Der Trainer-Newcomer der Bundesliga Thomas Tuchel
Als der 1973 geborene Thomas Tuchel am 3. August 2009 zum Cheftrainer beim FSV Mainz 05 für den entlassenen Jörn Andersen ernannt wurde, fragte sich ganz Fußballdeutschland wer dieser Tuchel ist? Wie kommt Mainz dazu einen so unbekannten Trainer die Führung seiner Bundesligamannschaft zu übergeben? Selbst als Spieler war Tuchel lediglich für acht Spiele Profi in der zweiten Liga bei den Stuttgartern Kickers.
Thomas Tuchel musste schon recht früh mit 24 Jahren seine Fußballkarriere aufgrund einer Verletzung beenden und studierte daraufhin BWL. Im Jahr 2000 kam er über seinen ehemaligen Trainer vom SSV Ulm Ralf Rangnick zum VFB Stuttgart, wo er dann bis 2004 die U14 und U15 trainierte. Die Saison darauf wurde er als Co-Trainer der Stuttgarter A-Jugend Deutscher Meister. Für drei Jahre wechselte er nun zum FC Augsburg wo er die U19 und U23 trainierte und 2007 beim DFB die Ausbildung zum Fußball-Lehrer absolvierte. 2008 kam er dann zu Mainz 05 wo er gleich im ersten Jahr als Trainer der A-Jugend Deutscher Meister wurde.
Nur fünf Tage vor dem ersten Bundesligaspiel übernahm er das Amt als Cheftrainer und jetzt nach sechs Spieltagen steht er mit Mainz auf dem fünften Tabellenplatz und ist punktgleich mit dem Tabellendrritten Bayern München. Gegen Bayern München gewannen die Mainzer am dritten Spieltag unter Tuchel sogar zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Das Fachmagazin Kicker sprach nach diesem Spiel von den taktisch genialen Schachzügen Tuchels. So setzte er den langzeitverletzten Bo Svensson zur Absicherung vor der Abwehr ein und spielte mit zwei defensiven Mittelfeldspielern die immer wieder auf die Zehnerpositionen vorrückten und die Bayern so unter Druck setzen.
Seinen Umgangsstil mit den Spielern bezeichnet Tuchel als kommunikativ. Er habe klare Vorstellungen vom Training und Spiel und würde diese pedantisch und konsequent durchsetzen. Tuchel sieht sein Vorbild in seinem ehemaligen Trainer Ralf Rangnick und ist gewillt die u.a. von Rangnick geprägte baden-württembergische Schule des Fußballs in Mainz weiter umzusetzen. Im Detail bedeutet dies, dass er von seinen Spielern viel Laufbereitschaft erwartet, dass sie aus einer hervorragenden Ordnung aggressiv nach Vorne verteidigen und bei Balleroberung schnell und flach in die Spitze spielen. Außerdem sei ihm das Umschalten in beide Richtungen sehr wichtig.
In einem Interview mit Spox.com sprach Tuchel über seine Bewunderung für den FC Barcelona. Die herausragende Leistung des FC Barcelonas sei nur durch eine Art Demut möglich. Die Spieler des FC Barcelonas treten als kollektiv auf. Bei Ballverlust in der gegnerischen Hälfte ist sich kein Star zu schade direkt wieder aggressiv gegen den Ball zu verteidigen. Es sei nicht selbstverständlich, dass auf so hohem Niveau kein Spieler die harte Defensivarbeit scheut.
In der Bescheidenheit sieht Tuchel den Weg um im Fußball erfolgreich zu sein. Durch die Bescheidenheit entsteht ein gewisser Anspruch gegenüber sich selbst. Das Erkennen seines außergewöhnlichen Talents und die Bereitschaft alles für seine Entwicklung zu tun. Nur so könne man das Höchstmögliche erreichen.
