Felix Magath mit drei Innenverteidigern zum Erfolg
In unserem Artikel DFB-Chefscout und die Zukunft des Fußballs ist nachzulesen, wie Urs Siegenthaler die deutschen Trainer aufmuntert über den eignen Tellerrand zu schauen. Sie sollen das vorhandene nicht als unumstößliche Wahrheit sehen, sondern mit dem Zeitgeist gehen und für bestehende Probleme neue und kreative Lösungen finden. So verwies er z.B. darauf, dass der FC Barcelona anfing mit drei Stürmern zu spielen und dabei große Erfolge erzielte und plötzlich war die Dritte Spitze in aller Munde.
Gestern spielte Schalke 04 beim 1. FC Köln. Der 1. FC Köln hat gegen keine andere Mannschaft in der Liga soviele Heimsiege verbucht wie gegen Schalke 04. Und Schalke war wirklich in keiner guten Ausgangssituation. So mussten sie kurzfristig die Ausfälle von Rafinha, Kuranyi und Mineiro kompensieren. Hinzu kommt der langzeitverletzte Jones, der eigentlich in dem sowieso arg begrenzten Schalker Kader die Fäden ziehen sollte. Diese Dezimierung an Leistungsträgern war es aber nicht allein die auf Schalke lastete. So kamen in den letzten Tagen öffentliche Diskussionen auf, dass Schalke mit der Zahlung der Spielergehälter rund vier Wochen in Verzug sei und dass man noch rund 20-25 Millionen bis zum Jahresende auftreiben muss, um für diese Saison zahlungsfähig zu bleiben.
Das Interessante für uns an diesem Spiel war aber, dass Felix Magath nach rund 20 Minuten auf das 3-4-3 umstellte. Schalke agierte nun mit drei Innenverteidigern, die bei einem Kölner Angriff zu einer Fünferkette wurde. Die beiden Mittelfeldspieler außen ließen sich in die Abwehrkette fallen und die beiden zentralen Mittelfeldspieler sorgten dafür, dass Schalke in zentraler Position vor dem eigenen Tor sehr kompakt standen.
Letztlich gewannen die Schalker mit drei Innenverteidigern 2:1 in Köln und belegen nun nach fünf Spieltagen überraschend den dritten Tabellenplatz. Felix Magath ging volles Risiko und wurde belohnt. Nicht umsonst sagt man, dass den Mutigen die Welt gehört. Oft scheitern innovative Ideen nur daran, dass man nicht den Mut hat sie mit der letzten Konsequenz durchzusetzen. Man mischt sie noch mit althergebrachten und sie funktioniert nicht. Die grundsätzlich gute Idee wird nun wieder verworfen und man setzt aufs altbewährte.
Ob es nun die vier Stürmer sind oder die drei Innenverteidiger von Felix Magath ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass man sich und sein System immer wieder in Frage stellt, sich dem Fortschritt nicht verschließt, die eigene Situation erkennt, kreativ nach alternative Wege sucht und diese dann mutig bis zur letzten Konsequenz umsetzt.
Die Viererkette von Manchester United
In diesem Artikel werden wir kurz das Abwehrverhalten von Manchester United erläutern. Der schottische Trainer Alex Ferguson hat 2008 mit einer Doppel-Viererkette die Champions League gewonnen und 2009 scheiterte er erst im Finale gegen Barcelona.
Die Grundidee seiner Abwehrarbeit ist grundsätzlich sehr simpel. Sobald die gegnerische Mannschaft in Ballbesitz kommt, schieben sich fast alle United-Spieler hinter den Ball. Nur eine Spitze ist von allen Defensivaufgaben befreit.
Die Abstände zwischen den vier Spielern innerhalb der beiden Viererketten sind identisch, sie verschieben sich ballorientiert und ein Spieler übt druck auf den Ball aus. Das Verschieben erfolgt so geschickt, dass man entweder gegnerische Spieler in den toten Raum stellt (Stichwort: Deckungsschatten) oder direkten Zugriff auf sie hat, also ein eigener Mann nur wenige Meter vom angespielten Spieler entfernt positioniert ist.
Die Viererkette im Mittelfeld verschiebt sich ausschließlich seitlich. Sie lässt sich nicht herauslocken. So entstehen keine gefährlichen Lücken zentral vor dem eigenen Tor. Der Gegner ist somit zu ungefährlichen Querpässen gezwungen, die einmal wertvolle Zeit kosten und zum anderen abgefangen werden können. Aus diesen Balleroberungen ergeben sich sehr gute Kontermöglichkeiten. Fast 80 Prozent der Tore im Fußball fallen auf diese Art.
