Einfach und Erfolgreich spielen mit der Viererkette
Bayer Leverkusen ist in der Bundesliga eine der Überraschungsmannschaften der Saison. Nach dem 16. Spieltag befinden sich die Heynckes-Elf ohne Niederlage an der Tabellenspitze. Als zu Saisonbeginn der neue Trainer Jupp Heynckes kam, gab es einige Änderungen im System von Bayer. Bisher agierte man ständig im Pressing und spielte im Mittelfeld mit einer Raute. Das ständige Pressing wurde reduziert und auch von der Raute im Mittelfeld hat man sich verabschiedet. Man spielt nun mit einer Viererkette vor der Abwehrkette und es wird nun nur noch gezielt gepresst. Bei gegnerischen Ballbesitz im Mittelfeld verschieben sich zwei kompakte Viererketten hinter dem Ball und ein Angreifer übt Druck auf den ballführenden Gegner aus.
Die ballfernen Seiten werden bei Bayer komplett vernachlässigt. Das oberste Ziel lautet, Überzahl in Ballnähe zu schaffen und dabei die Räume so eng wie möglich für den Gegner zu gestalten. Dieses System unterscheidet sich relativ stark vom niederländischen System, welches Bayern München unter Louis van Gaal spielt. Hier ist das Spielfeld in Zonen unterteilt, welches das Ziel verfolgt, in jeder Spielsituation Zugriff auf alle gegnerische Anspielstationen zu haben.
Dieses klassische System der Heynckes-Elf ist im Grunde so einfach wie wirkungsvoll. Die Mannschaft hat schnell die Spielphilosophie ihres neuen Trainers verinnerlicht und stellt nun nach 16 Spieltagen die beste Defensive der Liga. Das sehr ausgeprägte ballorientierte Spiel von Bayer ist sogar so simpel, dass man es bereits in den Grundzügen in mittleren Jugendmannschaften recht schnell einführen kann. Die taktischen Vorgaben halten sich in Grenzen, was wiederum Raum für die kreative Entfaltung der Spieler zulässt.
Auffallend bei der Viererkette von Bayer ist, dass diese sehr stark und kompakt auf einer Linie agiert. Befindet sich der Ball beim Gegner im Mittelfeld, so versucht sie keine Tiefenstaffelung herzustellen. Es befinden sich so kaum Schnittstellen in der Viererkette für den finalen Pass. Dies führt dazu, dass die gegnerischen Spitzen dem Ballführenden oft entgegenstarten müssen. Das nutzt die Abwehrkette um aufzurücken und so den Raum für den Gegner noch mehr zu verengen.
Die Linie in der Abwehrkette wird aber unter gewissen Bedingungen aufgehoben. Befindet sich der ballführende Gegner im Mittelfeld nicht unter genügend druck, so lassen sich die beiden Innenverteidiger etwas in der Tiefe fallen. Auch lässt sich ein Innenverteidiger fallen, wenn der andere Innenverteidiger in den Zweikampf geht. Dies ermöglicht ihm im Falle eines verlorenen Zweikampfs seines Mitspielers noch rettend einzugreifen.
Die Seitenabstände der Viererketten bleiben beim Verschieben gleich. Jedoch werden die Seitenabstände in der Abwehrkette in dem Verhältnis geringer, wie sich der Gegner dem eigenen Tor nähert. Teilweise betragen die Abstände zueinander nur 2-3 Meter. Durch diese Kompaktheit in dem gefährlichen Bereich zentral vor dem Tor, versucht Bayer den Gegner nach außen zu drängen. Man vertritt hier ganz klar die Ansicht, dass der Flügel ungefährlicher für das eigene Tor ist als das Zentrum. Bei Bayer wird also immer von innen nach außen verteidigt, bzw. ihr Balleroberungs-System angewandt.
