Raumdeckung und Flügelspiel: Louis van Gaal entzaubert die Bundesliga
Louis van Gaal der Fußballtrainer aus Holland ist Meistermacher, Champions-League-Sieger und Fußballrevolutionär in Einem. Kein Trainer steht mehr für das 4-3-3, Raumdeckung und einem effektiven Flügelspiel wie er.
Am Anfang tat sich Bayern München noch schwer van Gaals Fußballphilosophie umzusetzen. Man prophezeite sein baldiges Ende und stellte immer wieder den Vergleich zu Jürgen Klinsmann, dass sogar dieser zum gleichen Zeitpunkt ein Jahr zuvor besser dastand. Doch nach mittlerweile einem halben Jahr Arbeit ist Bayern München soweit, dass scheinbar keine Mannschaft der Bundesliga sie stoppen kann. International dübierte man zuletzt Juventus Turin auf eigenem Platz mit 4:1.
Mit welcher Taktik schafft van Gaal diese phänomenalen Ergebnisse? Er teilt das Spielfeld in Zonen (Räumen) auf! Das oberste Ziel der Mannschaft ist es, immer und überall Zugriff auf sämtliche Bereiche im Spielfeld zu haben. Egal wo der Gegner angespielt wird, es muss die Möglichkeit bestehen ihn sofort unter Druck zu setzen, damit eine erfolgreiche Balleroberung gelingt.
Den gegnerischen Spielaufbau lässt van Gaal nicht energisch stören. Die Außenstürmer lassen sich zurückfallen und der Mittelstürmer agiert zusammen mit dem Offensive Mittelfeldspieler an vorderster Front. Sie befinden sich auf einer Höhe und haben nur das Ziel durch geschicktes Verschieben den gegnerischen Spielaufbau zu steuern. Lässt van Gaal mit zwei 6er spielen, soll der Gegner dazu animiert werden ins Zentrum zu passen. Da die beiden 6er sehr zentral agieren, besteht von mehreren Positionen aus direkter Zugriff auf den angespielten Gegner im Zentrum.
Sobald die beiden Offensiven überspielt sind, setzt der Offensive Mittelfeldspieler nach und versucht erneut hinter den Ball zu kommen. Die beiden Außenstürmer schieben sich bei gegnerischen Ballbesitz fast auf eine Höhe mit den beiden 6er. Die Sturmspitze stellt den Pass in den Rückraum zu, um dem Gegner die Möglichkeit einer Spielverlagerung zu nehmen. Bei gegnerischem Ballbesitz agiert Louis van Gaal mit einem 4-4-1-1-System. Das Mittelfeld agiert mit den beiden 6er und den beiden Außenstürmern als flache Vier. Die Außenstürmer rücken jedoch leicht auf, um Querpässe des Gegners abfangen zu können.
Schafft man es zwei kompakte Viererketten plus einen druckausübenden Angreifer hinter den Ball zu bekommen, ist es für den Gegner fast unmöglich aussichtsreiche Anspielstationen zu kreieren. So bleibt nur der Querpass.
Wird der Ball erobert, eröffnen die Innenverteidiger mit flachen und druckvollen Pässen das Spiel. Dabei versuchen sie nach Möglichkeit den Ball zu den Außenstürmern zu spielen. Diese agieren beide sehr nah an der Außenlinie und machen das Spiel dadurch sehr breit. Dem Gegner wird so das Schaffen eines kompakten Mannschaftsverbundes erschwert.
Die Sturmspitze postiert sich dann auf Höhe der Innenverteidiger um sie möglichst weit Richtung eigenem Tor zu drücken. So können Räume zwischen Abwehr und defensivem Mittelfeld geschaffen werden. Bei eigenem Ballbesitz agiert Louis van Gaal mit einem 4-2-3-1-System
Um das Offensivspiel variabel zu gestalten, rücken die Außenstürmer schonmal ins Zentrum um angespielt zu werden. In dem Fall wird Raum für einen nach vorne startenden Außenverteidiger geschaffen. Dieser wird nun vom Außenstürmer angespielt und gleichzeitig läuft der offensive Mittelfeldspieler auf die Außenstürmer-Position, um dort als Anspielstation für den Außenverteidiger zu dienen.
