Video: Martin Hasenpflug erklärt die Viererkette

Es ist kein großes Geheimnis, dass man Sachen die man gehört und gezeigt bekommt, besser in Erinnerung behält, als Sachen die man mal gelesen hat. Aus diesem Grund haben wir ein 24-minütiges Video gedreht, indem Martin Hasenpflug in einfachen Worten die wichtigsten Aspekte der Viererkette erklärt.

Wir haben das Video bei Youtube hochgeladen. Aber da es dort nicht möglich ist Videos einzustellen die eine längere Spielzeit als 10 Minuten haben, mussten wir unsere “Videobotschaft” in drei Teile splitten. Themen des ersten Teils: Begrüßung, Vorteile der Viererkette, Kollektiv, Kompaktheit, Handlungsprioritäten im modernen Fußball und das Stellungsspiel (Abwehrsichel und Abwehrdreieck).

Thema des zweiten Teils: Systematische Ordnung innerhalb der Viererkette, Ballorientiertes Verschieben, Aufgaben des Mittelfelds und des Angriffs im Spiel mit der Viererkette, 4-4-2-System, Kommunikation im Spiel und Abstände der Spieler zueinander. Thema des dritten Teils: Abwehrpressing, Doppeln, Schlusswort, Hinweis für weitere Informationen zum Thema und Verabschiedung.

Wer möchte kann das Video mit Angabe unserer URL (www.abwehrkette.de) auf seine Webseite einbinden. Dies ist vorallem für Vereine interessant, die auf diesem Wege Trainer und Spieler über das Thema Viererkette informieren möchten.

Da es unser erstes Video ist, ist es sicherlich noch nicht perfekt. Wir warten jedoch Euer Feedback ab und können uns durchaus vorstellen auch zu weiteren Themen ein Video zu erstellen. Anbieten würde sich hier sicherlich zur Vervollständigung der Sache ein Video zum Thema Offensive. Nun viel Spaß beim gucken!

Die Angreifer im Spiel mit der Viererkette

Der Laie mag auf den ersten Blick beim Titel dieses Artikel sich fragen, was denn die Angreifer mit dem Abwehrsystem einer Mannschaft zu tun haben? Doch das Spiel mit der Viererkette bringt nur maximale Effektivität, wenn alle Mannschaftsteile sich daran beteiligen.

Wir werden hier mal kurz und knapp die Aufgaben der Angreifer in einem 4-4-2-System erläutern. Wie sie sich zu verhalten haben, wenn die eigene Mannschaft in Ballbesitz ist und was zu tun ist, wenn der Gegner den Ball hat.

Bei eigenem Ballbesitz agieren die beiden Angreifer in einer Tiefenstaffelung, dass heißt ein Angreifer befindet sich deutlich näher Richtung eigenem Tor als der Andere. Sie beobachten das Stellungsspiel des Gegners. Besonders der tiefer agierende Angreifer versucht beim Spielaufbau der eigenen Mannschaft Lücken im gegnerischen Mannschaftsverbund auszumachen und ein Zuspiel in diese zu fordern. Er läuft jedoch erst in diese “Schnittstelle”, sobald seine Mannschaft auch in der Lage ist diesen Pass zu spielen. Läuft er zu früh in die Lücke, wird sie vom Gegner erkannt und geschlossen.

Gerade das Spiel mit zwei Angreifern (gegenüber drei Angreifern) bietet sich immer das schnelle Spiel durchs Zentrum an, da man auf dem Flügel nicht ganz so präsent ist. Das oberste Ziel der Angreifer muss es sein, im zentralen Bereich des gegnerischen Tors, eine Anspielstation zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners zu schaffen. Gelingt ihnen dass und ein Angreifer ist in diesem Bereich im Ballbesitz, so versuchen zwei Mitspieler links und rechts von ihm in die Tiefe zu einem Pass zu starten. Der besagte Bereich wird in der Fußballersprache als “Red Zone” bezeichnet.

