Reformen im Jugendfußball durch den DFB
Matthias Sammer ist der jüngste Trainer der je in der Bundesliga-Geschichte Deutscher Meister wurde, heißester Nachfolgekandidat von Jogi Löw und aktuell Sportdirektor des DFBs. Nun hat er sich bei der Jugendfachtagung in Hannover für eine Reform der Spielfeldgröße und Spielerzahl im D-Jugendbereich ausgesprochen.
Die großen Spielfelder und hohe Spielerzahlen in diesem Altersbereich führen zu weniger Ballkontakte, weniger 1-gegen-1-Situationen und die Handlungschnelligkeit der Spieler wird nicht optimal gefördert. Körperlich robuste Spieler haben hier einen großen Vorteil gegenüber schmächtigere, aber dafür technisch besseren Spielern. Aus diesem Grund hören viele talantierte Spieler früh mit dem Fußball auf.
Der neue Vorschlag von Sammer sieht nun zwei verschiedene Modelle für die D-Jugend vor. Zum einen ein Spiel 7-gegen-7 auf einer Platzhälfte und zum anderen ein Spiel 9-gegen-9 von Strafraum zu Strafraum.
Durch die erhöhte Anzahl von Ballkontakten werden die fußballerischen Fertigkeiten besser gelernt und die Motivation Fußball zu spielen steigt dadurch auch, weil man einfach an mehr Spielsituationen direkt beteiligt ist.
Hinzu kommt die erhöhte Anzahl von 1-gegen-1-Situationen. Auch hier kann das Kind sich natürlich stärker verbessern, wenn es sich mehr in solchen Situationen auszeichnen kann. Gerade diesem Bereich sollte man als Trainer große Aufmerksamkeit schenken, weil die 1-gegen-1-Situation nicht umsonst als Keimzelle des Fußballs bezeichnet wird.
Auch die Koordination und Beweglichkeit wird auf kleinerem Raum besser geschult. Der DFB setzt sich seit Sammer vermehrt für Ball- und Bewegungsspiele aller Art in Kindergärten ein. Die WM 2026 wird bereits mit Spielern bestritten die heute Kindergärten besuchen. Außerdem setzt sich Sammer für einen täglichen Schulsport ein. Ganz nach dem Motto: Mens sana in corpore sano. (In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.)
Kein Platz für Individualisten im modernen Fußball
Das Gesicht des Fußballs hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. So waren es bis in die 70er oder sogar 80er-Jahren Individualisten die ein Spiel lenkten und auch entschieden. Der Spielmacher als technisch visierter Mann sollte mit Auge das Spiel an sich nehmen und mit klugen Pässen die Angreifer in Szene setzen. Doch durch das Ausschalten des Spielmachers konnte man recht einfach das Spiel des Gegners zerstören. Folglich wurde der Spielmacher oft in Manndeckung genommen und wiederum ein anderer Mitspieler sollte den Spielmacher von seiner Sonderbewachung lösen, der sogenannte Wasserträger.
Hinter den Manndeckern agierte dann der freie Mann (Libero) ohne Deckungsaufgaben. Er sollte Fehler seiner Vorderleute ausbügeln, in der kompletten Breite des Spielfelds Überzahl schaffen und sich dann auch noch mit ins Angriffsspiel einschalten. Durch seine Position hinter der Abwehr schuf er gefährliche Räume für den Gegner, die diese oft mit Steilpässen für sich zu nutzen wussten. Bei einem Vorstoß des Liberos und einem eventuellen Ballverlust und Konter des Gegners, hatten es die Manndecker und der Vorstopper (ein weiterer Fußball-Dinosaurier) dann sehr schwer in Gleichzahl oder gar Unterzahl zu verteidigen. In diesen Situationen funktioniert die Manndeckung nämlich nicht und man musste blitzschnell von Manndeckung auf Raumdeckung umschalten. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Sache ein großes Fehlerpotenzial in sich barg.