Bei Louis van Gaal halten sich jedoch die Offensivaufgaben der Außenverteidiger in Grenzen. Sie hinterlaufen nur wenig, denn wenn sie sich mit ins Angriffsspiel einschalten, besteht kein Zugriff mehr auf einige defensive Zonen. Bei einem Konter könnten gerade diese vom Gegner zum Erspielen von Torchancen genutzt werden.
Dieses Spielsystem von Louis van Gaal ist natürlich nicht für eine Umstellung auf die Viererkette geeignet. Dafür ist es viel zu komplex und setzt bereits Grundkenntnisse der Viererabwehrkette voraus. Doch ist es interessant zu sehen, wie Profimannschaften das Spiel mit der Viererkette verfeinern, um den anderen Mannschaften auf gleichem Niveau ein Schritt voraus zu sein.
Moderner Fußball aus Sicht der Initiative abwehrkette.de
Von dem lokalen Fußball-Magazin Final-Kick wurden wir für einen Artikel zum Thema Viererkette befragt. Man wollte näheres über unsere Ansicht zum modernen Fußball wissen. Der Bitte kamen wir gerne nach und gaben folgende Antwort:
Wir machen auf unserer Webseite die klare Aussage, dass die Manndeckung in allen Klassen und Jugendmannschaften ad acta gelegt werden sollte und das möglichst schnell! Das Gegenteil der Manndeckung, das Ballorientierte Spiel kann mit den Vorteilen Punkten, dass Überzahl in Ballnähe mit wenig Kraftaufwand hergestellt werden kann. Es bleibt so Kraft für Pressingaktionen. Das Pressing an sich kann einfacher vermittelt werden, da die Mannschaft als Kollektiv agiert. Wer als Kollektiv agiert, weiß wiederum von den Vorteilen der Teamfähigkeit und ist in der Lage diese auch außerhalb des Fußballplatzes erfolgreich umzusetzen.
Das Ballorientierte Spiel wird teilweise auch als Ballgewinnspiel bezeichnet. Die Balleroberung ist der zentrale Gedanke aller Spieler beim Gegnerischen Ballbesitz. Deswegen wird im modernen Fußball von jedem Spieler erwartet innerhalb des Mannschaftsverbundes Initiative zu ergreifen und Kreativität zu zeigen. Spielpositionen die hauptsächlich von einer Sache geprägt sind oder gar nur das Reagieren auf Aktionen von Gegenspielern zum Inhalt haben sind unattraktiv und hemmen die fußballerische Entwicklung des Spielers.
Den Mannschaften wird im modernen Fußball also das Erobern des Balls erleichtert und wenn dies geschehen ist, haben sie aufgrund ihrer Spielweise viele geordnete Anspielstationen in Ballnähe. Dies erleichtert die Einleitung eines erfolgreichen Angriffs.
Ob das Ballorientierte Spiel jetzt mit Dreierkette oder Viererkette und davor mit Raute, flache Vier, drei Stürmern usw. praktiziert wird, hängt von den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Teams ab. Wer jedoch die Meinung vertritt, dass das Ballorientierte Spiel mit einer Viererkette oder Dreierkette nur funktioniert, wenn man die richtigen Spieler hat oder Linienrichter oder Otto Rehhagel mit Libero ja auch Europameister wurde, der hat sich mit dem modernen Fußball nicht richtig auseinandergesetzt, bzw. nicht verstanden.
Die einzige offene Frage ob man mit Viererkette (Dreierkette) spielen kann oder nicht ist die, ob man als Trainer in der Lage ist diese zu vermitteln. Es gibt ehrenamtliche Trainer die in der C-Jugend-Kreisklasse erfolgreich mit Viererkette spielen. Da sollten bezahlte Trainer der Kreis- oder Bezirksliga erst recht in der Lage sein diese zu lehren. Ab Landesliga geht sowieso kein Weg mehr am modernen Fußball vorbei um mithalten zu können.
