstaffelung in den zentralen Raum ein (entsprechend der Zeichnung) oder stellt Rückpassmöglichkeiten des Gegners zu. Durch dieses Verschiebesystem der eigenen Mannschaft, um Überzahl am Ball zu schaffen, ergibt sich logischerweise in anderen Spielfeldbereichen eine Unterzahlsituation. Dies ist die ballferne Seite. Sollte der Gegner es schaffen, sich aus dieser Umklammerung zu lösen und den Ball auf die andere Spielfeldseite zu verlagern, so verschiebt man kollektiv dorthin. Die Zeit die der Ball zum Wechsel der Seite benötigt reicht oft aus, um sich als Mannschaft ebenfalls dorthin zu positionieren und erneut Überzahl am Ball herzustellen. Die Überzahl erhöht logischerweise die Chance auf eine kontrollierte Balleroberung und mit etwas Geduld gewinnt man den Ball und startet einen Gegenangriff.

Nachdem Rangnick diese Vorgehensweise erklärt hat, fasst Moderator Steinbrecher die Erläuterungen nochmal in seinen Worten zusammen:

  • Man orientiert sich am Ball
  • Man versucht Überzahl herzustellen
  • Man versucht dem ballführenden Gegner Raum und Zeit zu nehmen
  • Man deckt nicht gegnerorientiert, sondern gefahrenorientiert

Zum Ende seines Auftritts werden noch einige aktuelle Zeitungsausschnitte bezüglich des Ulmers Höhenflugs eingeblendet. Da heißt es: „Siegeszug des Systems“, „Ulm – sie spielen wie die Weltmeister“ und „Insel des modernen Fußballs“. Zuletzt wird Rangnick gefragt, wieso andere Mannschaften in Deutschland nicht auch mit Viererkette spielen. Er gibt das Argument der Libero-Befürworter wieder, dass man als Trainer nicht genug Zeit hätte das System erfolgsversprechend einzuführen. Rangnick erwidert dies aber damit, dass dies in Italien und Holland auch funktioniere. Hinzu kommt der Vorsprung dieser Länder in der Jugendausbildung. Deutsche Spieler haben jahrelang gelernt immer am Gegner „dran“ zu sein, um den Gegner in einer 1-gegen-1-Situation zu attackieren.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.abwehrkette.de/ralf-rangnick/

2 Kommentare

  1. Initiative abwehrkette.de

    Hallo,

    schöner Rückblick. Allerdings meine ich, dass folgende Passage:
    “Nein, dieser kleine Verein aus Baden-Württemberg spielte auch noch als einzige Mannschaft der Liga in einem für Deutschland absolut unüblichen Spielsystem: Der raumorientierten Viererkette”, nicht ganz korrekt ist. Wenn ich mich recht erinnere hat schon Wolfgang Frank in der Saison 95/96 in Mainz die erste Viererkette im deutschen Profifußball eingeführt und damit die Grundlage für den heutigen Erfolg gelegt. Ohne diese Änderung in der Spielanlage wäre Mainz wohl sang- und klanglos in den Niederungen des Amateurfußballs gelandet.

  2. Tobias

    Nein, nein…Immer heißt es, dass Mainz oder Freiburg die Viererkette im deutschen Fußball eingeführt hätten. Das stimmt nicht……Denn:

    Anfang der 1980er Jahre ließ Pal Czernai beim FC Bayern sogar schon Viererkette in der Abwehr spielen!!
    Ralf Rangnick und auch andere zuvor lernten von ihm….

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>