Das 500-Ballkontakte-Fußballtraining
Aus dem niederländischen Fußball kommt die Empfehlung, dass man einem Jugendspieler in jedem Training 500 Ballkontakte ermöglichen sollte. Viele Trainer hierzulande halten diese Zahl für utopisch. Doch um zu zeigen, dass diese Zahl durchaus nicht zu hoch gegriffen ist, haben wir mal eine exemplarische Trainingseinheit zusammen gestellt.
Die Schwerpunkte der Einheit liegen auf den drei elementarsten Fußballfertigkeiten: Passspiel, Dribbling und Torschuss. Diese, nennen wir sie mal 500-Ballkontakte-Trainingseinheit, ist ideal um Spieler nach langer Pause wieder an den Ball zu gewöhnen. Also z.B. nach einer Schlechtwetterperiode, wo kein regelmäßiges Training stattfinden konnte.
Das Aufwärmprogramm ist sehr abwechslungsreich gestaltet. Hier haben die Spieler kaum Leerlauf. Durch die kreisförmige Anordnung der Hütchen ist der Weg zur neuen Position, wo dann die nächste Aktion stattfindet, sehr kurz und damit besteht die Möglichkeit innerhalb von kurzer Zeit viele Aktionen zu haben. Die beiden Hütchenquadrate sind schnell aufgebaut und die Übungen für die Spieler leicht zu verstehen. So kann sich der Trainer auf technische Korrekturen konzentrieren.
Die Übung am Tor und im Feld wird mit je einer kleinen Gruppe parallel absolviert, um den Spielern soviele Ballkontakte wie möglich zu bieten. Dem Torschuss geht ein Slalomdribbling voraus. Slalomdribblings garantieren immer viele Ballkontakte und durch die Anordnung der Starthütchen neben den Toren ist man, nach dem Ballholen, für die neue Aktion schnell wieder auf Position. Die Gruppe am Tor ist nochmals unterteilt, so erreicht man hier einen Torschuss nach dem anderen.
Die Übung im Feld ermöglicht ebenfalls viele Ballkontakte, weil auch hier die geteilte Gruppe, nochmals geteilt ist und man mit zwei Bällen parallel kurze Passaufgaben absolviert. Durch möglichst kleine Laufwege sind hier viele Aktionen in kurzer Zeit möglich. Pro Aktion sind immer vier Spieler gleichzeitig aktiv und absolvieren acht verschiedene Pässe und zwei Dribblings. Vier Spieler pausieren kurz um Kraft für den nächsten Durchgang zu tanken.
Durch ein Abschlussturnier mit 4er-Mannschaften in einem kleinen Feld hat jeder Spieler deutlich mehr Ballkontakte, als bei einem Abschlussspiel über eine Spielfeldhälfte. Trotzdem sind in einer 4er-Mannschaften fast alle fußballerischen Elemente umsetzbar, die auch bei einem 11-gegen-11-Spiel von Bedeutung sind.
Ablauf:
Alle Spieler absolvieren parallel in zwei Hütchenquadraten zuerst die Aufwärmübung 1a. Nach ca. 8 - 10 Minuten absolvieren alle Spieler im gleichen Parcours für die gleiche Zeit die Aufwärmübung 1b. Danach wird die Mannschaft in zwei Gruppen geteilt. Die erste Gruppe absolviert die Übung am Tor und die andere parallel dazu die Passübung im Feld. Nach ca. 15 - 20 Minuten wechseln die Gruppen.
Der Abschluss bildet ein Turnier mit vier Mannschaften. Ein Spielfeld ist der Strafraum mit zwei Jugendtoren und das andere Spielfeld wird mit Hütchen markiert und z.B. auf zwei Minitoren gespielt. Jeder spielt gegen jeden und die Spielfelder werden gewechselt, so dass jede Mannschaft mal in jedem Feld gespielt hat. Wer ist am Ende Turniersieger?
Aufwärmübung 1a:
- Für je 8 Spieler ein ca. 15 Meter großes Hütchenquadrat aufbauen.
- An jedem Hütchen zwei Spieler postieren und ein Spieler mit Ball.
- Der Spieler mit Ball dribbelt kurz an, spielt Doppelpass mit seinem Gegenüber und passt ihm dann, Richtung des dritten Hütchens, diagonal in den Lauf.
- Der Angespielt spielt nun Doppelpass mit dem Spieler am dritten Hütchen und immer so weiter.
- Nach jedem Pass in den Lauf des Mitspielers wechselt man im Uhrzeigersinn eine Position weiter.
- Variation: Zwei Pflichtkontakte
Aufwärmübung 1b:
- Gleicher Parcours, gleiche Spielerverteilung.
- Jetzt je ein Ball bei zwei Spieler die sich diagonal gegenüberstehen.
- Die Spieler mit Ball dribbeln kurz an, spielen Doppelpass mit ihrem Gegenüber und passen dann diagonal zum Mitspieler und immer so weiter.
- Nach jedem Diagonalpass wechselt der Spieler im Uhrzeigersinn eine Position weiter.
- Variation: Zwei Pflichtkontakte
Dribbling mit Torschuss 2a:
- Parcours wie in der Zeichnung aufbauen.
- Die Spieler in zwei Gruppen aufteilen und hinter den Slalomhütchen postieren. Jeder Spieler hat einen Ball.
- Die Übung beginnt auf einer Seite, indem der Spieler ein Slalomdribbling absolviert, an die Hütchenreihe vorbei dribbelt, sich den Ball zum Torschuss selbst vorlegt, außen ums Hütchen läuft und aufs Tor schießt.
