Zu Zweit jeden Angriff abwehren!
Im letzten Artikel haben wir beschrieben, wie man sich korrekt im 1-gegen-1 in der Defensive verhält. Dieser individualtaktische Aspekt ist der erste Schritt Richtung Viererkette. Heute werden wir den zweiten Schritt gehen und das richtige Agieren in der kleinstmöglichen Gruppe von zwei Spielern zeigen. Je nach Standort von Ball, Mitspieler, Gegenspieler und deren Anzahl sind teilweise ganz unterschiedliche Dinge zu berücksichtigen.
Greift Beispielsweise der Gegner in Überzahl an, versucht man den Angriff zu verzögern und die nicht ballführenden Angreifer aus dem Spiel zu nehmen. Hat man dagegen eine Gleichzahl mit den Angreifern, rückt man vor und ein und versucht den Ballführenden zu doppeln und Querpässe zu provozieren. Auch wenn die verschiedenen Situationen verschiedene Handlungsaktionen verlangen, so gibt es doch einige Grundregeln die immer eingehalten werden sollten: Ballorientiert verschieben, nicht kreuzen, Abstände halten, in die Tiefe staffeln, laut kommunizieren und gegenseitig absichern. Das oberste Ziel lautet bei der Gruppentaktik: Überzahl in Ballnähe schaffen!
Unter den folgenden Zeichnungen finden man eine Beschreibung, wie man sich in der abgebildeten Situation korrekt verhält. Das ganze Thema haben wir in dem Merkblatt Gruppentaktik zusammengefasst, welches der Trainer ausdrucken und an seinen Spielern verteilen kann.

Unterzahl, Ball am Flügel: Verteidiger rücken Richtung Ball ein und weichen bis auf ca. 22 Meter zurück um Zeit für nachrückende Mitspieler zu gewinnen! Seitliche Stellung zum Ballführenden einnehmen um ihn den Durchbruch nach außen anzubieten! Aus einer Unterzahl- wird dann eine Gleichzahlsituation. Die Verteidiger agieren in einer leichten Tiefenstaffelung, verhindern dadurch den Pass in die Tiefe und provozieren so zu ungefährlichen Querpässen.

Unterzahl, Ball im Zentrum: Torwart rückt immer vor, um Steilpässe abzufangen! Der Verteidiger auf der Seite des Dribbelfuß rückt vor! Er bietet so dem Ballführenden die schwache Seite zum Durchbruch an. Dort hat sich bereits der andere Verteidiger postiert der auf den Durchbruch wartet, um den Angriff abzuwehren. Die Abstände der Verteidiger müssen so klein sein, dass sie sich gegenseitig absichern können, aber auch so groß, dass sie Passwege zustellen!

Gleichzahl: Der ballnahe Verteidiger rückt vor und der ballferne Verteidiger rückt ein! Es wird versucht in Ballnähe Überzahl zu schaffen! Bei großem Abstand der Verteidiger zueinander, den Ballführenden nach außen lenken und bei kleinerem Abstand nach innen lenken um zu doppeln! Verteidiger steuern sich durch laute Kommandos!