Bei Manchester United legt man also besonderen Wert darauf zentral sehr kompakt zu stehen. Pässe in die Schnittstelle der Abwehr erweisen sich so als äußerst schwierig. Ebenso erfolglos bleibt, aufgrund der Enge des Raums, ein kultiviertes Kombinationsspiel. Versucht der Gegner mittels 1-gegen-1-Situationen zum Spielvorteil zu kommen, so haben sich die United-Spieler bereits so verschoben, dass der Ballführende direkt von mindestens zwei Spielern attackiert werden kann.
Dafür ist man dann aber auf den Außenbahnen relativ offen. Der Gegner sieht so seine Möglichkeiten über außen zu Torchancen zu kommen. Doch dies ist nur trügerisch. Sobald der Ball nach außen gespielt wird, rückt sofort ein Mittelfeldspieler als fünfter Mann in die Abwehrkette. Diese steht nun noch kompakter als zuvor. Das Mittelfeld verschiebt sich gleichzeitig so, dass man auf alle Gegenspieler in Ballnähe Zugriff hat. So muss der Gegner den Ball nun wieder quer spielen.
Der größte Unterschied des Defensivverhaltens von Manchester United und dem auf dieser Seite gelehrten ist wohl der, dass der Gegner recht spät attackiert wird. Man versucht nicht den Gegner möglichst weit vom Tor fernzuhalten, sondern lässt ihn kommen und mit jedem Stück den der Ballführende näher zum eigenen Tor kommt, desto enger rücken die Spieler in den jeweiligen Viererketten zusammen. Man versucht so lediglich den finalen Pass zu unterbinden und dann nach der Balleroberung blitzartig zu einer Kontermöglichkeit zu kommen. Es ist aber eine sehr gut geschulte Abwehrkette nötig, damit der entscheidende Pass rechtzeitig erkannt und abgefangen werden kann.
Die Innenverteidiger stehen grundsätzlich wesentlich tiefer als hier auf der Seite vorgestellt. Sie wollen dadurch dem Gegner die Tiefe in ihrem Spiel nehmen. Sobald zentral ein Pass in die Tiefe gespielt wird, kann dieser von einem der beiden Innenverteidigern abgefangen werden und so einen Gegenangriff initiieren. Auch Flanken von den Außenpositionen versprechen, aufgrund der tiefen Staffelung der Abwehrreihe, keinen besonderen Erfolg. Man wird den Ball kaum in den Rücken der Abwehr spielen können.
Kommt es bei den gegnerischen Spitzen zu starken Bewegungen (z.B. Kreuzen), so lässt sich die Abwehrkette sofort ein paar Meter nach hinten fallen. Auch der Absicherungsgedanke ist stets gegenwärtig. Fährt man selber einen Konter ein und die beiden Viererketten sind noch nicht in Position, wird die angespielte Sturmspitze sofort von einem Innenverteidiger attackiert. Der andere Innenverteidiger versucht sich nun so schnell wie möglich ca. 5 Meter dahinter zu verschieben, um bei einem eventuell verlorenen Zweikampf des Mitspielers die Situation noch klären zu können.
Eine besondere Rolle kommt den beiden 6er-Positionen im United-Spiel zu. Ihre Aufgabe besteht darin eine erste Verteidigungslinie vor dem Tor aufzubauen, sobald der Gegner in die eigene Hälfte kommt. Die beiden 6er verschieben sich lediglich seitlich und befinden sich dann immer 5 – 10 Meter vor den beiden Innenverteidigern. Zusammen mit den beiden Innenverteidigern ergeben die beiden 6er einen derart starken 4er-Abwehrblock in der gefährlichen Zone zentral vor dem eigenen Tor, dass der Gegner lediglich zu einer Torchance kommt, indem er aus der zweiten Reihe schießt. Ist der Gegner dagegen auf Höhe der Mittellinie oder noch in seiner Hälfte, rückt ein 6er zum Attackieren heraus und die restlichen Spieler unterstützen ihn, indem sie ballorientiert verschieben. Der andere 6er bleibt dabei immer in der Zentrale vor den Innenverteidigern. Wird der attackierende 6er ausgespielt, rückt er sofort wieder auf seine ursprüngliche Position zurück und die Defensive kann sich so wieder aufs Neue formieren.