Darüber hinaus sollen die Angreifer darauf achten, dass der ballführende Mitspieler stets Anspielstationen in Breite und Tiefe besitzt. Gerade der tiefer agierende Angreifer muss sich öfters mal vom Gegner lösen, um dem Ballführende eine Anspielstation zu bieten. Steht der gegnerische Mannschaftsverbund im Zentrum sehr kompakt, können die Angreifer mittels kreuzen erreichen, dass dem Gegner die Zuordnung in der Defensive verloren geht.

Die Angreifer sollten nach Möglichkeit immer flach und druckvoll angespielt werden. So wird ihnen die Ballannahme erleichtert und dem Gegner gleichzeitig das Abfangen des Passes erschwert. Sollte sich für den Angreifer keine aussichtsreiche Anspielstation anbieten, weil sich die Mitspieler noch auf dem Weg zu ihm befinden, so behauptet er solange den Ball, bis er den nachrückenden Mitspielern den Ball zuspielen kann.

Hat die Mannschaft es nun geschafft eine Torchance für den Angreifer zu erspielen. So soll diese zielstrebig genutzt werden. Angreifer sollen Mut zum Risiko zeigen und auch keiner aussichtsreichen 1-gegen-1-Situation aus dem Weg gehen! Die Angreifer beobachten stets das Spielgeschehen und versuchen mögliche Spielsituationen vorauszuahnen, um dann im richtigen Augenblick eher als der Gegenspieler am Ball zu sein.

Befindet sich nun der Gegner in Ballbesitz und versucht das Spiel aus der eigenen Hälfte aufzubauen, sind die beiden Angreifer die vorderste Spitze des Defensivbundes. Ist die eigene Mannschaft im Zentrum sehr gut besetzt, weil sie z.B. mit zwei 6er spielt, dann agieren die beiden Angreifer in größerer Distanz zueinander und laufen den ballführenden Gegner links und rechts von der Seite an, um ein Pass ins Zentrum zu provozieren.

Ein Angreifer setzt den Pass nach und versucht zusammen mit den zentralen Mittelfeldspielern den Ballführenden zu doppeln. Der zweite Angreifer bleibt vor dem Ball und versucht, indem er sich ballorientiert verschiebt, einen Rückpass des Gegners zu verhindern. Durch diese Aktion wird Überzahl in Ballnähe geschaffen und durch das Doppeln eine kontrollierte Balleroberung ermöglicht.

Spielt man ein System, indem die Flügel stark besetzt sind (z.b. mit Außenstürmern), so sollte man versuchen den Spielaufbau des Gegners auf die Flügel zu lenken. Dies geschieht, indem ein Angreifer im Zentrum auf vorderster Front agiert und der zweite Angreifer verschiebt sich deutlich tiefer ballorientiert.

Der vordere Angreifer kann nun den Verteidiger dazu verleiten, dass dieser auf den Flügel spielt, indem er ihn seitlich anläuft. Sobald dann der Pass nach außen gespielt wird, setzt der tiefer agierende Angreifer zum Doppeln nach und die anderen Mitspieler verschieben sich deutlich zum Ball und stellen alle Anspielstationen des Ballführenden zu.

Raumdeckung und Flügelspiel: Louis van Gaal entzaubert die Bundesliga

Louis van Gaal der Fußballtrainer aus Holland ist Meistermacher, Champions-League-Sieger und Fußballrevolutionär in Einem. Kein Trainer steht mehr für das 4-3-3, Raumdeckung und einem effektiven Flügelspiel wie er.

Am Anfang tat sich Bayern München noch schwer van Gaals Fußballphilosophie umzusetzen. Man prophezeite sein baldiges Ende und stellte immer wieder den Vergleich zu Jürgen Klinsmann, dass sogar dieser zum gleichen Zeitpunkt ein Jahr zuvor besser dastand. Doch nach mittlerweile einem halben Jahr Arbeit ist Bayern München soweit, dass scheinbar keine Mannschaft der Bundesliga sie stoppen kann. International dübierte man zuletzt Juventus Turin auf eigenem Platz mit 4:1.

Mit welcher Taktik schafft van Gaal diese phänomenalen Ergebnisse? Er teilt das Spielfeld in Zonen (Räumen) auf! Das oberste Ziel der Mannschaft ist es, immer und überall Zugriff auf sämtliche Bereiche im Spielfeld zu haben. Egal wo der Gegner angespielt wird, es muss die Möglichkeit bestehen ihn sofort unter Druck zu setzen, damit eine erfolgreiche Balleroberung gelingt.