Gleichzahl, Gegner hinterläuft: Gleiches Verhalten wie beim Punkt zuvor! Wird der Ballführende hinterlaufen, lassen sich beide Verteidiger diagonal in die Tiefe fallen! Somit wird der Passweg zum Hinterlaufenden zugestellt und der Ballführende kann gedoppelt werden! Immer Tiefenstaffelung, Abstände und Absicherung beachten!
Ab sofort jeden Zweikampf gewinnen!
Die Trainingsmethodik unserer Einheiten und auch die aus den Büchern Martin Hasenpflugs sind vom Einfachen zum Schweren strukturiert. Alle Übungen so unkompliziert und regelarm wie möglich konzipiert. Erklärungen auf ein Minimum reduziert. Nur die essentiellen Aspekte der einzelnen Bereiche des Fußball dargelegt. Eine gewisse Detailtiefe wird gemieden, aber unbewusst suggeriert. Aus dem Grund, dass man den jugendlichen Spieler nicht durch eine Informationsflut überfordert und so den natürlichen Spieltrieb hemmt. Die Methodik ist jedoch so aufgebaut, dass die Spieler die Möglichkeit haben die Feinheiten eigenständig zu antizipieren.
Heute haben wir das Thema 1-gegen-1-Situationen in der Defensive. Dies zu trainieren ist ein unentbehrlicher Schritt zum Weg zur Viererkette und auch eine Sache die man immer wieder trainieren sollte, um die Qualität der Viererkette aufrecht zu erhalten, bzw zu verbessern.
Zum Abschluss oder begleitend zum Trainieren von 1-gegen-1-Situationen in der Defensive möchten wir an dieser Stelle wieder ein Zettel unseren Lesern anbieten, den sie ausdrucken und an ihren Spielern verteilen können. Es hat sich in der Vergangenheit bewehrt, dass man den Spielern eine Möglichkeit an die Hand gibt, sich das Gelernte zuhause nochmal anzusehen, zu visualisieren und durch gelegentliches nachschauen im Kopf präsent hält.
Sollten bei den Spielern arge Defizite in diesem Bereich vorhanden sein, sollte das Training von 1-gegen-1-Situationen in der Defensive unbedingt am Anfang zur Umstellung auf die Viererkette stehen und in mindestens vier Trainingseinheiten als Schwerpunkt behandelt werden.
Das Merkblatt kann hier heruntergeladen werden.

Aussenbahn: Angreifer bis auf ca. 2 Meter entgegenstarten! Seitliche Stellung einnehmen! Den direkten Weg zum Tor verstellen! Auf den Fußballen bewegen! Nur auf den Ball konzentrieren! Eventuell Scheinangriffe anwenden! Die Aussenbahn zum Durchbruch anbieten! Beim Durchbruch (Angreifer legt sich den Ball vor) Körper zwischen Ball und Angreifer schieben!

Zentral: Angreifer bis auf ca. 2 Meter entgegenstarten! Schussbein des Gegners erkennen (meist Dribbelfuß)! Seitliche Stellung einnehmen! Abstand zum Angreifer halten! Nur auf den Ball konzentrieren! Die Seite des „schwachen Fuß“ des Angreifers zum Durchbruch anbieten! Beim Durchbruchsversuch den Ball von der Seite klären!

Im Rücken des Angreifers: Den Angreifer möglichst eng decken, jedoch ohne Körperkontakt! Nur auf den Ball konzentrieren! Erst den Ball attackieren, wenn sich der Angreifer zum Tor dreht und man den Ball sicher klären kann.

