Kein Platz für Individualisten im modernen Fußball

Das Gesicht des Fußballs hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. So waren es bis in die 70er oder sogar 80er-Jahren Individualisten die ein Spiel lenkten und auch entschieden. Der Spielmacher als technisch visierter Mann sollte mit Auge das Spiel an sich nehmen und mit klugen Pässen die Angreifer in Szene setzen. Doch durch das Ausschalten des Spielmachers konnte man recht einfach das Spiel des Gegners zerstören. Folglich wurde der Spielmacher oft in Manndeckung genommen und wiederum ein anderer Mitspieler sollte den Spielmacher von seiner Sonderbewachung lösen, der sogenannte Wasserträger.

Hinter den Manndeckern agierte dann der freie Mann (Libero) ohne Deckungsaufgaben. Er sollte Fehler seiner Vorderleute ausbügeln, in der kompletten Breite des Spielfelds Überzahl schaffen und sich dann auch noch mit ins Angriffsspiel einschalten. Durch seine Position hinter der Abwehr schuf er gefährliche Räume für den Gegner, die diese oft mit Steilpässen für sich zu nutzen wussten. Bei einem Vorstoß des Liberos und einem eventuellen Ballverlust und Konter des Gegners, hatten es die Manndecker und der Vorstopper (ein weiterer Fußball-Dinosaurier) dann sehr schwer in Gleichzahl oder gar Unterzahl zu verteidigen. In diesen Situationen funktioniert die Manndeckung nämlich nicht und man musste blitzschnell von Manndeckung auf Raumdeckung umschalten. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Sache ein großes Fehlerpotenzial in sich barg.

Aber u.a. ist es auch diesem Umstand zu verdanken, dass immer mehr Mannschaften anfingen konsequent in Raumdeckung zu verteidigen. So waren die Abwehrspieler nicht mehr gezwungen während des Spiels zwischen zwei ganz gegenläufigen Prinzipien umzudenken. Auch das Überzahlspiel in Ballnähe konnte man nun viel schneller gestalten, da die größere Entfernung von der Position des Liberos durch die geringere Entfernung des Mitspielers an seiner Seite ersetzt wurde. Man schaffte nun auch keine unnötige Räume mehr, durch den tief agierenden Libero. Die Individualisten Libero, Vorstopper, Manndecker entfielen zugunsten der Viererkette. Die Abwehrspieler agierten von nun an gleichberechtigt im Kollektiv.

Die Idee des Kollektivs im Mannschaftssport ist eigentlich die natürlichste Sache der Welt, denn das Individualisten-Dasein der Spieler führt zu keinem starken gemeinsamen Nenner. Die jahrzehntelange Förderung von Individualisten führte oft zu egoistischen Charakteren. Man stellte mehr seine eigenen Interessen in den Vordergrund, anstatt die der Mannschaft. Aus diesem Grund steht im modernen Fußball die Förderung des Teamgedankens im Vordergrund. Dies ist nicht nur aus spielerische Sicht ein Fortschritt, sondern auch aus sozialer.

Im modernen Fußball bildet aber nicht nur die Viererkette eine Einheit, sondern die komplette Mannschaft. Die einzelnen Mannschaftsteile interagieren im großen Maße und verschmelzen sogar miteinander. Folglich fallen auch die Individualisten in den anderen Mannschaftsteilen weg. Das leicht auszumachende Spiel mit Spielmacher weicht ebenfalls dem Kollektiv. Hier ist es aber auch der verbesserten Talentförderung weltweit zu verdanken, dass heutige Trainer über technisch besser ausgebildete Spieler verfügen und Fähigkeiten mitbringen ein Spiel zu gestalten.

Aus diesem Kollektivgedanken ergeben sich aber auch einige Nachteile. Diese sind aber dem modernen Fußballtrainern bereits bekannt und die Talentförderung des DFBs arbeitet auch in diese Richtung. So lassen sich viele Spieler so sehr ins Kollektiv drängen, dass sich ihre Persönlichkeit nicht genügend entwickelt. Der Fußball benötigt aber starke Spieler die ihre Mannschaft auf dem Platz antreibt oder auch kreative Köpfe, die mit unerwarteten Dinge die gegnerische Mannschaft überrascht. Solche Spieler besitzen allesamt eine ausgeprägte Persönlichkeit die es von der Jugend an zu fördern gilt. Es sollte also das Ziel des modernen Fußballtrainers sein, starke Persönlichkeiten in ein gut funktionierendes Kollektiv zu integrieren.