Tuchel nennt den 2009 verstorbenen Hermann Badstuber als einen seiner größten Vorbilder in Sachen Fußball. Selten habe er jemanden gesehen der soviel Fachwissen in sich vereinte und dennoch soviel Querdenken zuließ. Er war fleißig, hat sich selbst hinterfragt und blieb dabei stets bescheiden. Hermann Badstuber ist Vater des Bayern-Verteidigers Holger Badstuber.
Neben Ralf Racknick, Peter Zeidler, Jogi Löw, Wolfgang Geiger, Helmut Groß ist nun mit Thomas Tuchel ein weiterer erfolgreicher Trainer aus der baden-württembergischen Schule hervorgegangen. In unserem Artikel 1981: Die Fußballrevolution in Deutschland ist nachzulesen wie aus der baden-württembergischen Schule das ballorientierte Verteidigen und die Viererkette hervorging.
© Martin Hasenpflug
Ralf Rangnick und sein Weg zur Viererkette
Ralf Rangnick kann man ohne weiteres als einen der Wegbereiter der Viererkette, bzw. der Raumdeckung in Deutschland bezeichnen. Mit einem Schlag sprach ganz Fußball-Deutschland über ihn, als er das System 1998 im ZDF-Sportstudio einem Millionenpublikum an der Taktiktafel erklärte. Also rund vier Jahre bevor die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2002 zum ersten mal mit einer Viererkette auflief. Damals gab es in der Bundesliga mit Gladbach lediglich ein Verein der die Viererkette praktizierte. Rangnicks Einladung ins Fernsehen kam am 19. Dezember 1998 aufgrund seines sportlichen Erfolgs mit SSV Ulm zustande. Er belegte damals als Aufsteiger zur Winterpause Platz 1. in der 2. Bundesliga.
1984 erfolgte Rangnicks erster Kontakt mit der Raumdeckung. Als Spielertrainer von Viktoria Backnang absolvierte er ein Testspiel gegen die mit Viererkette agierende Mannschaft von Dynamo Kiew. Ihn beeindruckte, dass die Kiewer in fast jeder Spielsituation in Überzahl waren. Das damals revolutionäre System fiel auf den Kiewer Trainer Valerij Lobanowski zurück. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Viererkette. In seinen 22 Jahren in Kiew wurde er 12x Meister, 9x Pokalsieger, zweimal gewann er den Europapokal der Pokalsieger und einmal den europäischen Supercup. Mit der sowjetischen Nationalmannschaft wurde er 1988 EM-Zweiter.
Rangnick war von der Spielart der Kiewer derart beeindruckt, dass er von nun an dieses System studierte wo es ging: Beim Trainingslager der Kiewer in Stuttgart-Ruit, wie auch bei Arrigo Sacchis, dem damaligen Trainer von AC Mailand. Was er damals lernte, erwartet er auch heute noch von seinen Hoffenheimer Spielern: Verschieben, aggressiv pressen und nach der Balleroberung nach Möglichkeit steil in die Spitzen passen.
Rangnick sieht den Trainer als einen Art Theaterregiseur. Seine Handschrift sollte auf der Bühne sichtbar sein, doch die (Schau-)Spieler müssen genügend Freiheiten besitzen Kreativität zu entwickeln. Er hält es für besonders wichtig den Gegner möglichst weit weg vom eigenen Tor zu halten und Quer, bzw. Rückpässe auf ein Minimum zu reduzieren. Er will möglichst aggressiv spielen, doch ohne zu foulen. Da sich die Spieler ständig ballorientiert verschieben, verschwendet ein geahndetes Foulspiel Energien der eigenen Mannschaft.
Die größten Erfolge Rangnicks als Trainer waren bisher die beiden Bundesliga-Aufstiege mit Hannover 96 und der TSG Hoffenheim, wie 2005 mit Schalke 04 die Vize-Meisterschaft und das Erreichen des DFB-Pokalfinale. Wohl einzigartig ist es, dass zwei von ihm betreute Vereine - Hoffenheim und Ulm - einen Durchmarsch von der Regionalliga bis in die 1. Bundesliga schafften!