Angreifer wird angespielt: Seitlich versetzt hinter dem Angreifer stehen! Angreifer und Zuspieler genau beobachten! Beim Zuspiel versuchen den Ball abzufangen! Sollte man erkennen, dass dies nicht gelingt, sofort den Versuch der Balleroberung abbrechen und wieder hinter dem Angreifer postieren. Jetzt gleiches Handeln wie im „Rücken des Angreifers“!
Kein Platz für Individualisten im modernen Fußball
Das Gesicht des Fußballs hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. So waren es bis in die 70er oder sogar 80er-Jahren Individualisten die ein Spiel lenkten und auch entschieden. Der Spielmacher als technisch visierter Mann sollte mit Auge das Spiel an sich nehmen und mit klugen Pässen die Angreifer in Szene setzen. Doch durch das Ausschalten des Spielmachers konnte man recht einfach das Spiel des Gegners zerstören. Folglich wurde der Spielmacher oft in Manndeckung genommen und wiederum ein anderer Mitspieler sollte den Spielmacher von seiner Sonderbewachung lösen, der sogenannte Wasserträger.
Hinter den Manndeckern agierte dann der freie Mann (Libero) ohne Deckungsaufgaben. Er sollte Fehler seiner Vorderleute ausbügeln, in der kompletten Breite des Spielfelds Überzahl schaffen und sich dann auch noch mit ins Angriffsspiel einschalten. Durch seine Position hinter der Abwehr schuf er gefährliche Räume für den Gegner, die diese oft mit Steilpässen für sich zu nutzen wussten. Bei einem Vorstoß des Liberos und einem eventuellen Ballverlust und Konter des Gegners, hatten es die Manndecker und der Vorstopper (ein weiterer Fußball-Dinosaurier) dann sehr schwer in Gleichzahl oder gar Unterzahl zu verteidigen. In diesen Situationen funktioniert die Manndeckung nämlich nicht und man musste blitzschnell von Manndeckung auf Raumdeckung umschalten. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Sache ein großes Fehlerpotenzial in sich barg.
Aber u.a. ist es auch diesem Umstand zu verdanken, dass immer mehr Mannschaften anfingen konsequent in Raumdeckung zu verteidigen. So waren die Abwehrspieler nicht mehr gezwungen während des Spiels zwischen zwei ganz gegenläufigen Prinzipien umzudenken. Auch das Überzahlspiel in Ballnähe konnte man nun viel schneller gestalten, da die größere Entfernung von der Position des Liberos durch die geringere Entfernung des Mitspielers an seiner Seite ersetzt wurde. Man schaffte nun auch keine unnötige Räume mehr, durch den tief agierenden Libero. Die Individualisten Libero, Vorstopper, Manndecker entfielen zugunsten der Viererkette. Die Abwehrspieler agierten von nun an gleichberechtigt im Kollektiv.
Die Idee des Kollektivs im Mannschaftssport ist eigentlich die natürlichste Sache der Welt, denn das Individualisten-Dasein der Spieler führt zu keinem starken gemeinsamen Nenner. Die jahrzehntelange Förderung von Individualisten führte oft zu egoistischen Charakteren. Man stellte mehr seine eigenen Interessen in den Vordergrund, anstatt die der Mannschaft. Aus diesem Grund steht im modernen Fußball die Förderung des Teamgedankens im Vordergrund. Dies ist nicht nur aus spielerische Sicht ein Fortschritt, sondern auch aus sozialer.
Im modernen Fußball bildet aber nicht nur die Viererkette eine Einheit, sondern die komplette Mannschaft. Die einzelnen Mannschaftsteile interagieren im großen Maße und verschmelzen sogar miteinander. Folglich fallen auch die Individualisten in den anderen Mannschaftsteilen weg. Das leicht auszumachende Spiel mit Spielmacher weicht ebenfalls dem Kollektiv. Hier ist es aber auch der verbesserten Talentförderung weltweit zu verdanken, dass heutige Trainer über technisch besser ausgebildete Spieler verfügen und Fähigkeiten mitbringen ein Spiel zu gestalten.
Aus diesem Kollektivgedanken ergeben sich aber auch einige Nachteile. Diese sind aber dem modernen Fußballtrainern bereits bekannt und die Talentförderung des DFBs arbeitet auch in diese Richtung. So lassen sich viele Spieler so sehr ins Kollektiv drängen, dass sich ihre Persönlichkeit nicht genügend entwickelt. Der Fußball benötigt aber starke Spieler die ihre Mannschaft auf dem Platz antreibt oder auch kreative Köpfe, die mit unerwarteten Dinge die gegnerische Mannschaft überrascht. Solche Spieler besitzen allesamt eine ausgeprägte Persönlichkeit die es von der Jugend an zu fördern gilt. Es sollte also das Ziel des modernen Fußballtrainers sein, starke Persönlichkeiten in ein gut funktionierendes Kollektiv zu integrieren.
Der Weg des DFB zur Weltspitze der Talentförderung