Unsere Erfahrung zeigt, dass es Sinn macht bei der Umstellung auf das Ballorientierte Spiel direkt auf die Vierkette zu setzen. Die Grundlagen der Viererkette sind nur unwesentlich umfangreicher als die der Dreierkette. Außerdem hat man die Möglichkeit im Mittelfeld ebenfalls mit Viererkette zu spielen. So kann man relativ schnell seine komplette Mannschaft auf das Ballorientierte Spiel umstellen.
Mit der Viererkette ist man unserer Meinung nach flexibler als mit der Dreierkette. So können sich die Außenverteidiger mit ins Angriffsspiel einschalten oder besetzen freie Räume zwischen Innenverteidigung und angreifendem Mannschafsverbund. Mit der Viererkette kann man auch offensiver spielen, da immer nur zwei (anstatt drei wie bei der Dreierkette) Spieler beim Angriff hinter dem Ballführenden bleiben. Mit einer Dreierkette ist es nicht einfach über die komplette Breite des Spielfeldes präsent zu sein, da ist ein geschicktes agieren der Mittelfeldspieler gefragt, was den einen oder anderen Spieler überfordern könnte.
Dagegen hat sich bei den Abschlussspielen im Training die Dreierkette bewährt. Wobei sich die Außenverteidiger bei einem Angriff immer mit einschalten und sich vor dem Ball schieben. So kann man ab fünf Spieler pro Mannschaft sehr gut das Ballorientierte Spiel wettkampfmäßig trainieren, ohne dabei das Offensivspiel vernachlässigen zu müssen.
Viererkette in der Kreisliga A
In der Tageszeitung Neue Westpfälische war neulich ein Artikel über den FC Pr. Espelkamp II und seinem Trainer Axel Krüger zu lesen. Anlass des Artikels ist der anhaltende Erfolg der Mannschaft. Als Aufsteiger hatte man den Klassenerhalt als Zielsetzung und rangiert nun auf Platz Zwei der Tabelle.
Der Trainer sieht die taktische Grundausrichtung seiner Mannschaft als einen wichtigen Faktor des Erfolgs. Vor Saisonbeginn gab es im Verein eine Trainersitzung in der man beschloss, dass die beiden Senioren Mannschaften, wie auch die A- und B- Jugend in Zukunft im 4-4-2 mit Viererkette spielt. Im Mittelfeld soll allerdings mit Raute gespielt werden und nicht mit der Flachen Vier, wie es von uns für die Jugend empfohlen wird. Dieses einheitliche System hat den Vorteil, dass man nicht zu jeder Saison bei Null anfangen muss, sondern aufbauend auf das Gelernte nun auch auf Details - die so oft im Fußball den entscheidenden Ausschlag geben - eingehen kann.
Axel Krüger erklärte, dass es zu Beginn einige Anlaufschwierigkeiten gab, aber dank der Lernwilligkeit der Spieler die Ballorientierte Verteidigung immer besser funktionierte. Im Moment hat die Mannschaft vier Spiele in Folge ohne Gegentor absolviert. Das Thema Viererkette wurde von den Spielern sehr positiv aufgenommen, so dass gerade in der Saisonvorbereitung die Trainingsbeteiligung sehr groß war.
Der Trainer sieht in dem neuen System vor allem den Vorteil, dass er nun nicht mehr persönliche Aufgaben verteilen muss, sondern nur noch Positionspezifische. Dadurch müsse er niemanden mehr groß Anweisungen geben. Außerdem sieht er einen weiteren Vorteil, dass man durch die neue Spielweise sehr viel besser Druck auf den Gegner ausüben kann und so schneller den Ball erobert.
Der Trainer erklärt, dass ihm die Umstellung sehr viel Spaß macht und er sich immer wieder über die Fortschritte freut. Diese Freude seien ihm zusätzliche Motivation und eine Rückkehr zur altbackenden Manndeckung sei für ihn und seine Spieler undenkbar.
Beim Stöbern im Netz sind wir auch auf den Blog Kabinenpredigt gestossen. Dieser wird vom Torwart einer Kreisliga-B-Mannschaft betrieben. Seine Mannschaft der Holzpfosten Schwerte (2005 gegründet) ist zur Zeit mit 12 Punkten und ohne Gegentor nach vier Spielen Tabellenführer. Natürlich mit Viererkette!

