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Jun 14 2010

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Milchbubis lernen in drei Stunden die Viererkette

Als Fußballtrainer mit ausgewiesener Reputation im Bereich Viererkette kann es schonmal passieren, dass man vor einem unbekannten Team steht und einer unwissenden Fußballerscharr die Grundlage des Ballorientierten Spiels mit Viererkette vermitteln soll. Bisher spielte man locker flockig aus dem Bauch hinaus, was im Grunde auch garnicht so falsch ist, doch ab einem gewissen Punkt benötigt das Team ein System und nach Möglichkeit das beste System!

Es ist sicherlich nicht ganz unanstrengend als Trainer bei Null anzufangen. Doch hat dies auch einen gewissen Reiz. Nicht nur, weil man dem Team seinen persönlichen Stempel auftragen kann, sondern auch zu sehen wie schnell Kinder lernen und wie logisch einfach das Spiel mit der Viererkette ist. Kompliziert wird es nur, wenn der Trainer selbst keine klare Sicht der Dinge hat und die Spieler sich aus teilweise widersprüchlichen Fragmenten selbst was zusammenreimen müssen.

Vor einigen Monaten haben wir in unserem Blog den Artikel 1-Tag-Crashkurs Viererkette publiziert und für unsere Buch Spielend zur Viererkette überarbeitet. Hier wollten wir zeigen, wie schnell und einfach man eine Mannschaft auf das Spiel mit der Viererkette vorbereiten kann.

Im heutigen Artikel geht es ebenfalls darum eine Mannschaft an einem Tag mit dem Spiel der Viererkette vertraut zu machen. Diese Anleitung berücksichtigt jedoch zusätzlich ein jüngeres Alter der Spieler und beschreibt einen recht lockeren Weg dahin. Den ganzen Ablauf werden wir in einem Berichtsstil schreiben, so dass die Vorgehensweise wirklich für jeden Trainer nachvollziehbar ist:

Wir haben Feiertag und es wurde eine Trainingseinheit von 14 – 17 Uhr angesetzt. Alle 20 Spieler sind anwesend. Man trifft sich im Aufenthaltsraum des Fußballvereins. Sitzplätze und Taktiktafel sind vorhanden. Zuerst wird den Spielern der Ablauf des heutigen Tages erklärt. Der Grund für diese ungewöhnliche Maßnahme und die damit verfolgten Ziele. Nach ca. 70 Minuten gibt es eine ca. 20 Minütige Pause.

Als erstes wird den Spielern kurz die Geschichte der Viererkette geschildert. Wo und wann sie sich entwickelt hat. Wieso und mit welchem Erfolg sie sich durchsetzte. Wichtig ist es immer wieder die Spieler durch Fragen und Abstimmungen mit einzubinden. Z.B.: Wann wurde zum ersten mal mit Viererkette gespielt? Erstaunlich wenn darauf dann die recht gute Antwort 1989 von Spielern kommt, die erst 1997 geboren sind…

Jetzt werden die Erklärungen des Trainers konkreter: Früher galt folgende Prioritätenliste im Fußball die das eigene Handeln bestimmte: 1. Position des Gegenspielers, 2. Position des Balls, 3. Position des Mitspielers. Mit dem Ballorientierten Spiel ändert sich dies massiv: 1. Ball, 2. Mitspieler, 3. Gegenspieler. Das war der erste Paukenschlag des heutigen Tags!Zweite massive Änderung zu früher: Die einzelnen Mannschaftsteile sah man voneinander getrennt. Die Abwehrspieler waren für das Verhindern der Tore zuständig und die Angreifer für das Tore schießen. Im modernen Fußball spricht man jedoch nur noch von hinteren oder vorderen Spielern, um so zum Ausdruck zu bringen, dass bei Ballbesitz alle Spieler offensiv handeln und bei gegnerischen Ballbesitz alle Spieler defensiv handeln. Das war der zweite Paukenschlag!Der dritte Paukenschlag war dann der Hinweis, dass im modernen Fußball die Mannschaft als Kollektiv agiert: „Ein Spieler der die Mannschaft stark macht, ist besser als ein starker Spieler.“ Das Hauptziel des einzelnen Spielers ist es seine individuellen Fähigkeiten losgelöst von eigenen Interessen in das Team einzubringen. Nur als Einheit kann der maximale Erfolg erreicht werden und Erfolge die man im Zusammenwirken mit anderen Menschen erreicht, bereiten auch die größten Freuden. Die Idee des Kollektivs wurde mit dem Hinweis von Louis van Gaal unterstrichen, der folgende Prioritätenliste für einen Verein vorsieht: 1. Mannschaft, 2. Spieler, 3. Trainer.