Aber u.a. ist es auch diesem Umstand zu verdanken, dass immer mehr Mannschaften anfingen konsequent in Raumdeckung zu verteidigen. So waren die Abwehrspieler nicht mehr gezwungen während des Spiels zwischen zwei ganz gegenläufigen Prinzipien umzudenken. Auch das Überzahlspiel in Ballnähe konnte man nun viel schneller gestalten, da die größere Entfernung von der Position des Liberos durch die geringere Entfernung des Mitspielers an seiner Seite ersetzt wurde. Man schaffte nun auch keine unnötige Räume mehr, durch den tief agierenden Libero. Die Individualisten Libero, Vorstopper, Manndecker entfielen zugunsten der Viererkette. Die Abwehrspieler agierten von nun an gleichberechtigt im Kollektiv.
Die Idee des Kollektivs im Mannschaftssport ist eigentlich die natürlichste Sache der Welt, denn das Individualisten-Dasein der Spieler führt zu keinem starken gemeinsamen Nenner. Die jahrzehntelange Förderung von Individualisten führte oft zu egoistischen Charakteren. Man stellte mehr seine eigenen Interessen in den Vordergrund, anstatt die der Mannschaft. Aus diesem Grund steht im modernen Fußball die Förderung des Teamgedankens im Vordergrund. Dies ist nicht nur aus spielerische Sicht ein Fortschritt, sondern auch aus sozialer.
Im modernen Fußball bildet aber nicht nur die Viererkette eine Einheit, sondern die komplette Mannschaft. Die einzelnen Mannschaftsteile interagieren im großen Maße und verschmelzen sogar miteinander. Folglich fallen auch die Individualisten in den anderen Mannschaftsteilen weg. Das leicht auszumachende Spiel mit Spielmacher weicht ebenfalls dem Kollektiv. Hier ist es aber auch der verbesserten Talentförderung weltweit zu verdanken, dass heutige Trainer über technisch besser ausgebildete Spieler verfügen und Fähigkeiten mitbringen ein Spiel zu gestalten.
Aus diesem Kollektivgedanken ergeben sich aber auch einige Nachteile. Diese sind aber dem modernen Fußballtrainern bereits bekannt und die Talentförderung des DFBs arbeitet auch in diese Richtung. So lassen sich viele Spieler so sehr ins Kollektiv drängen, dass sich ihre Persönlichkeit nicht genügend entwickelt. Der Fußball benötigt aber starke Spieler die ihre Mannschaft auf dem Platz antreibt oder auch kreative Köpfe, die mit unerwarteten Dinge die gegnerische Mannschaft überrascht. Solche Spieler besitzen allesamt eine ausgeprägte Persönlichkeit die es von der Jugend an zu fördern gilt. Es sollte also das Ziel des modernen Fußballtrainers sein, starke Persönlichkeiten in ein gut funktionierendes Kollektiv zu integrieren.
Der Weg des DFB zur Weltspitze der Talentförderung
Mit dem Sieg der deutschen U21-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Schweden 2009 hat es zum ersten mal in der Fußballgeschichte ein Land geschafft mit drei Nachwuchsmannschaften innerhalb eines Jahres Europameister zu werden. Neben der U21, gewann auch die U19 und die U17 den Europameistertitel. Der letzte größere Erfolg der U21 lag schon 27 Jahre zurück. Damals unterlag man im Finale England mit einem Gesamtergebnis von 5:4.
Die neuerlichen Erfolge sind aber keine Zufälle, sondern die Ergebnisse großer Umstrukturierungen der Talentförderung des DFB. Seit 2002 wurden viele Bereiche der Jugendarbeit massiv überarbeiten. Dies war nötig, da bis dato viele Talente unentdeckt blieben, bzw. die entdeckten Talente nicht immer gezielt gefördert wurden.