- Sobald sich der erste Spieler den Ball zum Torschuss vorgelegt hat, startet der Spieler auf der anderen Seite.
- Nach dem Torschuss stellen sich die Spieler an der anderen Seite an. Trainieren der Beidfüssigkeit.
Steilpass nach Ballvorlage 2b:
- Die Spieler in zwei Gruppen teilen und je einem Hütchendreieck zuornden.
- Die zwei Dreiecke befinden sich im Abstand von ca. 5 - 7 Metern gegenüber. Der Abstand A nach B beträgt ca. 5 - 7 Meter und der Abstand A nach C ca. 10 - 12 Meter.
- Je zwei Spieler an den Hütchen A und B. Der vorderste Spieler A hat einen Ball.
- Die beiden Spieler A spielen immer gleichzeitig einen Doppelpass mit B und passen dann Spieler A der anderen Gruppe den Ball in den Lauf. Dieser dribbelt ums Hütchen C und passt dann zurück zu A und immer weiter so.
- A wechselt nach B und B nach A der anderen Gruppe.
- Variation: Zwei Pflichtkontakte
Ganz einfach mehr Torchancen erspielen!
Mit unserer Initiative abwehrkette.de konzentrieren wir uns ja hauptsächlich mit dem Verfassen von Artikel wie man Torchancen verhindert und zu einer schnellen Balleroberung kommt. Doch von Zeit zu Zeit wollen wir mit dem einen oder anderen Artikel darüber hinausgehen und zeigen wie man gekonnt in die Offensive umschaltet und sich so gute Torchancen erspielt.
Mit dem heutigen Beitrag wollen wir also zeigen wie man nach der Balleroberung effektiv arbeitet. Dazu haben wir wieder ein Merkblatt erstellt, wo jede wesentliche Situation abgebildet und mit einem kompakten Text versehen ist. Dieser Zettel eignet sich, wie auch unsere anderen zuvor erstellen Merkblätter, hervorragend zum Verteilen an die Mannschaft. So haben die Spieler die Möglichkeit sich das Ganze in Ruhe zu hause anzusehen und so den ganzen Ablauf zu verinnerlichen.
Wenn man vom Umschalten in die Offensive spricht, kommt einem natürlich auch direkt das Thema in den Kopf, wie man sich im umgekehrten Fall korrekt verhält? Wie agieren bei einem Ballverlust? Wie verteidigen wir in einer ungeordneten Defensive und wie können wir möglichst schnell wieder den Ball erobern? Dieses Thema haben wir in vorherigen Artikel immer mal leicht angeschnitten, doch um auch hier einen ausführlichen Leitfaden anzubieten, werden wir an einem entsprechenden Beitrag arbeiten.
Jetzt aber erstmal unser Merkblatt zur Offensive. Anhand dessen kann der Trainer auch einige Punkte zur Verbesserung seiner Vierer-Abwehrkette ableiten. Denn diese muss erstmal ausgespielt werden um eine Torchance zu erhalten. In diesem Zusammenhang sei aber nochmal ganz ausdrücklich erwähnt, dass wir das Merkblatt ganz bewusst so gestaltet haben, dass man eine Abwehrkette ausspielen muss und keinen gegnerorientierten Abwehrverbund! Denn wenn die Offensive bei einem ballorientierten Gegner in der Lage ist den Ball schnell und direkt nach vorne zu passen, Doppelpässe spielt, Schnittstellen in der Defensive ausnutzt usw. wird es ihr erst recht bei einer Mannschaft mit agierendem Libero gelingen!

Spieleröffnung: Was tun nach der Balleroberung? Die Mitspieler schwärmen in alle Richtungen aus und der Ball wird möglichst schnell und direkt nach Vorne gespielt!

Doppelpass: Die Spieler versuchen stets zusammen mit dem Ballführenden ein Dreieck zu bilden, um so Anspielstationen in Breite und Tiefe zu schaffen! Mittels Doppelpässen gewinnt man Raum und kann so sein Spiel schnell vors gegnerische Tor bringen!

Pässe: Nach Möglichkeit immer einen Steilpass spielen! Ist es nicht realisierbar, da zu risikoreich, dann den Ball auf den Flügel spielen. Sollte auch diese Möglichkeit nicht bestehen, dann einen Quer- oder Rückpass zu einem Mitspieler.

Flügelspiel: Steht die Abwehr kompakt, passt man zum Flügel. Die Angreifer kreuzen und besetzen den kurzen und langen Pfosten. Ein dritter Spieler wartet im Rückraum auf den Ball. Die Flanke kommt flach zum kurzen oder hoch zum langen Pfosten. Mit Tempo in den Ball!
Erfolgreiches Fußballtraining organisieren
Man trainiert in erster Linie um sich fußballerisch zu verbessern und um als Team zur Einheit zu finden. Aus diesem Grund sollte diese beiden Bestrebungen bei der Planung des Trainings und dessen Umsetzung im absoluten Mittelpunkt stehen. Um erfolgreich zu spielen, sollte sich alles andere dem unterordnen. In diesem Artikel wird man einige grundsätzliche Gedanken finden, die einem bei der Verwirklichung dieses Ziel behilflich sein können.
Durch attraktive und abwechslungsreiche Übungsformen versucht man die Spieler immer so gut es geht zu motivieren. Dies kann u.a. durch kleine Wettkämpfe geschehen, wo zwei Gruppen gegeneinander mit dem Ziel antreten, um als erstes eine gewisse Punktzahl zu erreichen. Ein großer Motiviationskiller ist die Langeweile, die z.B. entsteht wenn die Wartezeit zwischen den Aktionen zu groß werden. Aus diesem Grund sollte der Trainer das Training so gestalten, dass alle Spieler stets in Bewegung sind.