Jetzt geht es zur Taktiktafel, wo erstmal nur die Magnete für den eigenen Torwart, die Viererabwehrkette und einem ballführenden Gegner hängen. Jetzt wird das Stellungsspiel der Viererkette bei den verschiedenen Ballpositionen erklärt: Ball außen und Ball zentral. Abwehrsichel und Abwehrdreieck. Die Gründe für dieses Stellungsspiel wird kurz erklärt: Absicherung, Pässe in die Tiefe zustellen, Flugbälle im Rücken der Abwehr verhindern usw..

Es werden nun zwei Magnete für den Gegner dazu genommen. Ein Gegner befindet sich an jeder Außenseite und ein Gegner zentral vor der Viererabwehrkette. Je nach Ballposition schaltet die Viererabwehrkette zwischen Abwehrsichel und Abwehrdreieck um, ohne dass die Abwehrspieler dabei kreuzen (Stichwort: Ordnung und kürzer Laufwege). Mit einem Stift markiert man den Gegner mit Ball und zeigt das nötige Stellungsspiel der Abwehr. Jetzt sollen die Spieler selbst für unterschiedliche Ballpositionen das Stellungsspiel der Abwehr an der Taktiktafel zeigen. Durch diese Mitarbeit werden sie sich die Sache besser merken.

Jetzt wird die eigene Mannschaft durch die restlichen Magnete an der Taktiktafel komplettiert. Der Gegner besteht weiterhin aus drei Magneten. Jeweils eines außen und eines Zentral. Nun erklärt man den Spielern das Verschieben. Je nach Ballposition verschiebt sich der komplette Mannschaftsverbund als Block Richtung Ball. Wichtig ist, dass beim Verschieben die seitlichen Abstände und die Abstände zu den Mannschaftsteilen gleich bleiben. Die empfohlenen Abstände liegen zwischen 6 – 10 Metern. Pässe durch Schnittstellen müssen abgefangen werden können und man muss schnellen Zugriff auf angespielte Gegner zwischen den Mannschaftsteilen haben. So setzt man die idealen Voraussetzungen für einen kontrollierten Ballgewinn.

Nun wird den Spieler an der Tafel dass 4 – 4 – 2 gezeigt. Es wird erklärt, dass auch das Mittelfeld als Viererkette agiert und deren Aufgabe im Vergleich zur Viererabwehrkette vom Prinzip her fast identisch sind. Es wird ein Gegenspieler zwischen Mittelfeld und Angriff gestellt und in der Runde gefragt, wie sich das Mittelfeld nun zu verhalten habe? Diese Frage wurde erstaunlicherweise sofort korrekt von den Spielern gelöst. Es wird dann noch erklärt, dass bei einer Ballposition außen, beide Viererketten als Sichel agieren. Zuletzt wird erklärt, dass die überspielten Mannschaftsteile nachsetzen müssen und versuchen hinter dem Ball zu kommen, um den ballführenden Gegner aktiv bekämpfen zu können.

Der letzte Punkt der Theorieeinheit war die Erklärung der Position des Außenverteidigers. Es wurde in der Runde die Frage an die bisherigen Manndecker gestellt, wie oft diese bisher in einem Spiel flankten oder auf das Tor schossen? Die Antwort Nie hat nicht besonders überrascht. Nach dem Stichwort Philipp Lahm war ihnen dann klar, dass sich das mit dem neuen System massiv ändern wird. Außenverteidiger rücken bei Ballbesitz vor den Ball, hinterlaufen die Mittelfeldaußen, flanken vors Tor oder ziehen zum Torabschluss nach Innen.

Pause!

