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Jan 03 2013

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Das geniale Spiel des FC Barcelonas

In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf die Spielweise des FC Barcelonas und gehen auf Merkmale ein, die besonders für ein Jugend- und Amateurtrainer von Interesse sein könnten. Der FC Barcelona ist auch in der aktuellen Saison das Maß aller Dinge. Unter ihrem neuen Trainer Tito Vilanova haben sie in den ersten 17 Meisterschaftsspielen rekordverdächtige 16 Begegnungen gewonnen und nur einmal Unentschieden gespielt.

Einige Charakteristiken des Spiels vom FC Barcelona sind bekannt: Schnelles Kurzpassspiel, Ballsicherheit auf engstem Raum und viel Ballbesitz. Neben dem sehr hohen Ballbesitzanteil (70% in der Meisterschaft) kommen auch noch 90% erfolgreich gespielte Pässe je Begegnung dazu. Dies allein kann nicht nur durch hohe Ballsicherheit erreicht werden, sondern resultieren auch aus einer Vermeidung von zu risikoreichen Aktionen. Trotzdem werden Rückpässe nur im Notfall gespielt. Es ist immer das Ziel den Ball nach vorne zu passen.

Ein weiterer Grund für den hohen Ballbesitzanteil ist auch der fast hundertprozentige Verzicht auf Flanken in den Strafraum. Stattdessen zirkuliert der Ball in den eigenen Reihen und die Hereingaben von außen erfolgen als flache Pässe. Bei der Körpergröße der Katalanen macht dies auch Sinn. Neben Busquets und den Innenverteidigern (Körpergröße Puyol: 178 cm) sind die meisten anderen Feldspieler um die 170 cm klein.

Hohe Bälle (Flugbälle) werden trotzdem regelmäßig gespielt. Hauptsächlich aber nur zur Spielverlagerung, da es hier nicht zu Luftduellen kommt. Kopfbälle sieht man dementsprechend selten in der katalanischen Offensive. Für die Defensivspieler ist der Kopfball dagegen sehr wichtig. Barcelonas Gegner agieren oft mit hohen Bällen. So muss, neben dem Kurzpassspiel, auch der Flugball trainiert werden, die Ballan- und mitnahme hoher Bälle und der Defensivkopfball.

Es ist anzunehmen, dass die extreme Ballsicherheit Barcelonas auf ein entsprechendes Training zurückzuführen ist. Dies ist unserer Meinung nur in dieser Qualität möglich, wenn einige andere Trainingselemente gestrichen bzw. stark reduziert werden. Wofür Flügelspiel mit Flanken und den Offensivkopfball trainieren, wenn dieser im Spiel nicht stattfindet? Aber es gibt noch weitere Elemente die für den FC Barcelona keine Rollen spielen; z. B. das Hinterlaufen, Vorlaufen (Linienpässe, Longline-Spiel), Doppelpass, Kreuzen und das Offensive 1-gegen-1. Wir glauben sogar, dass das Pressing, aufgrund des hohen Ballbesitzanteils und den vielen langen Bällen der Gegner, nur in einem kleinen Umfang trainiert wird.

Gruppentaktische Angriffsmittel im Sinne der DFB-Ausbildung finden also selten Anwendung. Ausnahme bildet hier das Andribbeln (Blankspielen). Sobald ein 6er oder ein Außenstürmer hinter der gegnerischen „Mittelfeldspielerlinie“ in Ballbesitz kommt, wird von ihm der gegnerische Außenverteidiger angedribbelt und somit der eigene Außenverteidiger blank gespielt. Nach dem Pass zum Außenverteidiger, zieht der Passgeber nach innen zum Verwerten der Hereingabe.

Barcelona spielt in einer 4-3-3-Grundformation (bisher einmal in der Liga 3-4-3). Die Außenverteidiger sind offensiver ausgerichtet als die Mittelfeldspieler. Man könnte sogar von einer 2-3-2-3-Grundformation sprechen. Spieler aus dem Mittelfeld sichern die Angriffe ab und die Außenverteidiger sind in den Angriffen ohne Rücksicherungsgedanke involviert.

Links: Spielaufbau / Rechts: Pressing

Links: Spielaufbau / Rechts: Pressing

Der Spielaufbau gestaltet sich bei Barcelona wie folgt; der zentrale 6er lässt sich zwischen den beiden Innenverteidigern fallen und diese drei Spieler fächern auf Strafraumbreite auf. Die Außenverteidiger bilden mit den übrigen zwei 6ern eine grobe Linie in der gegnerischen Hälfte und bieten sich dort für die drei spielaufbauenden Spieler an. Die beiden hohen 6er stehen gestaffelt: Ballnaher 6er steht höher als der ballferne 6er. Die Außenstürmer stehen außen bei den Außenverteidigern und die Sturmspitze (Messi) nicht bei den Innenverteidigern, sondern zentral an der „Mittelfeldspielerlinie“ des Gegners. So vermeidet der kleine Messi direkte Duelle mit den großen und starken Innenverteidigern und kann so gut in der sogenannten Red-Zone (zentraler Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld) angespielt werden.

Beim Spielaufbau achten alle Spieler extrem auf eine offene Stellung zum Ball und ihre Bewegung ist auch vollkommen darauf ausgerichtet. Eröffnet der 6er zwischen den Innenverteidigern das Spiel, so stehen die beiden hohen 6er, die Innenverteidiger und auch die Außenverteidiger halboffen nach innen gedreht. Die beiden Außenstürmer drehen sich noch weiter nach innen auf (90 Grad). So sind alle Spieler in der Lage den Ball schnell in Spielrichtung mitzunehmen oder weiterzuleiten. Sie können den Ball so auch perfekt vorm Gegner abschirmen und haben auch ein größeres Blickfeld. Mit der Ballannahme unter Gegnerdruck ist fast immer eine Körperfinte (Auftaktbewegung) verbunden.