Bei manchen Übungen ist dies aber nicht so einfach, deswegen empfiehlt es sich da in kleinen Gruppen zu trainieren. Wenn man also über einen Trainerkollegen verfügt, teilt man zumindest im Hauptteil des Trainings die Mannschaft auf und lässt sie bis zum Abschlussspiel separat trainieren. Kleine Gruppen ermöglichen eine bessere individuelle Betreuung und führt gleichzeitig zu mehr Ballkontakten der Spieler. Allgemein sagt man, dass es Ziel des Trainers sein sollte jeden Spieler im Training ca. 500 Ballkontakte zu ermöglichen.
Ob ein Spieler jetzt 300 oder 700 Ballkontakte hat ist erfahrungsgemäß nicht das Alleinentscheidende. Vielmehr zählt die Qualität der Übung, die Konzentration des Spielers, der Einsatzwille und wenn dann auch noch eine hohe Zahl an Ballkontakten zustande kommt, kann man von einem gelungenen Training sprechen.
Weitere wichtige Aspekte die der Trainer in seiner Arbeit berücksichtigen sollte, ist eine knappe und fachkundige Erklärung des Trainingsziels, wie dessen korrekte Demonstration. Der Trainer sollte nicht alle Fehler korrigieren die er sieht, sondern im Allgemeinen sich auf Wiederholungsfehler und den Sachen betreffend des Trainingsschwerpunktes konzentrieren. Ein gewisser Trainings- und Spielfluss sollte zur Förderung der Kreativität nicht unterbunden werden.
Spielerische, individuelle und mannschaftliche Fortschritte sollte der Trainer zur weiteren Motivation positiv ansprechen. Dies bestärkt eine Mannschaft und auch einen Spieler darin den eingeschlagenen Weg fortzuführen. Gute Trainingsleistungen und gute Aktionen im Training sollten unmittelbar und dezent gelobt werden. Begeisterungsstürme könnten von einigen Spielern schon als Erreichung des Gesamtziels fehlinterpretiert werden.
Vor und nach dem Training sollte eine kurze Besprechung erfolgen. Was bringt der Mannschaft die anstehende Trainingseinheit? Was erwartet der Trainer von mir? Wie kann ich dies erreichen? Nach dem Training: Was habe ich gut gemacht? Wo kann ich mich noch verbessern? Durch diese direkten Anweisungen und Rückmeldungen erleichtert man dem Spieler sich in die nötige Richtung zu entwickeln.
Was die Trainingsinhalte betrifft, so vertreten wir gewisse Vorstellungen die sich allesamt in der Praxis bewährt haben. Zum einen sollte man Schwerpunktmäßig mit vielen Wiederholungen trainieren. Somit erleichtert man dem Spieler sich auf eine Sache zu konzentrieren, was wiederum zu einer optimalen Entwicklung in diesem Bereich führen kann. Man sollte immer spielnah trainieren, das bedeutet spielnahe Abstände bei den Übungen, realistische Anordnung des Parcours im Spielfeld und Trainingsformen die häufige Spielsituationen simulieren.
Bei unserer Art zu Trainieren gibt es drei Komponenten die sich immer wiederholen. Da steht zu Beginn des Trainings, direkt nach der Besprechung, das Brasilianische Aufwärmen. Neben der körperlichen Vorbereitung auf die folgenden intensiven Aufgaben, wird der Spieler dadurch in einigen weitere Punkten verbessert. So wird aufgrund den parallel ausgeführten Aktionen der Teamgedanke und das Abstimmen auf gemeinsame Handlungen gefördert. Durch die Art der Bewegungen des Brasilianischen Aufwärmens wird zusätzlich noch die Koordination geschult.
Die zweite Komponenten die in jeder unserer Trainingseinheit zu finden ist, ist die Antrittsschnelligkeit. Durch gezielte kurze Sprints mit Richtungswechsel und Koordinationsaufgaben erreicht man das Ziel, im Wettkampf schneller am Ball zu sein als der Gegner. Außerdem wird durch dieses Training die Ausdauer der Spieler ohne spezielles Konditionstraining verbessert.
Das Trainieren der Antrittsschnelligkeit sollte nach dem Aufwärmen im ersten Drittel der Trainingseinheit gelegt werden. Wichtig ist, dass der Antritt in voller Intensität ausgeführt wird. Allgemein wird nach jeder Aktion eine Minute Pause empfohlen. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass diese auch etwas darunter liegen kann. Durch das intensive Training der Antrittsschnelligkeit läuft man auch weniger Gefahr die Spieler im Training zu unterfordern. Es erhöht die Konzentration, weil kräftebedingt auf fußballfreie Gedanken verzichtet werden muss. Durch leicht dosierte Überforderungen im Training kann auch die Antizipationfähigkeit der Spieler gesteigert werden.
Die letzte gleichbleibende Komponente im Training betrifft das Abschlussspiel. Die von uns erläuterte Ansicht mag nicht auf alle Mannschaften zutreffen, doch im mittleren Jugendbereich nach der Umstellung auf die Viererkette hat sie sich bewährt. Es werden keine besonderen Sonderregeln vorgegeben, um gewisse Spielweisen zu provozieren, sondern allein aufgrund der Mannschaftsaufstellung und den taktischen Vorgaben des Trainers ein auf das Ballorientierte fokussiertes Abschlussspiel absolviert.
