Ralf Rangnick und sein Weg zur Viererkette
Ralf Rangnick kann man ohne weiteres als einen der Wegbereiter der Viererkette, bzw. der Raumdeckung in Deutschland bezeichnen. Mit einem Schlag sprach ganz Fußball-Deutschland über ihn, als er das System 1998 im ZDF-Sportstudio einem Millionenpublikum an der Taktiktafel erklärte. Also rund vier Jahre bevor die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2002 zum ersten mal mit einer Viererkette auflief. Damals gab es in der Bundesliga mit Gladbach lediglich ein Verein der die Viererkette praktizierte. Rangnicks Einladung ins Fernsehen kam am 19. Dezember 1998 aufgrund seines sportlichen Erfolgs mit SSV Ulm zustande. Er belegte damals als Aufsteiger zur Winterpause Platz 1. in der 2. Bundesliga.
1984 erfolgte Rangnicks erster Kontakt mit der Raumdeckung. Als Spielertrainer von Viktoria Backnang absolvierte er ein Testspiel gegen die mit Viererkette agierende Mannschaft von Dynamo Kiew. Ihn beeindruckte, dass die Kiewer in fast jeder Spielsituation in Überzahl waren. Das damals revolutionäre System fiel auf den Kiewer Trainer Valerij Lobanowski zurück. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Viererkette. In seinen 22 Jahren in Kiew wurde er 12x Meister, 9x Pokalsieger, zweimal gewann er den Europapokal der Pokalsieger und einmal den europäischen Supercup. Mit der sowjetischen Nationalmannschaft wurde er 1988 EM-Zweiter.
Rangnick war von der Spielart der Kiewer derart beeindruckt, dass er von nun an dieses System studierte wo es ging: Beim Trainingslager der Kiewer in Stuttgart-Ruit, wie auch bei Arrigo Sacchis, dem damaligen Trainer von AC Mailand. Was er damals lernte, erwartet er auch heute noch von seinen Hoffenheimer Spielern: Verschieben, aggressiv pressen und nach der Balleroberung nach Möglichkeit steil in die Spitzen passen.
Rangnick sieht den Trainer als einen Art Theaterregiseur. Seine Handschrift sollte auf der Bühne sichtbar sein, doch die (Schau-)Spieler müssen genügend Freiheiten besitzen Kreativität zu entwickeln. Er hält es für besonders wichtig den Gegner möglichst weit weg vom eigenen Tor zu halten und Quer, bzw. Rückpässe auf ein Minimum zu reduzieren. Er will möglichst aggressiv spielen, doch ohne zu foulen. Da sich die Spieler ständig ballorientiert verschieben, verschwendet ein geahndetes Foulspiel Energien der eigenen Mannschaft.
Die größten Erfolge Rangnicks als Trainer waren bisher die beiden Bundesliga-Aufstiege mit Hannover 96 und der TSG Hoffenheim, wie 2005 mit Schalke 04 die Vize-Meisterschaft und das Erreichen des DFB-Pokalfinale. Wohl einzigartig ist es, dass zwei von ihm betreute Vereine - Hoffenheim und Ulm - einen Durchmarsch von der Regionalliga bis in die 1. Bundesliga schafften!
1981: Die Fußballrevolution in Deutschland
Das Jahr 1981 war ein ganz besonderes für den deutschen Fußball. Es war das Jahr als Helmut Groß als erster deutscher Trainer mit einer Ballorientierten Raumdeckung spielte!
Helmut Groß war damals sehr vom System der niederländischen Nationalmannschaft unter Ernst Happel angetan. Die Niederländer waren Anfang der 80er-Jahre eine der wenigen Mannschaften der Welt die mit einer Ballorientierten Verteidigung spielten. In Deutschland gab es damals nur die Manndeckung. Die Manndeckung sah Groß jedoch als sehr unökonomisch. Die Defensivspieler musste alle Laufwege des Gegners mitmachen und dies kostete viel Kraft. Doch mittels der Ballorientierten Verteidigung mussten die Spieler weniger laufen, da die gegnerischen Spieler übergeben wurden. Die so gesparte Kraft setzte man nun für ein aggressives Pressing ein. Man setzte den Gegner früh unter Druck und zwang ihn so zu Fehlern und konnte sich dann mittels schnelles Kurzpassspiel nach Vorne viele gefährliche Torchancen erspielen.
Helmut Groß übernahm 1981 den Verbandsligisten SC Geislingen und er wollte hier etwas ganz besonderes auf der Basis des niederländischen Spiels schaffen. Ihm gefiel die Idee des Ballorientierten Verteidigens sehr, doch aus seiner Sicht brach es nicht radikal genug mit dem Alten. Er ergänzte dieses System mit der Vorgabe beim Angriff des Gegners sich so zu verschieben, dass man möglichst weit vor dem eigenen Tor eine Überzahlsituation schuf und so dem gegnerischen Spieler zu Fehlern zwang. Je weniger Zeit und Raum für den Ballbesitzenden, desto höher die Wahrscheinlichkeit dass er Fehler macht.
Nach Geislingen wechselte er zum gleichklassigen VfL Kirchheim. Kirchheim stieg mit seinem zur damaligen Zeit revolutionären Spielsystem in die Oberliga auf und wurde in den Jahren 1987-88 zweimal württembergischer Meister. Noch heute spricht man dort von dem 1:1 gegen den damaligen Europapokalsieger Dynamo Kiew. Der damalige Trainer Kiews Valeri Lobanowski war gleichzeitig Nationaltrainer Russlands und sehr überrascht darüber, dass eine unterklassige Mannschaft aus Deutschland eine ähnliche Taktik wie seine Mannschaft spielte.
Mitte der 80er-Jahre trat Groß in den Trainerlehrstab des württembergischen Fußball-Verbands und dort erarbeitete er zusammen mit Ralf Rangnick ein Lehrsystem um die Ballorientierte Raumdeckung den Jugend- und Amateurtrainern des Verbands näher zu bringen. Damit war Württemberg der erste Deutsche Fußballverband der die Grundlage zum Spiel mit der Viererkette setze!
Im Jahr 1989 wurde Groß Jugendkoordinator des VFB Stuttgarts. Dort erarbeitete er eine einheitliche Spielphilosophie, die u.a. besagte dass alle Jugendmannschaften mit der Ballorientieren Raumdeckung zu spielen hätten. In dieser Zeit fiel es auch, dass Groß Ralf Rangnick als Trainer der A-Jugend nach Stuttgart holte.
2008 war es dann umgekehrt der Fall. Ralf Rangnick hat mit der TSG Hoffenheim den Durchmarsch bis in die 1. Bundesliga geschafft und holte Helmut Groß als Scout nach Hoffenheim. Außerdem ist der ehemalige Bauingenieur dort für die Spielebeobachtung der kommenden Gegner zuständig.
Wie so oft im Leben schließt sich im Laufe der Zeit der Kreis und die Idee die einst belächelt wurde gilt als allgemein anerkannt. Nur der Mut etwas neues auszuprobieren kann weitere revolutionäre Fortschritte im Fußball bringen.
© Martin Hasenpflug