Übung A: Ca. 30 Meter vor dem Großtor werden vier verschieden farbige Hütchen gleichmäßig auf einer strafraumbreiten Linie aufgestellt. Jeweils vier Spieler positionieren sich ca. 7 – 8 Meter vor und hinter den Hütchen. Der Trainer ruft nun eine Farbe und die acht Spieler positionieren sich so, als wäre am entsprechenden Hütchen der ballführende Gegner. Also entweder Abwehrdreieck oder Abwehrsichel bilden. Nach korrekter Aktion kehren die acht Spieler wieder auf ihre Ausgangsposition zurück. Die wartenden Spieler versuchen Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Nach ein paar Minuten gehen die nächsten acht Spieler in die Übung. Besonders ist darauf zu achten, dass während des Verschiebens die Abstände gleich bleiben. Die Tiefenstaffelung deutlich genug ist und die Abstände korrekt sind.

Übung B: Gleicher Ablauf, jedoch ohne die farbigen Hütchen in der Mitte.  Eine Vierer-Mannschaft passt sich wahllos auf einer Linie stehend einen Ball zu. Der Ball muss jeweils fünf Sekunden gehalten werden, bevor er weitergespielt werden darf. Die anderen vier Spieler reagieren entsprechend einer Viererkette auf die wechselnden Spielsituationen. Die Mannschaften werden regelmäßig gewechselt, damit jeder mal aktiv innerhalb einer Viererkette agieren kann.

Übung C: Ein 20 x 15 Meter großes Rechteck aufbauen. An den Grundlinien befinden sich jeweils zwei Minitore. Es wird nun 4 gegen 4 gespielt. Die verteidigende Mannschaft agiert als Viererkette. Regeln: Abseits beachten. Nach der Balleroberung muss mindestens ein weiterer Mitspieler ein Ballkontakt gehabt haben, damit ein Treffer zählt. Besonders ist darauf zu achten, dass untereinander klar kommuniziert wird. Es dürfen keine Missverständnisse aufkommen, wer zum ballführenden Gegenspieler aufrückt.

Übung D: Elf Spieler postieren sich im 4 – 4 – 2 auf dem Platz. Der Trainer steht vor den beiden Spitzen und absolviert verschiedene Laufrichtungen (auch diagonal). Alle Spieler absolvieren ebenfalls diese Laufwege synchron. Beim Verschieben ist besonders darauf zu achten, dass die seitlichen und vertikalen Abstände immer gleich bleiben.

Ende der Praxis!

Als Abschluss könnte man für die gute Stimmung noch ein lockeres Spiel ohne Sonderregeln absolvieren. Hier muss der Trainer seine Mannschaft einschätzen können was sinnvoll ist. Für zuhause erhält jeder Spieler ein Informationsblatt aus dem Buch Spielend zur Viererkette (Seite 36 + 37). Hier können sie sich das Gelernte anhand von einfachen Zeichnungen und Erklärungen nochmal in Ruhe ansehen und verinnerlichen. Schon beim nächsten Spiel schmeißt man die Spieler ins kalte Wasser und lässt sie ballorientiert mit zwei Viererketten spielen.

Beim Abschlussspiel im Training immer darauf achten, dass man mit einer Dreierkette in der Abwehr und Mittelfeld spielt. Die Prinzipien der Viererkette (Abwehrdreieck und Abwehrsichel) sind bei dem Spiel mit Dreierkette identisch. Für das Trainingsspiel sind zwei Mannschaft mit jeweils einer Viererabwehrkette schwer zu realisieren. Man wird in der Regel nicht über genügend (Defensiv-) Spieler und Platz verfügen. Auf einer Platzhälfte macht es keinen Sinn zwei Mannschaften mit einer Viererabwehrkette gegeneinander spielen zu lassen.

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2 Kommentare

  1. Jörg

    Hallo! Du beschreibst in dem Text, dass deine Spieler richtig erkannten, was sie zu tun haben, wenn ein Gegenspieler zwischen Abwehr und Mittelfeld auftaucht. Welches ist denn das richtige Verhalten? 🙂

  2. Initiative abwehrkette.de

    Sie erkannten instinktiv richtig, wie das Mittelfeld zu handeln hat, wenn ein Gegenspieler zwischen Angriff und Mittelfeld angespielt wird. Wichtig in diesem Fall ist es, dass das Mittelfeld, je nach Ballposition, Abwehrdreieck oder Abwehrsichel bilden und mind. ein Spieler aus dem überspielten Mannschaftsteil (hier Angriff) zum Doppeln nach hinten nachsetzt.

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