Moderner Fußball aus Sicht der Initiative abwehrkette.de
Von dem lokalen Fußball-Magazin Final-Kick wurden wir für einen Artikel zum Thema Viererkette befragt. Man wollte näheres über unsere Ansicht zum modernen Fußball wissen. Der Bitte kamen wir gerne nach und gaben folgende Antwort:
Wir machen auf unserer Webseite die klare Aussage, dass die Manndeckung in allen Klassen und Jugendmannschaften ad acta gelegt werden sollte und das möglichst schnell! Das Gegenteil der Manndeckung, das Ballorientierte Spiel kann mit den Vorteilen Punkten, dass Überzahl in Ballnähe mit wenig Kraftaufwand hergestellt werden kann. Es bleibt so Kraft für Pressingaktionen. Das Pressing an sich kann einfacher vermittelt werden, da die Mannschaft als Kollektiv agiert. Wer als Kollektiv agiert, weiß wiederum von den Vorteilen der Teamfähigkeit und ist in der Lage diese auch außerhalb des Fußballplatzes erfolgreich umzusetzen.
Das Ballorientierte Spiel wird teilweise auch als Ballgewinnspiel bezeichnet. Die Balleroberung ist der zentrale Gedanke aller Spieler beim Gegnerischen Ballbesitz. Deswegen wird im modernen Fußball von jedem Spieler erwartet innerhalb des Mannschaftsverbundes Initiative zu ergreifen und Kreativität zu zeigen. Spielpositionen die hauptsächlich von einer Sache geprägt sind oder gar nur das Reagieren auf Aktionen von Gegenspielern zum Inhalt haben sind unattraktiv und hemmen die fußballerische Entwicklung des Spielers.
Den Mannschaften wird im modernen Fußball also das Erobern des Balls erleichtert und wenn dies geschehen ist, haben sie aufgrund ihrer Spielweise viele geordnete Anspielstationen in Ballnähe. Dies erleichtert die Einleitung eines erfolgreichen Angriffs.
Ob das Ballorientierte Spiel jetzt mit Dreierkette oder Viererkette und davor mit Raute, flache Vier, drei Stürmern usw. praktiziert wird, hängt von den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Teams ab. Wer jedoch die Meinung vertritt, dass das Ballorientierte Spiel mit einer Viererkette oder Dreierkette nur funktioniert, wenn man die richtigen Spieler hat oder Linienrichter oder Otto Rehhagel mit Libero ja auch Europameister wurde, der hat sich mit dem modernen Fußball nicht richtig auseinandergesetzt, bzw. nicht verstanden.
Die einzige offene Frage ob man mit Viererkette (Dreierkette) spielen kann oder nicht ist die, ob man als Trainer in der Lage ist diese zu vermitteln. Es gibt ehrenamtliche Trainer die in der C-Jugend-Kreisklasse erfolgreich mit Viererkette spielen. Da sollten bezahlte Trainer der Kreis- oder Bezirksliga erst recht in der Lage sein diese zu lehren. Ab Landesliga geht sowieso kein Weg mehr am modernen Fußball vorbei um mithalten zu können.
Unsere Erfahrung zeigt, dass es Sinn macht bei der Umstellung auf das Ballorientierte Spiel direkt auf die Vierkette zu setzen. Die Grundlagen der Viererkette sind nur unwesentlich umfangreicher als die der Dreierkette. Außerdem hat man die Möglichkeit im Mittelfeld ebenfalls mit Viererkette zu spielen. So kann man relativ schnell seine komplette Mannschaft auf das Ballorientierte Spiel umstellen.
Mit der Viererkette ist man unserer Meinung nach flexibler als mit der Dreierkette. So können sich die Außenverteidiger mit ins Angriffsspiel einschalten oder besetzen freie Räume zwischen Innenverteidigung und angreifendem Mannschafsverbund. Mit der Viererkette kann man auch offensiver spielen, da immer nur zwei (anstatt drei wie bei der Dreierkette) Spieler beim Angriff hinter dem Ballführenden bleiben. Mit einer Dreierkette ist es nicht einfach über die komplette Breite des Spielfeldes präsent zu sein, da ist ein geschicktes agieren der Mittelfeldspieler gefragt, was den einen oder anderen Spieler überfordern könnte.
Dagegen hat sich bei den Abschlussspielen im Training die Dreierkette bewährt. Wobei sich die Außenverteidiger bei einem Angriff immer mit einschalten und sich vor dem Ball schieben. So kann man ab fünf Spieler pro Mannschaft sehr gut das Ballorientierte Spiel wettkampfmäßig trainieren, ohne dabei das Offensivspiel vernachlässigen zu müssen.
Felix Magath mit drei Innenverteidigern zum Erfolg
In unserem Artikel DFB-Chefscout und die Zukunft des Fußballs ist nachzulesen, wie Urs Siegenthaler die deutschen Trainer aufmuntert über den eignen Tellerrand zu schauen. Sie sollen das vorhandene nicht als unumstößliche Wahrheit sehen, sondern mit dem Zeitgeist gehen und für bestehende Probleme neue und kreative Lösungen finden. So verwies er z.B. darauf, dass der FC Barcelona anfing mit drei Stürmern zu spielen und dabei große Erfolge erzielte und plötzlich war die Dritte Spitze in aller Munde.
Gestern spielte Schalke 04 beim 1. FC Köln. Der 1. FC Köln hat gegen keine andere Mannschaft in der Liga soviele Heimsiege verbucht wie gegen Schalke 04. Und Schalke war wirklich in keiner guten Ausgangssituation. So mussten sie kurzfristig die Ausfälle von Rafinha, Kuranyi und Mineiro kompensieren. Hinzu kommt der langzeitverletzte Jones, der eigentlich in dem sowieso arg begrenzten Schalker Kader die Fäden ziehen sollte. Diese Dezimierung an Leistungsträgern war es aber nicht allein die auf Schalke lastete. So kamen in den letzten Tagen öffentliche Diskussionen auf, dass Schalke mit der Zahlung der Spielergehälter rund vier Wochen in Verzug sei und dass man noch rund 20-25 Millionen bis zum Jahresende auftreiben muss, um für diese Saison zahlungsfähig zu bleiben.