Arrigo Sacchi’s Meisterwerk: Raumdeckung und Viererkette kombiniert

Auf unserer Webseite berichteten wir bereits über die viele Zwischenschritte die die Fußballtaktik in den Jahren durchlief. Man erfand die Raumdeckung und man erfand die Viererkette. Die Mannschaften die noch mit Manndeckung und Libero spielten verloren schnell den Anschluss an der internationalen Spitze und mussten ebenfalls auf diese System umstellen. Ein gewisser Schuhverkäufer Namens Arrigo Sacchi war es dann der den letzten großen Schritt im modernen Fußball machte: Er kombinierte absolut konsequent die beiden neuen Methoden der Viererkette und der Raumdeckung!

Der Italiener Sacchi war selber nie Fußballprofi. Er schaffte es auch nicht als Spieler ins Team seines Heimatortes Fusignano. Also wurde er mit 26 Jahren deren Trainer. Von dort wechselte er zu AC Florenz, wo er eine Jugendmannschaft trainierte und die erste große Herausforderung kam für ihn 1982 als er zu Rimini Calcio in die dritte italienische Liga wechselte. Dort stieg er dann mit nur 14 Gegentore auf und schaltete in der Saison 86/87 als Zweitligist den Erstligisten AC Mailand aus. Darauf hin wurde er 1987 von Mailands Präsident Silvio Berlusconi verpflichtet.

Mit AC Mailand gewann er direkt im ersten Jahr mit nur zwei Niederlagen die italienische Meisterschaft. Mailand hatte zuvor in den letzten 20 Jahren nur einen Titel geholt. In den Jahren 1989 und 1990 gewann er jeweils zweimal die Champions League, den Europäischen Supercup und den Weltpokal. 1989 wurde er zum Trainer des Jahres gewählt. 1994 wurde er als Italiens Nationaltrainer Vize-Weltmeister in den USA.

Sacchi sah sich selbst nicht als einen der auf biegen und brechen erfolgreich spielen wollte. Er wollte auch attraktiv und offensiv spielen und damit die Zuschauer unterhalten. Aus diesem Grund hat er auch ein erfolgbringendes Offensivkonzept entwickelt. Bei eigenem Ballbesitz sollten sich nach Möglichkeit fünf Spieler vor dem Ball schieben. Die beiden Außenpositionen sollten immer besetzt sein. Dies mussten aber nicht zwangsläufig die selben Spieler sein. Sacchi ließ gleich dem niederländischen Fußball Total rouchieren.

Generell ließ sich Sacchi sehr von der niederländischen Spielweise inspirieren. Gepaart mit seinen eigenen Vorstellungen kreierte er daraus eine neue Art des Fußballs. Der Libero wurde konsequent durch die Viererkette ersetzt und die Raumdeckung wurde mit ihm so durchgängig praktiziert wie nie zuvor im Fußball. Bei gegnerischem Ballbesitz mussten alle Spieler Richtung Ball schieben und selbst die Angreifer wurden nicht von Defensivaufgaben befreit. Die Abwehrkette und die Angreifer sollten maximal 25 Meter voneinander entfernt sein. Dieses extrem Ballorientierte Spiel wurde zusätzlich noch mit einem aggressivem Pressing aufgewertet. So konnte Sacchi’s Mannschaft stets ein sehr engmaschiges Netz um den ballbesitzenden Gegner aufbauen. Dieser hatte dann meist nur die Möglichkeit nach hinten zu spielen oder einen unkontrollierten Ball nach vorne zu schlagen.

Durch das extreme Ballorientierte Verschieben sparte man auch viel Kraft, weil man sich immer in Ballnähe befand und so kraftraubende Sprints zum Ballgeschehen entfielen. Doch Sacchi’s System konnte nur gelingen, wenn sich alle Spieler auf das ganze Spielgeschehen konzentrierten. Ihre Aktionen musste sie nach Berücksichtigung folgender vier Referenzpunkte ausführen:

  1. Wo ist der Ball?
  2. Wo sind die Räume?
  3. Wo stehen die Gegner?
  4. Wo stehen die Mitspieler?

Sacchi trainierte das Ballorientierte Spiel hauptsächlich noch mit Trockenübungen. 11 Spieler agierten auf dem Platz ohne Ball und Gegner. Sacchi gab die Kommandos wo sich der imaginäre Ball befindet. Zur damaligen Zeit waren diese Taktikübungen zum Verschieben absolut revolutionär! Doch heute ist diese Art des Trainings zur Viererkette im Jugendbereich nicht mehr zeitgemäß. Die Jugendlichen von heute sind empfänglicher für Lerninhalte, wenn sie dabei unterhalten werden. Deswegen sind die Übungen zur Viererkette auf unserer Seite interessant und abwechslungsreich gestaltet. Der Ball ist immer mit dabei und durch kleine Wettbewerbe wird nochmal der Anreiz das neue System zu lernen verstärkt.