Mit der Saison 2002/03 wurden in Deutschland 387 DFB-Stützpunkte eröffnet. In diesen Einrichtungen werden jedes Jahr ca. 16.000 Jugendliche von ca. 1.200 Honorartrainern, zusätzlich zum Vereinstraining, ausgebildet. Die Kosten für dieses Projekt belaufen sich jährlich auf ca. 10 Millionen Euros. Ebenfalls seit 2002 sind alle Erst- und Zweitligisten dazu verpflichtet Leistungszentren zu unterhalten. Diese Kosten belaufen sich jährlich für die Vereine auf etwa 70 Millionen Euros.
Neben diesen beiden Projekten sind 2006 noch die Eliteschulen des Fußballs dazugekommen. Hier soll den potentiellen Profispielern die Doppelbelastung von Schule und Leistungssport genommen werden. Es findet eine parallele Ausbildung statt. Bereits im Rahmen des Vormittagsunterrichts sind Trainingseinheiten enthalten. Zusätzlich wird eine Reihe an verschiedenen Service, wie Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung und flexible Klausurtermine angeboten. Somit können die Eliteschulen optimal mit den Leistungszentren der Profivereine zusammenarbeiten. Die Eliteschulen werden von variablen Fördergeldern des DFB finanziell unterstützt.
Neben diesen drei Einrichtungen setzt der DFB auf eine verbesserte und intensiverer Trainerausbildung. So wird es z.B. keine Sonderbehandlung mehr für verdiente Ex-Profis geben. Um eine Profimannschaft zu trainieren ist eine 10-monatige Ausbildung zum Fußballlehrer nötig. Um eine Oberligamannschaft zu trainieren die DFB-A-Lizenz, um Stützpunkttrainer zu werden die B-Lizenz und um Trainer im U14-Nachwuchs-Cup zu werden die C-Lizenz.
Auch das gesamten Umfeld der U-Mannschaften ist professioneller geworden. So wird eine Datenbank mit dem Ziel unterhalten die verschiedenen Jugendnationalspieler gezielter fördern zu können. Es werden darin alle Informationen von sportmedizinischen Untersuchungen, Leistungstests, Spiel- und Spielerbeobachtungen eingepflegt. Auch der Trainerstab wurde bei allen U-Mannschaften stark erweitert. So gehören nun zu jeder Mannschaft, neben den Haupttrainern, drei Physiotherapeuten, jeweils ein Arzt, Psychologe, Fitnesstrainer, Torwarttrainer und Videoanalyst. Das ist ein vergleichbarer Umfang wie bei einem Bundesligisten.
Ein weiterer Grundpfeiler der DFB-Talentförderung ist der psychologische Aspekt. Man will starke Spieler mit einer starken Persönlichkeit und Siegermentalität ausbilden. Dazu werden die Spieler in Entscheidungen mit einbezogen, erhalten Medientraining und werden in ihrer Ausbildung weder unter- noch überfordert.
Des weiteren wird ein Schwerpunkt auf Individualtraining und der Förderung von Kreativität gelegt. Laut DFB fördert Individualtraining das Niveau einer ganzen Mannschaft. So werden regelmäßig bei Lehrgängen Techniktrainer heranzogen die dann 3-4 Spieler aus der Mannschaft herausnehmen und mit diesen ein spezielles Training absolvieren. Es werden dann z.B. Grundtechniken oder positionsspezifische Erfordernisse trainiert.
Auch hat der DFB eine einheitliche Spielphilosophie für alle Nationalmannschaften schriftlich vorgegeben. So sollen alle Mannschaften die Viererkette in einem 4-4-2-System spielen. Aus einer kompakten und disziplinierten Deckung heraus soll mit einer dynamischen Spielweise offensiv agiert werden. Das Mittelfeld soll in der Lage sein sich sehr schnell den verschiedenen Spielsituationen anzupassen, variantenreich und attraktiv Fußball zu spielen. Auch ein sicherer Spielaufbau mit überraschend schnell gestalteten Angriffsaktionen sind angesagt. Die Abwehrspieler sollen offensiv agieren und alle Spieler stets zweikampfstark - aber fair - agieren.