Nach der Balleroberung agiert Bayer sehr flexibel und zielstrebig nach vorne. Spätestens nach 3-4 Querpässen erfolgt der Pass nach vorne. Die Innenverteidiger schrecken auch nicht vor einem langen Pass in die Sturmspitze zurück. Hier versucht Bayer durch aggressives Pressing den zweiten Ball zu erobern und so gleich in einer aussichtsreichen Situation vor dem gegnerischen Tor zu kommen. Die Innenverteidiger schlagen auch lange Diagonalpässe zu den Mittelfeldaußen. Ihm rücken dann bewusst keine Mitspieler entgegen, die wiederum Defensivspieler des Gegners nach sich ziehen würden. So ermöglicht man dem Mittelfeldaußen eine 1-gegen-1-Situation am Flügel und, bei einem erfolgreichen Durchbruch, der Zug zum Tor. Oft rücken auch bei der Spieleröffnung der Innenverteidiger, die Mittelfeldaußen ins Zentrum als Anspielstationen und schaffen so Platz für vorrückenden Außenverteidiger.
Das Spiel Bayer Leverkusens ist auch dadurch gekennzeichnet, dass immer einer der beiden Angreifer sehr viel Defensivarbeit leistet. Er schließt u.a. Löcher im Mittelfeld und arbeitet am Flügel, um der anderen Spitze das Angriffszentrum zu überlassen. Erkennen die beiden Angreifer, dass Mitspieler den Ball erobert haben, versuch sie mit Tempo in die Spitze zu kommen. Dabei starten sie oft von einem Punkt und kreuzen sehr oft ihre Laufwege. Bietet sich einem Angreifer nicht der direkte Weg zum Tor, so behauptet er den Ball für nachrückende Mitspieler. Oft schieben auch beide Angreifer bewusst nach außen in einer Richtung, um so Räume für Spieler aus der zweiten Reihe zu schaffen.
Bei der Spieleröffnung des Gegners tief in deren Hälfte wird der Ballführende oft von den beiden Angreifern seitlich angelaufen, um so einen Pass ins Zentrum zu provozieren. Im Zentrum lauern dann Mitspieler die bei einem solchen Pass den Gegner sofort aggressiv attackieren. Die ganze Mannschaft schiebt dabei nach Vorne Richtung Ball. Diese Art des Forecheckings kostet zwar Kraft, doch gezielt im Verlaufe des Spiels angewandt, ergeben sich daraus oft sehr gute Torchancen und man vermittelt dem Gegner das Gefühl unter ständigem Druck zu stehen.
Der Trainer-Newcomer der Bundesliga Thomas Tuchel
Als der 1973 geborene Thomas Tuchel am 3. August 2009 zum Cheftrainer beim FSV Mainz 05 für den entlassenen Jörn Andersen ernannt wurde, fragte sich ganz Fußballdeutschland wer dieser Tuchel ist? Wie kommt Mainz dazu einen so unbekannten Trainer die Führung seiner Bundesligamannschaft zu übergeben? Selbst als Spieler war Tuchel lediglich für acht Spiele Profi in der zweiten Liga bei den Stuttgartern Kickers.
Thomas Tuchel musste schon recht früh mit 24 Jahren seine Fußballkarriere aufgrund einer Verletzung beenden und studierte daraufhin BWL. Im Jahr 2000 kam er über seinen ehemaligen Trainer vom SSV Ulm Ralf Rangnick zum VFB Stuttgart, wo er dann bis 2004 die U14 und U15 trainierte. Die Saison darauf wurde er als Co-Trainer der Stuttgarter A-Jugend Deutscher Meister. Für drei Jahre wechselte er nun zum FC Augsburg wo er die U19 und U23 trainierte und 2007 beim DFB die Ausbildung zum Fußball-Lehrer absolvierte. 2008 kam er dann zu Mainz 05 wo er gleich im ersten Jahr als Trainer der A-Jugend Deutscher Meister wurde.
Nur fünf Tage vor dem ersten Bundesligaspiel übernahm er das Amt als Cheftrainer und jetzt nach sechs Spieltagen steht er mit Mainz auf dem fünften Tabellenplatz und ist punktgleich mit dem Tabellendrritten Bayern München. Gegen Bayern München gewannen die Mainzer am dritten Spieltag unter Tuchel sogar zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Das Fachmagazin Kicker sprach nach diesem Spiel von den taktisch genialen Schachzügen Tuchels. So setzte er den langzeitverletzten Bo Svensson zur Absicherung vor der Abwehr ein und spielte mit zwei defensiven Mittelfeldspielern die immer wieder auf die Zehnerpositionen vorrückten und die Bayern so unter Druck setzen.