Den gegnerischen Spielaufbau lässt van Gaal nicht energisch stören. Die Außenstürmer lassen sich zurückfallen und der Mittelstürmer agiert zusammen mit dem Offensive Mittelfeldspieler an vorderster Front. Sie befinden sich auf einer Höhe und haben nur das Ziel durch geschicktes Verschieben den gegnerischen Spielaufbau zu steuern. Lässt van Gaal mit zwei 6er spielen, soll der Gegner dazu animiert werden ins Zentrum zu passen. Da die beiden 6er sehr zentral agieren, besteht von mehreren Positionen aus direkter Zugriff auf den angespielten Gegner im Zentrum.

Sobald die beiden Offensiven überspielt sind, setzt der Offensive Mittelfeldspieler nach und versucht erneut hinter den Ball zu kommen. Die beiden Außenstürmer schieben sich bei gegnerischen Ballbesitz fast auf eine Höhe mit den beiden 6er. Die Sturmspitze stellt den Pass in den Rückraum zu, um dem Gegner die Möglichkeit einer Spielverlagerung zu nehmen. Bei gegnerischem Ballbesitz agiert Louis van Gaal mit einem 4-4-1-1-System. Das Mittelfeld agiert mit den beiden 6er und den beiden Außenstürmern als flache Vier. Die Außenstürmer rücken jedoch leicht auf, um Querpässe des Gegners abfangen zu können.

Schafft man es zwei kompakte Viererketten plus einen druckausübenden Angreifer hinter den Ball zu bekommen, ist es für den Gegner fast unmöglich aussichtsreiche Anspielstationen zu kreieren. So bleibt nur der Querpass.

Wird der Ball erobert, eröffnen die Innenverteidiger mit flachen und druckvollen Pässen das Spiel. Dabei versuchen sie nach Möglichkeit den Ball zu den Außenstürmern zu spielen. Diese agieren beide sehr nah an der Außenlinie und machen das Spiel dadurch sehr breit. Dem Gegner wird so das Schaffen eines kompakten Mannschaftsverbundes erschwert.

Die Sturmspitze postiert sich dann auf Höhe der Innenverteidiger um sie möglichst weit Richtung eigenem Tor zu drücken. So können Räume zwischen Abwehr und defensivem Mittelfeld geschaffen werden. Bei eigenem Ballbesitz agiert Louis van Gaal mit einem 4-2-3-1-System

Um das Offensivspiel variabel zu gestalten, rücken die Außenstürmer schonmal ins Zentrum um angespielt zu werden. In dem Fall wird Raum für einen nach vorne startenden Außenverteidiger geschaffen. Dieser wird nun vom Außenstürmer angespielt und gleichzeitig läuft der offensive Mittelfeldspieler auf die Außenstürmer-Position, um dort als Anspielstation für den Außenverteidiger zu dienen.

Bei Louis van Gaal halten sich jedoch die Offensivaufgaben der Außenverteidiger in Grenzen. Sie hinterlaufen nur wenig, denn wenn sie sich mit ins Angriffsspiel einschalten, besteht kein Zugriff mehr auf einige defensive Zonen. Bei einem Konter könnten gerade diese vom Gegner zum Erspielen von Torchancen genutzt werden.

Dieses Spielsystem von Louis van Gaal ist natürlich nicht für eine Umstellung auf die Viererkette geeignet. Dafür ist es viel zu komplex und setzt bereits Grundkenntnisse der Viererabwehrkette voraus. Doch ist es interessant zu sehen, wie Profimannschaften das Spiel mit der Viererkette verfeinern, um den anderen Mannschaften auf gleichem Niveau ein Schritt voraus zu sein.