Das Interessante für uns an diesem Spiel war aber, dass Felix Magath nach rund 20 Minuten auf das 3-4-3 umstellte. Schalke agierte nun mit drei Innenverteidigern, die bei einem Kölner Angriff zu einer Fünferkette wurde. Die beiden Mittelfeldspieler außen ließen sich in die Abwehrkette fallen und die beiden zentralen Mittelfeldspieler sorgten dafür, dass Schalke in zentraler Position vor dem eigenen Tor sehr kompakt standen.
Letztlich gewannen die Schalker mit drei Innenverteidigern 2:1 in Köln und belegen nun nach fünf Spieltagen überraschend den dritten Tabellenplatz. Felix Magath ging volles Risiko und wurde belohnt. Nicht umsonst sagt man, dass den Mutigen die Welt gehört. Oft scheitern innovative Ideen nur daran, dass man nicht den Mut hat sie mit der letzten Konsequenz durchzusetzen. Man mischt sie noch mit althergebrachten und sie funktioniert nicht. Die grundsätzlich gute Idee wird nun wieder verworfen und man setzt aufs altbewährte.
Ob es nun die vier Stürmer sind oder die drei Innenverteidiger von Felix Magath ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass man sich und sein System immer wieder in Frage stellt, sich dem Fortschritt nicht verschließt, die eigene Situation erkennt, kreativ nach alternative Wege sucht und diese dann mutig bis zur letzten Konsequenz umsetzt.
Trainertagebuch: Einführung der Vierer-Abwehrkette
Hier auf der Seite findet man mittlerweile viele Informationen zum Umstellen von Manndeckung auf das Ballorientierte Spiel. Doch funktioniert das wirklich wie beschrieben? Theorie und Praxis liegen ja oft weit auseinander.
Deshalb gibt es heute ein Bericht aus der Praxis, wie ich bei einer C-Jugend die 4er-Kette nach dem hier dargestellten Schema eingeführt habe. Außerdem erwähne ich hier im Trainertagebuch wie ich weiteren Schwerpunkte nach dem Buch Fußballtraining mit Kids ergänzend zum neuen System trainieren ließ und welche Früchte die Sache in den darauffolgenden Spielen trug.
Ausgangspunkt war eine Mannschaft mit 18 Spielern. Sie setzt sich wie folgt zusammen:
- Zwei Spieler haben in der Vorsaison als jüngerer Jahrgang in der Leistungsklasse (zweitniedrigste Liga) gespielt
- Zwei gute Spieler wechselten von fremden Vereinen
- Vier Spieler des jüngeren Jahrgangs wurde hochgezogen, die in der Vorsaison in der D-Jugend-Leistungsklasse spielten
- Der Kern der Mannschaft landete in der Vorsaison als jüngerer Jahrgang auf dem vorletzten Platz in der Kreisklasse (niedrigste Liga)
Keiner der 18 Spieler war zuvor mit der Viererkette oder dem Ballorientiertem Spiel vertraut. Fast genau vier Wochen vor dem ersten Meisterschaftsspiel habe ich zum ersten Mal mit der mir unbekannten Mannschaft auf dem Trainingsplatz gestanden.
Woche 1: In der ersten Woche (Sommerferien) trainierte ich von Montags bis Donnerstags und Freitag hatten wir ein Testspiel. In den ersten drei Trainingseinheiten wurden 1-gegen-1-Situationen trainiert und am vierten Tag haben wir den 1-Tag-Crashkurs Viererkette gemacht. Freitags im Testspiel gegen eine gute Leistungsklasse-Mannschaft kassierten wir ein Gegentor, wobei die Abwehr doch noch sehr wacklig war.
Woche 2: Die drei Trainingseinheiten die wir in der zweiten Woche absolvierten galten der Ballan- & Ballmitnahme. In dieser Woche erhielt jeder Spieler ein Merkblatt wie er sich im Ballorientiertem Spiel zu verhalten hat. Das am Wochenende gespielte Turnier mit vier Mannschaften aus der Leistungsklasse und vier Mannschaften aus der Kreisklasse konnten wir ohne Gegentor gewinnen.
Woche 3: Man absolvierte nun 2,5 Trainingseinheiten mit dem Schwerpunkte Flugball. 0,5 Trainingseinheiten weil man am dritten Trainingstag nur mit einem Teil der Mannschaft und dann auch nur eine Stunde ein kleines Spielchen machen konnte. Am Wochenende hatte man wieder gegen eine gute Mannschaft aus der Leistungsklasse ein Testspiel, wo man wieder nur ein Gegentreffer hinnehmen musste.
Woche 4: Der Schwerpunkte bei den nun anstehenden 2,5 Trainingseinheiten war das Doppelpass-Spiel. Dadurch wollte ich mehr offensive Aspekte ins Spiel bringen. Es folgte das erste Meisterschaftsspiel in der Leistungsklasse ohne Gegentor.
Woche 5: Man hatte in dieser Woche zwei Trainingseinheiten zur Verfügung, die man nutzte um den Schwerpunkt Doppelpass der Vorwoche fortzusetzen. Das zweite Meisterschaftsspiel war gegen den Jungjahrgang eines Zweitligisten, die ihr erstes Meisterschaftsspiel 7:0 gewannen. In diesem Spiel gab es für die neue Viererkette wieder nur ein Gegentreffer.