Seinen Umgangsstil mit den Spielern bezeichnet Tuchel als kommunikativ. Er habe klare Vorstellungen vom Training und Spiel und würde diese pedantisch und konsequent durchsetzen. Tuchel sieht sein Vorbild in seinem ehemaligen Trainer Ralf Rangnick und ist gewillt die u.a. von Rangnick geprägte baden-württembergische Schule des Fußballs in Mainz weiter umzusetzen. Im Detail bedeutet dies, dass er von seinen Spielern viel Laufbereitschaft erwartet, dass sie aus einer hervorragenden Ordnung aggressiv nach Vorne verteidigen und bei Balleroberung schnell und flach in die Spitze spielen. Außerdem sei ihm das Umschalten in beide Richtungen sehr wichtig.
In einem Interview mit Spox.com sprach Tuchel über seine Bewunderung für den FC Barcelona. Die herausragende Leistung des FC Barcelonas sei nur durch eine Art Demut möglich. Die Spieler des FC Barcelonas treten als kollektiv auf. Bei Ballverlust in der gegnerischen Hälfte ist sich kein Star zu schade direkt wieder aggressiv gegen den Ball zu verteidigen. Es sei nicht selbstverständlich, dass auf so hohem Niveau kein Spieler die harte Defensivarbeit scheut.
In der Bescheidenheit sieht Tuchel den Weg um im Fußball erfolgreich zu sein. Durch die Bescheidenheit entsteht ein gewisser Anspruch gegenüber sich selbst. Das Erkennen seines außergewöhnlichen Talents und die Bereitschaft alles für seine Entwicklung zu tun. Nur so könne man das Höchstmögliche erreichen.
Tuchel nennt den 2009 verstorbenen Hermann Badstuber als einen seiner größten Vorbilder in Sachen Fußball. Selten habe er jemanden gesehen der soviel Fachwissen in sich vereinte und dennoch soviel Querdenken zuließ. Er war fleißig, hat sich selbst hinterfragt und blieb dabei stets bescheiden. Hermann Badstuber ist Vater des Bayern-Verteidigers Holger Badstuber.
Neben Ralf Racknick, Peter Zeidler, Jogi Löw, Wolfgang Geiger, Helmut Groß ist nun mit Thomas Tuchel ein weiterer erfolgreicher Trainer aus der baden-württembergischen Schule hervorgegangen. In unserem Artikel 1981: Die Fußballrevolution in Deutschland ist nachzulesen wie aus der baden-württembergischen Schule das ballorientierte Verteidigen und die Viererkette hervorging.
© Martin Hasenpflug
Felix Magath mit drei Innenverteidigern zum Erfolg
In unserem Artikel DFB-Chefscout und die Zukunft des Fußballs ist nachzulesen, wie Urs Siegenthaler die deutschen Trainer aufmuntert über den eignen Tellerrand zu schauen. Sie sollen das vorhandene nicht als unumstößliche Wahrheit sehen, sondern mit dem Zeitgeist gehen und für bestehende Probleme neue und kreative Lösungen finden. So verwies er z.B. darauf, dass der FC Barcelona anfing mit drei Stürmern zu spielen und dabei große Erfolge erzielte und plötzlich war die Dritte Spitze in aller Munde.
Gestern spielte Schalke 04 beim 1. FC Köln. Der 1. FC Köln hat gegen keine andere Mannschaft in der Liga soviele Heimsiege verbucht wie gegen Schalke 04. Und Schalke war wirklich in keiner guten Ausgangssituation. So mussten sie kurzfristig die Ausfälle von Rafinha, Kuranyi und Mineiro kompensieren. Hinzu kommt der langzeitverletzte Jones, der eigentlich in dem sowieso arg begrenzten Schalker Kader die Fäden ziehen sollte. Diese Dezimierung an Leistungsträgern war es aber nicht allein die auf Schalke lastete. So kamen in den letzten Tagen öffentliche Diskussionen auf, dass Schalke mit der Zahlung der Spielergehälter rund vier Wochen in Verzug sei und dass man noch rund 20-25 Millionen bis zum Jahresende auftreiben muss, um für diese Saison zahlungsfähig zu bleiben.
Das Interessante für uns an diesem Spiel war aber, dass Felix Magath nach rund 20 Minuten auf das 3-4-3 umstellte. Schalke agierte nun mit drei Innenverteidigern, die bei einem Kölner Angriff zu einer Fünferkette wurde. Die beiden Mittelfeldspieler außen ließen sich in die Abwehrkette fallen und die beiden zentralen Mittelfeldspieler sorgten dafür, dass Schalke in zentraler Position vor dem eigenen Tor sehr kompakt standen.