Kein Platz für Individualisten im modernen Fußball

Das Gesicht des Fußballs hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. So waren es bis in die 70er oder sogar 80er-Jahren Individualisten die ein Spiel lenkten und auch entschieden. Der Spielmacher als technisch visierter Mann sollte mit Auge das Spiel an sich nehmen und mit klugen Pässen die Angreifer in Szene setzen. Doch durch das Ausschalten des Spielmachers konnte man recht einfach das Spiel des Gegners zerstören. Folglich wurde der Spielmacher oft in Manndeckung genommen und wiederum ein anderer Mitspieler sollte den Spielmacher von seiner Sonderbewachung lösen, der sogenannte Wasserträger.

Hinter den Manndeckern agierte dann der freie Mann (Libero) ohne Deckungsaufgaben. Er sollte Fehler seiner Vorderleute ausbügeln, in der kompletten Breite des Spielfelds Überzahl schaffen und sich dann auch noch mit ins Angriffsspiel einschalten. Durch seine Position hinter der Abwehr schuf er gefährliche Räume für den Gegner, die diese oft mit Steilpässen für sich zu nutzen wussten. Bei einem Vorstoß des Liberos und einem eventuellen Ballverlust und Konter des Gegners, hatten es die Manndecker und der Vorstopper (ein weiterer Fußball-Dinosaurier) dann sehr schwer in Gleichzahl oder gar Unterzahl zu verteidigen. In diesen Situationen funktioniert die Manndeckung nämlich nicht und man musste blitzschnell von Manndeckung auf Raumdeckung umschalten. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Sache ein großes Fehlerpotenzial in sich barg.

Aber u.a. ist es auch diesem Umstand zu verdanken, dass immer mehr Mannschaften anfingen konsequent in Raumdeckung zu verteidigen. So waren die Abwehrspieler nicht mehr gezwungen während des Spiels zwischen zwei ganz gegenläufigen Prinzipien umzudenken. Auch das Überzahlspiel in Ballnähe konnte man nun viel schneller gestalten, da die größere Entfernung von der Position des Liberos durch die geringere Entfernung des Mitspielers an seiner Seite ersetzt wurde. Man schaffte nun auch keine unnötige Räume mehr, durch den tief agierenden Libero. Die Individualisten Libero, Vorstopper, Manndecker entfielen zugunsten der Viererkette. Die Abwehrspieler agierten von nun an gleichberechtigt im Kollektiv.

Die Idee des Kollektivs im Mannschaftssport ist eigentlich die natürlichste Sache der Welt, denn das Individualisten-Dasein der Spieler führt zu keinem starken gemeinsamen Nenner. Die jahrzehntelange Förderung von Individualisten führte oft zu egoistischen Charakteren. Man stellte mehr seine eigenen Interessen in den Vordergrund, anstatt die der Mannschaft. Aus diesem Grund steht im modernen Fußball die Förderung des Teamgedankens im Vordergrund. Dies ist nicht nur aus spielerische Sicht ein Fortschritt, sondern auch aus sozialer.

Im modernen Fußball bildet aber nicht nur die Viererkette eine Einheit, sondern die komplette Mannschaft. Die einzelnen Mannschaftsteile interagieren im großen Maße und verschmelzen sogar miteinander. Folglich fallen auch die Individualisten in den anderen Mannschaftsteilen weg. Das leicht auszumachende Spiel mit Spielmacher weicht ebenfalls dem Kollektiv. Hier ist es aber auch der verbesserten Talentförderung weltweit zu verdanken, dass heutige Trainer über technisch besser ausgebildete Spieler verfügen und Fähigkeiten mitbringen ein Spiel zu gestalten.

Aus diesem Kollektivgedanken ergeben sich aber auch einige Nachteile. Diese sind aber dem modernen Fußballtrainern bereits bekannt und die Talentförderung des DFBs arbeitet auch in diese Richtung. So lassen sich viele Spieler so sehr ins Kollektiv drängen, dass sich ihre Persönlichkeit nicht genügend entwickelt. Der Fußball benötigt aber starke Spieler die ihre Mannschaft auf dem Platz antreibt oder auch kreative Köpfe, die mit unerwarteten Dinge die gegnerische Mannschaft überrascht. Solche Spieler besitzen allesamt eine ausgeprägte Persönlichkeit die es von der Jugend an zu fördern gilt. Es sollte also das Ziel des modernen Fußballtrainers sein, starke Persönlichkeiten in ein gut funktionierendes Kollektiv zu integrieren.