Arrigo Sacchi’s Meisterwerk: Raumdeckung und Viererkette kombiniert
Auf unserer Webseite berichteten wir bereits über die viele Zwischenschritte die die Fußballtaktik in den Jahren durchlief. Man erfand die Raumdeckung und man erfand die Viererkette. Die Mannschaften die noch mit Manndeckung und Libero spielten verloren schnell den Anschluss an der internationalen Spitze und mussten ebenfalls auf diese System umstellen. Ein gewisser Schuhverkäufer Namens Arrigo Sacchi war es dann der den letzten großen Schritt im modernen Fußball machte: Er kombinierte absolut konsequent die beiden neuen Methoden der Viererkette und der Raumdeckung!
Der Italiener Sacchi war selber nie Fußballprofi. Er schaffte es auch nicht als Spieler ins Team seines Heimatortes Fusignano. Also wurde er mit 26 Jahren deren Trainer. Von dort wechselte er zu AC Florenz, wo er eine Jugendmannschaft trainierte und die erste große Herausforderung kam für ihn 1982 als er zu Rimini Calcio in die dritte italienische Liga wechselte. Dort stieg er dann mit nur 14 Gegentore auf und schaltete in der Saison 86/87 als Zweitligist den Erstligisten AC Mailand aus. Darauf hin wurde er 1987 von Mailands Präsident Silvio Berlusconi verpflichtet.
Mit AC Mailand gewann er direkt im ersten Jahr mit nur zwei Niederlagen die italienische Meisterschaft. Mailand hatte zuvor in den letzten 20 Jahren nur einen Titel geholt. In den Jahren 1989 und 1990 gewann er jeweils zweimal die Champions League, den Europäischen Supercup und den Weltpokal. 1989 wurde er zum Trainer des Jahres gewählt. 1994 wurde er als Italiens Nationaltrainer Vize-Weltmeister in den USA.
Sacchi sah sich selbst nicht als einen der auf biegen und brechen erfolgreich spielen wollte. Er wollte auch attraktiv und offensiv spielen und damit die Zuschauer unterhalten. Aus diesem Grund hat er auch ein erfolgbringendes Offensivkonzept entwickelt. Bei eigenem Ballbesitz sollten sich nach Möglichkeit fünf Spieler vor dem Ball schieben. Die beiden Außenpositionen sollten immer besetzt sein. Dies mussten aber nicht zwangsläufig die selben Spieler sein. Sacchi ließ gleich dem niederländischen Fußball Total rouchieren.
Generell ließ sich Sacchi sehr von der niederländischen Spielweise inspirieren. Gepaart mit seinen eigenen Vorstellungen kreierte er daraus eine neue Art des Fußballs. Der Libero wurde konsequent durch die Viererkette ersetzt und die Raumdeckung wurde mit ihm so durchgängig praktiziert wie nie zuvor im Fußball. Bei gegnerischem Ballbesitz mussten alle Spieler Richtung Ball schieben und selbst die Angreifer wurden nicht von Defensivaufgaben befreit. Die Abwehrkette und die Angreifer sollten maximal 25 Meter voneinander entfernt sein. Dieses extrem Ballorientierte Spiel wurde zusätzlich noch mit einem aggressivem Pressing aufgewertet. So konnte Sacchi’s Mannschaft stets ein sehr engmaschiges Netz um den ballbesitzenden Gegner aufbauen. Dieser hatte dann meist nur die Möglichkeit nach hinten zu spielen oder einen unkontrollierten Ball nach vorne zu schlagen.
Durch das extreme Ballorientierte Verschieben sparte man auch viel Kraft, weil man sich immer in Ballnähe befand und so kraftraubende Sprints zum Ballgeschehen entfielen. Doch Sacchi’s System konnte nur gelingen, wenn sich alle Spieler auf das ganze Spielgeschehen konzentrierten. Ihre Aktionen musste sie nach Berücksichtigung folgender vier Referenzpunkte ausführen:
- Wo ist der Ball?
- Wo sind die Räume?
- Wo stehen die Gegner?