Mit dem Sieg der deutschen U21-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Schweden 2009 hat es zum ersten mal in der Fußballgeschichte ein Land geschafft mit drei Nachwuchsmannschaften innerhalb eines Jahres Europameister zu werden. Neben der U21, gewann auch die U19 und die U17 den Europameistertitel. Der letzte größere Erfolg der U21 lag schon 27 Jahre zurück. Damals unterlag man im Finale England mit einem Gesamtergebnis von 5:4.
Die neuerlichen Erfolge sind aber keine Zufälle, sondern die Ergebnisse großer Umstrukturierungen der Talentförderung des DFB. Seit 2002 wurden viele Bereiche der Jugendarbeit massiv überarbeiten. Dies war nötig, da bis dato viele Talente unentdeckt blieben, bzw. die entdeckten Talente nicht immer gezielt gefördert wurden.
Mit der Saison 2002/03 wurden in Deutschland 387 DFB-Stützpunkte eröffnet. In diesen Einrichtungen werden jedes Jahr ca. 16.000 Jugendliche von ca. 1.200 Honorartrainern, zusätzlich zum Vereinstraining, ausgebildet. Die Kosten für dieses Projekt belaufen sich jährlich auf ca. 10 Millionen Euros. Ebenfalls seit 2002 sind alle Erst- und Zweitligisten dazu verpflichtet Leistungszentren zu unterhalten. Diese Kosten belaufen sich jährlich für die Vereine auf etwa 70 Millionen Euros.
Neben diesen beiden Projekten sind 2006 noch die Eliteschulen des Fußballs dazugekommen. Hier soll den potentiellen Profispielern die Doppelbelastung von Schule und Leistungssport genommen werden. Es findet eine parallele Ausbildung statt. Bereits im Rahmen des Vormittagsunterrichts sind Trainingseinheiten enthalten. Zusätzlich wird eine Reihe an verschiedenen Service, wie Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung und flexible Klausurtermine angeboten. Somit können die Eliteschulen optimal mit den Leistungszentren der Profivereine zusammenarbeiten. Die Eliteschulen werden von variablen Fördergeldern des DFB finanziell unterstützt.
Neben diesen drei Einrichtungen setzt der DFB auf eine verbesserte und intensiverer Trainerausbildung. So wird es z.B. keine Sonderbehandlung mehr für verdiente Ex-Profis geben. Um eine Profimannschaft zu trainieren ist eine 10-monatige Ausbildung zum Fußballlehrer nötig. Um eine Oberligamannschaft zu trainieren die DFB-A-Lizenz, um Stützpunkttrainer zu werden die B-Lizenz und um Trainer im U14-Nachwuchs-Cup zu werden die C-Lizenz.
Auch das gesamten Umfeld der U-Mannschaften ist professioneller geworden. So wird eine Datenbank mit dem Ziel unterhalten die verschiedenen Jugendnationalspieler gezielter fördern zu können. Es werden darin alle Informationen von sportmedizinischen Untersuchungen, Leistungstests, Spiel- und Spielerbeobachtungen eingepflegt. Auch der Trainerstab wurde bei allen U-Mannschaften stark erweitert. So gehören nun zu jeder Mannschaft, neben den Haupttrainern, drei Physiotherapeuten, jeweils ein Arzt, Psychologe, Fitnesstrainer, Torwarttrainer und Videoanalyst. Das ist ein vergleichbarer Umfang wie bei einem Bundesligisten.
Ein weiterer Grundpfeiler der DFB-Talentförderung ist der psychologische Aspekt. Man will starke Spieler mit einer starken Persönlichkeit und Siegermentalität ausbilden. Dazu werden die Spieler in Entscheidungen mit einbezogen, erhalten Medientraining und werden in ihrer Ausbildung weder unter- noch überfordert.
Des weiteren wird ein Schwerpunkt auf Individualtraining und der Förderung von Kreativität gelegt. Laut DFB fördert Individualtraining das Niveau einer ganzen Mannschaft. So werden regelmäßig bei Lehrgängen Techniktrainer heranzogen die dann 3-4 Spieler aus der Mannschaft herausnehmen und mit diesen ein spezielles Training absolvieren. Es werden dann z.B. Grundtechniken oder positionsspezifische Erfordernisse trainiert.
Auch hat der DFB eine einheitliche Spielphilosophie für alle Nationalmannschaften schriftlich vorgegeben. So sollen alle Mannschaften die Viererkette in einem 4-4-2-System spielen. Aus einer kompakten und disziplinierten Deckung heraus soll mit einer dynamischen Spielweise offensiv agiert werden. Das Mittelfeld soll in der Lage sein sich sehr schnell den verschiedenen Spielsituationen anzupassen, variantenreich und attraktiv Fußball zu spielen. Auch ein sicherer Spielaufbau mit überraschend schnell gestalteten Angriffsaktionen sind angesagt. Die Abwehrspieler sollen offensiv agieren und alle Spieler stets zweikampfstark - aber fair - agieren.
Die ersten Erfolge mit den neuen Strukturen sind also erzielt. Der DFB in Form von Matthias Sammer kündigte aber an, dass dies erst der Beginn der Entwicklung sei. Das neue Konzept sei mittel- und langfristig angelegt und deshalb sei von deutschen Nachwuchsmannschaften noch viel zu erwarten.