Zusammengefasst kann man sagen, dass man lediglich mit dem 1-Tag-Crashkurs Viererkette, der Merkblatt-Aktion und dass man in jedem Abschlussspiel das Ballorientierte Spiel gefördert und gefordert hat eine stabile 4er-Abwehrkette in der C-Jugend geschaffen hat. Man spielte jedes Spiel im 4-4-2 (flache Vier), so dass das Mittelfeld ebenfalls als 4er-Kette agieren konnte.
Besonders im letzten Spiel gegen eine spielstarke Mannschaft, die mit vielen Pässen im Rücken der Abwehr arbeitete, hat sich das Ballorientierte Verteidigen ausgezahlt. Nur mit dem Ballorientiertem Spiel schafft man so enge Räume zentral vor dem Tor, nur so kann der in den Zweikampf gehende Spieler stets abgesichert werden und auch nur so kann der ballführende Gegner mit minimalem Aufwand gedoppelt werden.
Mein Appell an alle Trainer die noch auf die Manndeckung setzen: Spielt modernen Fußball! Wenn man sich etwas mit der Materie auseinandersetzt (diese Webseite reicht vorerst) ist es viel leichter auf das neue System umzustellen als man denkt.
Arrigo Sacchi’s Meisterwerk: Raumdeckung und Viererkette kombiniert
Auf unserer Webseite berichteten wir bereits über die viele Zwischenschritte die die Fußballtaktik in den Jahren durchlief. Man erfand die Raumdeckung und man erfand die Viererkette. Die Mannschaften die noch mit Manndeckung und Libero spielten verloren schnell den Anschluss an der internationalen Spitze und mussten ebenfalls auf diese System umstellen. Ein gewisser Schuhverkäufer Namens Arrigo Sacchi war es dann der den letzten großen Schritt im modernen Fußball machte: Er kombinierte absolut konsequent die beiden neuen Methoden der Viererkette und der Raumdeckung!
Der Italiener Sacchi war selber nie Fußballprofi. Er schaffte es auch nicht als Spieler ins Team seines Heimatortes Fusignano. Also wurde er mit 26 Jahren deren Trainer. Von dort wechselte er zu AC Florenz, wo er eine Jugendmannschaft trainierte und die erste große Herausforderung kam für ihn 1982 als er zu Rimini Calcio in die dritte italienische Liga wechselte. Dort stieg er dann mit nur 14 Gegentore auf und schaltete in der Saison 86/87 als Zweitligist den Erstligisten AC Mailand aus. Darauf hin wurde er 1987 von Mailands Präsident Silvio Berlusconi verpflichtet.
Mit AC Mailand gewann er direkt im ersten Jahr mit nur zwei Niederlagen die italienische Meisterschaft. Mailand hatte zuvor in den letzten 20 Jahren nur einen Titel geholt. In den Jahren 1989 und 1990 gewann er jeweils zweimal die Champions League, den Europäischen Supercup und den Weltpokal. 1989 wurde er zum Trainer des Jahres gewählt. 1994 wurde er als Italiens Nationaltrainer Vize-Weltmeister in den USA.
Sacchi sah sich selbst nicht als einen der auf biegen und brechen erfolgreich spielen wollte. Er wollte auch attraktiv und offensiv spielen und damit die Zuschauer unterhalten. Aus diesem Grund hat er auch ein erfolgbringendes Offensivkonzept entwickelt. Bei eigenem Ballbesitz sollten sich nach Möglichkeit fünf Spieler vor dem Ball schieben. Die beiden Außenpositionen sollten immer besetzt sein. Dies mussten aber nicht zwangsläufig die selben Spieler sein. Sacchi ließ gleich dem niederländischen Fußball Total rouchieren.
Generell ließ sich Sacchi sehr von der niederländischen Spielweise inspirieren. Gepaart mit seinen eigenen Vorstellungen kreierte er daraus eine neue Art des Fußballs. Der Libero wurde konsequent durch die Viererkette ersetzt und die Raumdeckung wurde mit ihm so durchgängig praktiziert wie nie zuvor im Fußball. Bei gegnerischem Ballbesitz mussten alle Spieler Richtung Ball schieben und selbst die Angreifer wurden nicht von Defensivaufgaben befreit. Die Abwehrkette und die Angreifer sollten maximal 25 Meter voneinander entfernt sein. Dieses extrem Ballorientierte Spiel wurde zusätzlich noch mit einem aggressivem Pressing aufgewertet. So konnte Sacchi’s Mannschaft stets ein sehr engmaschiges Netz um den ballbesitzenden Gegner aufbauen. Dieser hatte dann meist nur die Möglichkeit nach hinten zu spielen oder einen unkontrollierten Ball nach vorne zu schlagen.
Durch das extreme Ballorientierte Verschieben sparte man auch viel Kraft, weil man sich immer in Ballnähe befand und so kraftraubende Sprints zum Ballgeschehen entfielen. Doch Sacchi’s System konnte nur gelingen, wenn sich alle Spieler auf das ganze Spielgeschehen konzentrierten. Ihre Aktionen musste sie nach Berücksichtigung folgender vier Referenzpunkte ausführen:
- Wo ist der Ball?
- Wo sind die Räume?
- Wo stehen die Gegner?
- Wo stehen die Mitspieler?