1981: Die Fußballrevolution in Deutschland
Das Jahr 1981 war ein ganz besonderes für den deutschen Fußball. Es war das Jahr als Helmut Groß als erster deutscher Trainer mit einer Ballorientierten Raumdeckung spielte!
Helmut Groß war damals sehr vom System der niederländischen Nationalmannschaft unter Ernst Happel angetan. Die Niederländer waren Anfang der 80er-Jahre eine der wenigen Mannschaften der Welt die mit einer Ballorientierten Verteidigung spielten. In Deutschland gab es damals nur die Manndeckung. Die Manndeckung sah Groß jedoch als sehr unökonomisch. Die Defensivspieler musste alle Laufwege des Gegners mitmachen und dies kostete viel Kraft. Doch mittels der Ballorientierten Verteidigung mussten die Spieler weniger laufen, da die gegnerischen Spieler übergeben wurden. Die so gesparte Kraft setzte man nun für ein aggressives Pressing ein. Man setzte den Gegner früh unter Druck und zwang ihn so zu Fehlern und konnte sich dann mittels schnelles Kurzpassspiel nach Vorne viele gefährliche Torchancen erspielen.
Helmut Groß übernahm 1981 den Verbandsligisten SC Geislingen und er wollte hier etwas ganz besonderes auf der Basis des niederländischen Spiels schaffen. Ihm gefiel die Idee des Ballorientierten Verteidigens sehr, doch aus seiner Sicht brach es nicht radikal genug mit dem Alten. Er ergänzte dieses System mit der Vorgabe beim Angriff des Gegners sich so zu verschieben, dass man möglichst weit vor dem eigenen Tor eine Überzahlsituation schuf und so dem gegnerischen Spieler zu Fehlern zwang. Je weniger Zeit und Raum für den Ballbesitzenden, desto höher die Wahrscheinlichkeit dass er Fehler macht.
Nach Geislingen wechselte er zum gleichklassigen VfL Kirchheim. Kirchheim stieg mit seinem zur damaligen Zeit revolutionären Spielsystem in die Oberliga auf und wurde in den Jahren 1987-88 zweimal württembergischer Meister. Noch heute spricht man dort von dem 1:1 gegen den damaligen Europapokalsieger Dynamo Kiew. Der damalige Trainer Kiews Valeri Lobanowski war gleichzeitig Nationaltrainer Russlands und sehr überrascht darüber, dass eine unterklassige Mannschaft aus Deutschland eine ähnliche Taktik wie seine Mannschaft spielte.
Mitte der 80er-Jahre trat Groß in den Trainerlehrstab des württembergischen Fußball-Verbands und dort erarbeitete er zusammen mit Ralf Rangnick ein Lehrsystem um die Ballorientierte Raumdeckung den Jugend- und Amateurtrainern des Verbands näher zu bringen. Damit war Württemberg der erste Deutsche Fußballverband der die Grundlage zum Spiel mit der Viererkette setze!
Im Jahr 1989 wurde Groß Jugendkoordinator des VFB Stuttgarts. Dort erarbeitete er eine einheitliche Spielphilosophie, die u.a. besagte dass alle Jugendmannschaften mit der Ballorientieren Raumdeckung zu spielen hätten. In dieser Zeit fiel es auch, dass Groß Ralf Rangnick als Trainer der A-Jugend nach Stuttgart holte.
2008 war es dann umgekehrt der Fall. Ralf Rangnick hat mit der TSG Hoffenheim den Durchmarsch bis in die 1. Bundesliga geschafft und holte Helmut Groß als Scout nach Hoffenheim. Außerdem ist der ehemalige Bauingenieur dort für die Spielebeobachtung der kommenden Gegner zuständig.
Wie so oft im Leben schließt sich im Laufe der Zeit der Kreis und die Idee die einst belächelt wurde gilt als allgemein anerkannt. Nur der Mut etwas neues auszuprobieren kann weitere revolutionäre Fortschritte im Fußball bringen.
© Martin Hasenpflug