Links: Andribbeln des gegnerischen Außenverteidigers / Rechts: Rautenspiel am Flügel

Links: Andribbeln des gegnerischen Außenverteidigers / Rechts: Rautenspiel am Flügel

Da viele Gegner sehr kompakt gegen Barcelona spielen, ist das beliebte Kombinationsspiel durchs Zentrum sehr schwer umzusetzen. So muss der Umweg über außen gewählt werden. Neben ständigen Spielverlagerungen praktiziert man dabei ein Rautenspiel am Flügel. Der Innenverteidiger spielt zu einem hohen 6er und dieser leitet den Ball zum Außenverteidiger weiter. Diese drei Spieler bilden eine diagonale Linie (siehe Zeichnung). Nun schiebt der zweite hohe 6er Richtung Ball. Zusammen mit dem ballnahen Außenstürmer entsteht eine Raute am Flügel. In der Raute besitzt man nun unzählige Möglichkeiten der Passkombination. Dies versucht man sich für ein Vorstoss Richtung Tor zu Nutze zu machen.

Es wurde schon kurz erwähnt, dass Barcelona aufgrund des hohen Anteil an Ballbesitz kaum Pressing spielen muss / kann. Müssen sie es doch, so bilden die drei Stürmer ein Dreieck. Hinter den beiden Schnittstellen der Stürmer bewegt sich jeweils ein 6er. Der zentrale 6er agiert im Raum dahinter. Die Abwehrkette schiebt hoch zur Erhöhung der Kompaktheit. Die ballführenden Verteidiger werden von den Stürmern im Bogen von innen nach außen angelaufen. So wird ein Pass nach außen provoziert und Barcelona hat für die Balleroberung, neben der „helfenden“ Seitenlinie, auch noch eine Überzahlsituation.

Beim Ausführen und Verteidigen von Freistößen konnten wir bei Barcelona keine großen Besonderheiten beobachten. Eckbälle werden aus einer Mischung von Raum- und Manndeckung verteidigt. Die hineinlaufenden Gegner werden manngedeckt, zentral vor dem Tor wird raumgedeckt und der Rückraum im Strafraum wird mit zwei Spielern besetzt. Einer davon steht zentral und der Zweite ballnah. So kann dieser bei einer kurz ausgeführten Ecke eingreifen. An den beiden Torpfosten steht kein Spieler.

Links: Eckball ausführen / Rechts: Offene Stellung beim Spielaufbau

Links: Eckball ausführen / Rechts: Offene Stellung beim Spielaufbau

Zugesprochene Eckbälle versucht man in der Regel zentral vor das Tor zu bringen. Ein Spieler zentral auf der Torraumlinie versucht diesen Zielbereich zu blocken (vor dem gegnerischen Torwart). Zwei Spieler die in diesem Zielbereich stehen, öffnen ihn, indem sie aus ihn heraus in den Raum vor und hinter dem „blockenden Spieler“ starten. Ein großgewachsener Spieler startet nun in den Zielbereich und versucht die Ecke ins Tor zu verwerten. Zwei Spieler stehen noch im Rückraum und zwei Spieler sichern ab. Diese vier Spieler sind leicht Richtung Eckball positioniert. Ein weiterer Spieler steht noch nahe der Ecke auf der Strafraumlinie und entscheidet selbst, ob er für eine kurz ausgeführte Ecke dem Eckschützen entgegen kommt oder bei der Hereingabe der Ecke ebenfalls in den Zielbereich läuft.

Das Spiel von Barcelona mit seinem hohen Ballbesitzanteil wirkt sehr dominierend. Ermöglicht wird dies über die stets vorhanden Anspielstationen. Um immer genügend davon zu haben, schieben die Mitspieler deutlich Richtung Ball. Bei Ballbesitz im letzten Drittel des Spielfelds, befinden sich in der Regel acht Mitspieler in diesem Bereich. Sagenhafte 31% des Spiels lässt man den Ball, unter massiven Gegnerdruck, im diesem letzten Drittel des Felds zirkulieren.

Wird der Ball in der Offensive verloren, versucht man diesen direkt zurückzugewinnen. Der ballführende Gegner wird dazu überfallartig attackiert. Der ballnahste Spieler versucht ein Aufdrehen zu verhindern und zwei weitere Spieler postieren sich gestaffelt dahinter (Bildung eines Dreiecks). Weitere Spieler schieben nach. Auch hier macht sich jetzt die hohe Anzahl der eigenen Spieler in Ballnähe positiv bemerkbar.

Barcelonas Außenstürmer beteiligen sich intensiv an der Balleroberung und lassen sich dafür weit in die eigene Hälfte fallen. Nach Möglichkeit postieren sie sich dazu auch hinterm Ball. Es wird sehr fair verteidigt. Je Spiel begeht Barcelona durchschnittlich nur 13 Fouls in der Defensive.

Der FC Barcelona zeichnet sich als ein homogenes Team auf höchstem Niveau aus. Jeder Spieler kennt seine Aufgabe und erledigt diese unabhängig seines Statuses. Die Einheit des Teams zeigt sich darin, dass nie ein Fehlpass oder ein nicht zugespielter Ball mit einem negativen Kommentar oder einer herabwertenden Geste begleitet wird. Die volle Konzentration gilt immer dem Kollektiv und der kommenden Aufgabe!

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