Sacchi trainierte das Ballorientierte Spiel hauptsächlich noch mit Trockenübungen. 11 Spieler agierten auf dem Platz ohne Ball und Gegner. Sacchi gab die Kommandos wo sich der imaginäre Ball befindet. Zur damaligen Zeit waren diese Taktikübungen zum Verschieben absolut revolutionär! Doch heute ist diese Art des Trainings zur Viererkette im Jugendbereich nicht mehr zeitgemäß. Die Jugendlichen von heute sind empfänglicher für Lerninhalte, wenn sie dabei unterhalten werden. Deswegen sind die Übungen zur Viererkette auf unserer Seite interessant und abwechslungsreich gestaltet. Der Ball ist immer mit dabei und durch kleine Wettbewerbe wird nochmal der Anreiz das neue System zu lernen verstärkt.
Ralf Rangnick und sein Weg zur Viererkette
Ralf Rangnick kann man ohne weiteres als einen der Wegbereiter der Viererkette, bzw. der Raumdeckung in Deutschland bezeichnen. Mit einem Schlag sprach ganz Fußball-Deutschland über ihn, als er das System 1998 im ZDF-Sportstudio einem Millionenpublikum an der Taktiktafel erklärte. Also rund vier Jahre bevor die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2002 zum ersten mal mit einer Viererkette auflief. Damals gab es in der Bundesliga mit Gladbach lediglich ein Verein der die Viererkette praktizierte. Rangnicks Einladung ins Fernsehen kam am 19. Dezember 1998 aufgrund seines sportlichen Erfolgs mit SSV Ulm zustande. Er belegte damals als Aufsteiger zur Winterpause Platz 1. in der 2. Bundesliga.
1984 erfolgte Rangnicks erster Kontakt mit der Raumdeckung. Als Spielertrainer von Viktoria Backnang absolvierte er ein Testspiel gegen die mit Viererkette agierende Mannschaft von Dynamo Kiew. Ihn beeindruckte, dass die Kiewer in fast jeder Spielsituation in Überzahl waren. Das damals revolutionäre System fiel auf den Kiewer Trainer Valerij Lobanowski zurück. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Viererkette. In seinen 22 Jahren in Kiew wurde er 12x Meister, 9x Pokalsieger, zweimal gewann er den Europapokal der Pokalsieger und einmal den europäischen Supercup. Mit der sowjetischen Nationalmannschaft wurde er 1988 EM-Zweiter.
Rangnick war von der Spielart der Kiewer derart beeindruckt, dass er von nun an dieses System studierte wo es ging: Beim Trainingslager der Kiewer in Stuttgart-Ruit, wie auch bei Arrigo Sacchis, dem damaligen Trainer von AC Mailand. Was er damals lernte, erwartet er auch heute noch von seinen Hoffenheimer Spielern: Verschieben, aggressiv pressen und nach der Balleroberung nach Möglichkeit steil in die Spitzen passen.
Rangnick sieht den Trainer als einen Art Theaterregiseur. Seine Handschrift sollte auf der Bühne sichtbar sein, doch die (Schau-)Spieler müssen genügend Freiheiten besitzen Kreativität zu entwickeln. Er hält es für besonders wichtig den Gegner möglichst weit weg vom eigenen Tor zu halten und Quer, bzw. Rückpässe auf ein Minimum zu reduzieren. Er will möglichst aggressiv spielen, doch ohne zu foulen. Da sich die Spieler ständig ballorientiert verschieben, verschwendet ein geahndetes Foulspiel Energien der eigenen Mannschaft.
Die größten Erfolge Rangnicks als Trainer waren bisher die beiden Bundesliga-Aufstiege mit Hannover 96 und der TSG Hoffenheim, wie 2005 mit Schalke 04 die Vize-Meisterschaft und das Erreichen des DFB-Pokalfinale. Wohl einzigartig ist es, dass zwei von ihm betreute Vereine - Hoffenheim und Ulm - einen Durchmarsch von der Regionalliga bis in die 1. Bundesliga schafften!
1981: Die Fußballrevolution in Deutschland
Das Jahr 1981 war ein ganz besonderes für den deutschen Fußball. Es war das Jahr als Helmut Groß als erster deutscher Trainer mit einer Ballorientierten Raumdeckung spielte!
Helmut Groß war damals sehr vom System der niederländischen Nationalmannschaft unter Ernst Happel angetan. Die Niederländer waren Anfang der 80er-Jahre eine der wenigen Mannschaften der Welt die mit einer Ballorientierten Verteidigung spielten. In Deutschland gab es damals nur die Manndeckung. Die Manndeckung sah Groß jedoch als sehr unökonomisch. Die Defensivspieler musste alle Laufwege des Gegners mitmachen und dies kostete viel Kraft. Doch mittels der Ballorientierten Verteidigung mussten die Spieler weniger laufen, da die gegnerischen Spieler übergeben wurden. Die so gesparte Kraft setzte man nun für ein aggressives Pressing ein. Man setzte den Gegner früh unter Druck und zwang ihn so zu Fehlern und konnte sich dann mittels schnelles Kurzpassspiel nach Vorne viele gefährliche Torchancen erspielen.
Helmut Groß übernahm 1981 den Verbandsligisten SC Geislingen und er wollte hier etwas ganz besonderes auf der Basis des niederländischen Spiels schaffen. Ihm gefiel die Idee des Ballorientierten Verteidigens sehr, doch aus seiner Sicht brach es nicht radikal genug mit dem Alten. Er ergänzte dieses System mit der Vorgabe beim Angriff des Gegners sich so zu verschieben, dass man möglichst weit vor dem eigenen Tor eine Überzahlsituation schuf und so dem gegnerischen Spieler zu Fehlern zwang. Je weniger Zeit und Raum für den Ballbesitzenden, desto höher die Wahrscheinlichkeit dass er Fehler macht.