Die ersten Erfolge mit den neuen Strukturen sind also erzielt. Der DFB in Form von Matthias Sammer kündigte aber an, dass dies erst der Beginn der Entwicklung sei. Das neue Konzept sei mittel- und langfristig angelegt und deshalb sei von deutschen Nachwuchsmannschaften noch viel zu erwarten.
DFB-Chefscout und die Zukunft des Fußballs
Im Zuge der Weltmeisterschaft 2006 haben die beiden deutschen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw die Arbeitsstelle des DFB-Spielebeobachters geschaffen. Diese wurde an den Schweizer Urs Siegenthaler mit dem Ziel vergeben, eine Datenbank über die künftigen Gegner der deutschen Nationalmannschaft zu erstellen: Wie ist ihre Taktik? Was sind ihre Stärken und Schwächen? Wie sind sie zu schlagen?
Urs Siegenthaler erklärte nun in einem Interview mit dem Onlinemagazin Spox.com, dass er die Entwicklung im Fußball lange noch nicht als beendet sieht. In den letzten 20 Jahren hat man unheimlich große Verbesserungen in sämtlichen Bereichen erreicht. Es sei aber durchaus noch Potential zu weiteren Optimierungen. Wie schnell neue Trends durch einen erfolgreichen Vorreiter geschaffen werden kann, zeige das Beispiel der drei Stürmer von FC Barcelona. “Und plötzlich ruft die ganze Welt nach drei Stürmern”, sagt Siegenthaler. Doch ein einfaches kopieren bestehender Konzepte führe zu keinen Innovationen. Man sollte einfach über den eigenen Tellerrand schauen und an seinen individuellen Bedürfnissen angepasst was Neues schaffen. Vielleicht wird es eines Tages das Nonplusultra sein mit vier Stürmern zu spielen, meint Siegenthaler. Neue Ideen ließen sich am besten im Jugendfußball umsetzen, da die Spieler dort noch keine festen Schablonen im Kopf haben, wie man Fußballspielen zu hat.
Eines der wichtigsten Themen momentan im Fußball sei die Kreativität im Spiel der Mannschaften. Deren Umfang ist ein ausschlaggebender Punkt der heute über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Siegenthaler sieht im Schaffen von Kreativität einen neuen Schwerpunkt bei der Ausbildung von Fußballspielern. Um jedoch Kreativität zu schaffen ist eine feste Ordnung nötig. Nur auf dem Fundament von festen Regeln, Disziplin, Aufgabenzuordnung und eingeschliffenen Automatismen kann der Spieler kreativ werden. Kreativität im Fußball kann nicht entstehen, wenn der Spieler sich noch mit grundsätzlichen Fragen bewusst auseinander setzen muss.
Urs Siegenthaler war von 1987 bis 1990 beim FC Basel als Trainer aktiv. Im Anschluss wurde er Trainerausbilder des Schweizerischen Fussballverbandes. Bereits Anfang der 90er-Jahre verfügte die Schweiz über ein Ausbildungskonzept, welches eine einheitliche Spielphilosophie in den Jugendmannschaften und eine verbesserte Ausbildung der Jugendtrainer vorsah. Als die deutsche Nationalmannschaft noch mit dem gealterten Lothar Matthäus als Libero bei der WM 1994 in der USA antrat und gegen Bulgarien ausschied, gab man den Schweizer Jugendtrainern bereits das Spielen mit Raumdeckung und Viererkette vor.
Der Trainer vom VFL Bochum Marcel Koller erklärt die innovativen Ausbildungsmethoden der Schweiz so, dass man immer ein Ausbildungsland gewesen sei. Man konnte und kann sich keine teuren Spieler aus dem Ausland leisten und deshalb setzte man schon früh einen großen Augenmerk auf die Ausbildung eigener Talente. Joachim Löw der selbst in der Schweiz spielte und trainierte war von den Ideen Urs Siegenthalers so angetan, dass er ihn später zum DFB holte.
© Martin Hasenpflug