Letztlich gewannen die Schalker mit drei Innenverteidigern 2:1 in Köln und belegen nun nach fünf Spieltagen überraschend den dritten Tabellenplatz. Felix Magath ging volles Risiko und wurde belohnt. Nicht umsonst sagt man, dass den Mutigen die Welt gehört. Oft scheitern innovative Ideen nur daran, dass man nicht den Mut hat sie mit der letzten Konsequenz durchzusetzen. Man mischt sie noch mit althergebrachten und sie funktioniert nicht. Die grundsätzlich gute Idee wird nun wieder verworfen und man setzt aufs altbewährte.
Ob es nun die vier Stürmer sind oder die drei Innenverteidiger von Felix Magath ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass man sich und sein System immer wieder in Frage stellt, sich dem Fortschritt nicht verschließt, die eigene Situation erkennt, kreativ nach alternative Wege sucht und diese dann mutig bis zur letzten Konsequenz umsetzt.
Ralf Rangnick und sein Weg zur Viererkette
Ralf Rangnick kann man ohne weiteres als einen der Wegbereiter der Viererkette, bzw. der Raumdeckung in Deutschland bezeichnen. Mit einem Schlag sprach ganz Fußball-Deutschland über ihn, als er das System 1998 im ZDF-Sportstudio einem Millionenpublikum an der Taktiktafel erklärte. Also rund vier Jahre bevor die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2002 zum ersten mal mit einer Viererkette auflief. Damals gab es in der Bundesliga mit Gladbach lediglich ein Verein der die Viererkette praktizierte. Rangnicks Einladung ins Fernsehen kam am 19. Dezember 1998 aufgrund seines sportlichen Erfolgs mit SSV Ulm zustande. Er belegte damals als Aufsteiger zur Winterpause Platz 1. in der 2. Bundesliga.
1984 erfolgte Rangnicks erster Kontakt mit der Raumdeckung. Als Spielertrainer von Viktoria Backnang absolvierte er ein Testspiel gegen die mit Viererkette agierende Mannschaft von Dynamo Kiew. Ihn beeindruckte, dass die Kiewer in fast jeder Spielsituation in Überzahl waren. Das damals revolutionäre System fiel auf den Kiewer Trainer Valerij Lobanowski zurück. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Viererkette. In seinen 22 Jahren in Kiew wurde er 12x Meister, 9x Pokalsieger, zweimal gewann er den Europapokal der Pokalsieger und einmal den europäischen Supercup. Mit der sowjetischen Nationalmannschaft wurde er 1988 EM-Zweiter.
Rangnick war von der Spielart der Kiewer derart beeindruckt, dass er von nun an dieses System studierte wo es ging: Beim Trainingslager der Kiewer in Stuttgart-Ruit, wie auch bei Arrigo Sacchis, dem damaligen Trainer von AC Mailand. Was er damals lernte, erwartet er auch heute noch von seinen Hoffenheimer Spielern: Verschieben, aggressiv pressen und nach der Balleroberung nach Möglichkeit steil in die Spitzen passen.
Rangnick sieht den Trainer als einen Art Theaterregiseur. Seine Handschrift sollte auf der Bühne sichtbar sein, doch die (Schau-)Spieler müssen genügend Freiheiten besitzen Kreativität zu entwickeln. Er hält es für besonders wichtig den Gegner möglichst weit weg vom eigenen Tor zu halten und Quer, bzw. Rückpässe auf ein Minimum zu reduzieren. Er will möglichst aggressiv spielen, doch ohne zu foulen. Da sich die Spieler ständig ballorientiert verschieben, verschwendet ein geahndetes Foulspiel Energien der eigenen Mannschaft.
Die größten Erfolge Rangnicks als Trainer waren bisher die beiden Bundesliga-Aufstiege mit Hannover 96 und der TSG Hoffenheim, wie 2005 mit Schalke 04 die Vize-Meisterschaft und das Erreichen des DFB-Pokalfinale. Wohl einzigartig ist es, dass zwei von ihm betreute Vereine - Hoffenheim und Ulm - einen Durchmarsch von der Regionalliga bis in die 1. Bundesliga schafften!