- Wo stehen die Mitspieler?
Sacchi trainierte das Ballorientierte Spiel hauptsächlich noch mit Trockenübungen. 11 Spieler agierten auf dem Platz ohne Ball und Gegner. Sacchi gab die Kommandos wo sich der imaginäre Ball befindet. Zur damaligen Zeit waren diese Taktikübungen zum Verschieben absolut revolutionär! Doch heute ist diese Art des Trainings zur Viererkette im Jugendbereich nicht mehr zeitgemäß. Die Jugendlichen von heute sind empfänglicher für Lerninhalte, wenn sie dabei unterhalten werden. Deswegen sind die Übungen zur Viererkette auf unserer Seite interessant und abwechslungsreich gestaltet. Der Ball ist immer mit dabei und durch kleine Wettbewerbe wird nochmal der Anreiz das neue System zu lernen verstärkt.
Ralf Rangnick und sein Weg zur Viererkette
Ralf Rangnick kann man ohne weiteres als einen der Wegbereiter der Viererkette, bzw. der Raumdeckung in Deutschland bezeichnen. Mit einem Schlag sprach ganz Fußball-Deutschland über ihn, als er das System 1998 im ZDF-Sportstudio einem Millionenpublikum an der Taktiktafel erklärte. Also rund vier Jahre bevor die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2002 zum ersten mal mit einer Viererkette auflief. Damals gab es in der Bundesliga mit Gladbach lediglich ein Verein der die Viererkette praktizierte. Rangnicks Einladung ins Fernsehen kam am 19. Dezember 1998 aufgrund seines sportlichen Erfolgs mit SSV Ulm zustande. Er belegte damals als Aufsteiger zur Winterpause Platz 1. in der 2. Bundesliga.
1984 erfolgte Rangnicks erster Kontakt mit der Raumdeckung. Als Spielertrainer von Viktoria Backnang absolvierte er ein Testspiel gegen die mit Viererkette agierende Mannschaft von Dynamo Kiew. Ihn beeindruckte, dass die Kiewer in fast jeder Spielsituation in Überzahl waren. Das damals revolutionäre System fiel auf den Kiewer Trainer Valerij Lobanowski zurück. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Viererkette. In seinen 22 Jahren in Kiew wurde er 12x Meister, 9x Pokalsieger, zweimal gewann er den Europapokal der Pokalsieger und einmal den europäischen Supercup. Mit der sowjetischen Nationalmannschaft wurde er 1988 EM-Zweiter.
Rangnick war von der Spielart der Kiewer derart beeindruckt, dass er von nun an dieses System studierte wo es ging: Beim Trainingslager der Kiewer in Stuttgart-Ruit, wie auch bei Arrigo Sacchis, dem damaligen Trainer von AC Mailand. Was er damals lernte, erwartet er auch heute noch von seinen Hoffenheimer Spielern: Verschieben, aggressiv pressen und nach der Balleroberung nach Möglichkeit steil in die Spitzen passen.
Rangnick sieht den Trainer als einen Art Theaterregiseur. Seine Handschrift sollte auf der Bühne sichtbar sein, doch die (Schau-)Spieler müssen genügend Freiheiten besitzen Kreativität zu entwickeln. Er hält es für besonders wichtig den Gegner möglichst weit weg vom eigenen Tor zu halten und Quer, bzw. Rückpässe auf ein Minimum zu reduzieren. Er will möglichst aggressiv spielen, doch ohne zu foulen. Da sich die Spieler ständig ballorientiert verschieben, verschwendet ein geahndetes Foulspiel Energien der eigenen Mannschaft.
Die größten Erfolge Rangnicks als Trainer waren bisher die beiden Bundesliga-Aufstiege mit Hannover 96 und der TSG Hoffenheim, wie 2005 mit Schalke 04 die Vize-Meisterschaft und das Erreichen des DFB-Pokalfinale. Wohl einzigartig ist es, dass zwei von ihm betreute Vereine - Hoffenheim und Ulm - einen Durchmarsch von der Regionalliga bis in die 1. Bundesliga schafften!