Nach Geislingen wechselte er zum gleichklassigen VfL Kirchheim. Kirchheim stieg mit seinem zur damaligen Zeit revolutionären Spielsystem in die Oberliga auf und wurde in den Jahren 1987-88 zweimal württembergischer Meister. Noch heute spricht man dort von dem 1:1 gegen den damaligen Europapokalsieger Dynamo Kiew. Der damalige Trainer Kiews Valeri Lobanowski war gleichzeitig Nationaltrainer Russlands und sehr überrascht darüber, dass eine unterklassige Mannschaft aus Deutschland eine ähnliche Taktik wie seine Mannschaft spielte.
Mitte der 80er-Jahre trat Groß in den Trainerlehrstab des württembergischen Fußball-Verbands und dort erarbeitete er zusammen mit Ralf Rangnick ein Lehrsystem um die Ballorientierte Raumdeckung den Jugend- und Amateurtrainern des Verbands näher zu bringen. Damit war Württemberg der erste Deutsche Fußballverband der die Grundlage zum Spiel mit der Viererkette setze!
Im Jahr 1989 wurde Groß Jugendkoordinator des VFB Stuttgarts. Dort erarbeitete er eine einheitliche Spielphilosophie, die u.a. besagte dass alle Jugendmannschaften mit der Ballorientieren Raumdeckung zu spielen hätten. In dieser Zeit fiel es auch, dass Groß Ralf Rangnick als Trainer der A-Jugend nach Stuttgart holte.
2008 war es dann umgekehrt der Fall. Ralf Rangnick hat mit der TSG Hoffenheim den Durchmarsch bis in die 1. Bundesliga geschafft und holte Helmut Groß als Scout nach Hoffenheim. Außerdem ist der ehemalige Bauingenieur dort für die Spielebeobachtung der kommenden Gegner zuständig.
Wie so oft im Leben schließt sich im Laufe der Zeit der Kreis und die Idee die einst belächelt wurde gilt als allgemein anerkannt. Nur der Mut etwas neues auszuprobieren kann weitere revolutionäre Fortschritte im Fußball bringen.
© Martin Hasenpflug
DFB-Chefscout und die Zukunft des Fußballs
Im Zuge der Weltmeisterschaft 2006 haben die beiden deutschen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw die Arbeitsstelle des DFB-Spielebeobachters geschaffen. Diese wurde an den Schweizer Urs Siegenthaler mit dem Ziel vergeben, eine Datenbank über die künftigen Gegner der deutschen Nationalmannschaft zu erstellen: Wie ist ihre Taktik? Was sind ihre Stärken und Schwächen? Wie sind sie zu schlagen?
Urs Siegenthaler erklärte nun in einem Interview mit dem Onlinemagazin Spox.com, dass er die Entwicklung im Fußball lange noch nicht als beendet sieht. In den letzten 20 Jahren hat man unheimlich große Verbesserungen in sämtlichen Bereichen erreicht. Es sei aber durchaus noch Potential zu weiteren Optimierungen. Wie schnell neue Trends durch einen erfolgreichen Vorreiter geschaffen werden kann, zeige das Beispiel der drei Stürmer von FC Barcelona. “Und plötzlich ruft die ganze Welt nach drei Stürmern”, sagt Siegenthaler. Doch ein einfaches kopieren bestehender Konzepte führe zu keinen Innovationen. Man sollte einfach über den eigenen Tellerrand schauen und an seinen individuellen Bedürfnissen angepasst was Neues schaffen. Vielleicht wird es eines Tages das Nonplusultra sein mit vier Stürmern zu spielen, meint Siegenthaler. Neue Ideen ließen sich am besten im Jugendfußball umsetzen, da die Spieler dort noch keine festen Schablonen im Kopf haben, wie man Fußballspielen zu hat.
Eines der wichtigsten Themen momentan im Fußball sei die Kreativität im Spiel der Mannschaften. Deren Umfang ist ein ausschlaggebender Punkt der heute über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Siegenthaler sieht im Schaffen von Kreativität einen neuen Schwerpunkt bei der Ausbildung von Fußballspielern. Um jedoch Kreativität zu schaffen ist eine feste Ordnung nötig. Nur auf dem Fundament von festen Regeln, Disziplin, Aufgabenzuordnung und eingeschliffenen Automatismen kann der Spieler kreativ werden. Kreativität im Fußball kann nicht entstehen, wenn der Spieler sich noch mit grundsätzlichen Fragen bewusst auseinander setzen muss.
Urs Siegenthaler war von 1987 bis 1990 beim FC Basel als Trainer aktiv. Im Anschluss wurde er Trainerausbilder des Schweizerischen Fussballverbandes. Bereits Anfang der 90er-Jahre verfügte die Schweiz über ein Ausbildungskonzept, welches eine einheitliche Spielphilosophie in den Jugendmannschaften und eine verbesserte Ausbildung der Jugendtrainer vorsah. Als die deutsche Nationalmannschaft noch mit dem gealterten Lothar Matthäus als Libero bei der WM 1994 in der USA antrat und gegen Bulgarien ausschied, gab man den Schweizer Jugendtrainern bereits das Spielen mit Raumdeckung und Viererkette vor.
Der Trainer vom VFL Bochum Marcel Koller erklärt die innovativen Ausbildungsmethoden der Schweiz so, dass man immer ein Ausbildungsland gewesen sei. Man konnte und kann sich keine teuren Spieler aus dem Ausland leisten und deshalb setzte man schon früh einen großen Augenmerk auf die Ausbildung eigener Talente. Joachim Löw der selbst in der Schweiz spielte und trainierte war von den Ideen Urs Siegenthalers so angetan, dass er ihn später zum DFB holte.
© Martin Hasenpflug




