«

»

Jun 14 2013

Beitrag drucken

Perfektes taktisches Verhalten eines Innenverteidigers

Das Spielverhalten der Innenverteidiger ist ausschlaggebend für den Spielstil und den Erfolg einer Mannschaft. Als hinterste Spieler des Mannschaftsverbands, müssen sie nicht nur Torchancen vereiteln, sondern bestimmen auch durch ihr Spiel die Qualität des Spielaufbaus und des Pressings. Durch nachschieben und coachen liegt es in ihrer Hand, ob das Team geschlossen gegen den Ball spielt oder nicht.

Innenverteidiger in der Abwehrkette

Oben: Der Ball ist am Flügel. Die Abwehrspieler schieben nach aussen und bilden eine Abwehrsichel. Gegen zwei Stürmer bleiben beide IV im Zentrum. Die ballnächsten Spieler helfen AV beim doppeln. Unten: Die Abwehrspieler bilden u. a. nach einem Pass vor den IV ein Abwehrdreieck. In der Abbildung sind schlecht gestaffelte 6er zu sehen. Sie schaffen es nicht einen Pass aus dem Halbfeld ins Zentrum zuzustellen.

Es ist enorm wichtig, dass die Innenverteidiger stets einen geringen Abstand zum Mittelfeld halten. Nur so ist ein kompakter Mannschaftsverband gewährleistet! Alle Spieler haben kurze Wege den Gegner zu attackieren. Es gibt aber auch Ausnahmefälle in denen die Innenverteidiger den Abstand zum Mittelfeld zunächst durch ein Zurückweichen erhöhen müssen. Diese sind gegeben, wenn ein Gegner frontal auf die Abwehrkette zudribbelt und wenn ein Gegner sich den Ball leicht vorlegt, um einen Flugball über die Abwehr zu spielen.

Die Innenverteidiger (IV) haben eine besondere Verantwortung gegenüber den Außenverteidigern (AV). Sie sollen diese so coachen, dass sie sich in die Offensive einschalten, beim Pressing die Abwehrkette verlassen und dadurch Anspielstationen im Mittelfeld zustellen. Passt ein IV zu einem AV, schiebt dieser sofort nach und bietet sich diagonal hinter dem AV für einen Rückpass an.

Spielaufbau

Beim Spielaufbau, also wenn der eigene Torwart in Ballbesitz ist, bieten sich beide IV auf Strafraumbreite dem Torwart für ein Zuspiel an. Es gibt auch Spielaufbauvarianten in denen sich die IV jeweils neben dem Strafraum stellen und dort ein Zuspiel vom Torwart erwarten. Wichtig ist, dass sich die IV in einer offenen Stellung zum Torwart und Spiel befinden. Also so gedreht, dass sie halb Richtung Torwart und halb Richtung gegnerisches Tor stehen.

Nachdem ein IV den Ball zugespielt bekommt, verkürzt er zunächst mit einem Dribbling den Abstand zum gegnerischen Mannschaftsverband. Der zweite IV bietet sich stets für eine Spielverlagerung an. Die IV bauen das Spiel im Idealfall über das Zentrum auf. Dazu suchen Sie primär Anspielstationen in der Tiefe und coachen dann ihre Zuspiele mit „Klatsch“ und „Dreh“. Diese vertikalen Pässe müssen möglichst flach (schnelle Verarbeitung für den Passempfänger) und mit maximalem Druck in die offene Stellung (hinterer Fuß) des zentralen Spielers gepasst werden.

Bietet sich dem IV ein AV oder der zweite IV für ein Zuspiel an und dieser hat einen freien Raum vor sich, so soll der Ball leicht in den Lauf des jeweiligen Spielers gepasst werden. Spielverlagerungen sollen möglichst schnell erfolgen, also mit wenig Ballkontakten. Je schneller man eine Spielverlagerung absolviert, desto mehr freier Raum steht auf der neuen Ballseite zur Verfügung.

Verschieben im Mannschaftsverband

Bei Pässen des Gegners verschieben die IV zusammen mit ihren Mitspielern immer so, dass sich stets ein kompakter Mannschaftsverband zwischen Ball und eigenem Tor befindet. Die beiden IV stehen nicht nur bei zentraler Ballposition auf einer Höhe, sondern auch bei einer äußeren Ballposition. Würde der ballferne IV bei einer äußeren Ballposition tiefer als der ballnahe IV stehen, so würde der Mannschaftsverband an Kompaktheit verlieren. Außerdem könnte ein ST, der vom ballfernen IV gedeckt ist, die tiefere Position nutzen, um einen Pass entlang der Linie zu erlaufen. In der Trainersprache spricht man hier von einer gefährlichen „doppelten Tiefenstaffelung“. Doppelte Tiefenstaffelung deshalb, da sich der ballnahe IV bereits in einer Tiefenstaffelung zum ballnahen AV befindet.

Ziel des vorderen Mannschaftsverbands ist es den Gegner stets unter Druck zu setzen. Nur so können Flugbälle in den freien Raum hinter der Abwehr unterbunden werden. Solange die gegnerischen Spieler unter Druck sind, halten die IV zusammen mit den AV die Höhe. Der Gegner kann unter Druck maximal einen flachen Pass zu einem Mitspieler vor den IV spielen. Dadurch, dass die IV die Höhe gehalten haben, kann der ballnahe IV in diesem Fall heraustreten und den Passempfänger mit dem Rücken zum Spiel stellen.

Steht der ballführende Gegner dagegen für einen Moment nicht unter Druck und legt sich den Ball leicht für einen Flugball hinter der Abwehr vor, so lassen sich die IV rechtzeitig um einige Meter nach hinten fallen. So werden sie nicht überspielt und können aus der Vorwärtsbewegung heraus den Ball verteidigen. Der zum Kopfball gehende IV wird im Dreieck von den benachbarten Spielpositionen abgesichert. Erfolgt trotz Möglichkeit kein Flugball, so schieben die IV mit den AV wieder vor. Durch dieses Vorschieben schaffen sie wieder einen kompakten Mannschaftsverband. Erfolgt ein Flugball über den AV, so müssen sich die beiden IV zusammen mit dem ballfernen AV schräg nach hinten fallen lassen. Beim Vorrücken des AV ist es immer die Aufgabe des ballnahen IV den Raum in seinem Rücken zu kontrollieren.

Kommt es zu einem Ballverlust bei den Sechsern oder die Sechser werden ausgespielt, dribbelt der Gegner in der Regel frontal auf eine vorgerückte Abwehrkette zu. In diesem Fall weichen die Abwehrspieler bis 22 Meter vor dem Tor zurück. Beim Zurückweichen rücken sie nach innen ein (Schnittstellen verengen). Durch dieses Verhalten verlangsamen sie den Angriff und die nachrückende Mittelfeldspieler können nachsetzen. Ab 22 Meter vor dem Tor tritt der ballnahste Abwehrspieler aus der Abwehrkette heraus, um einen Torschuss zu verhindern.

Spielt der Gegner innerhalb des eigenen Mannschaftsverbands ungenaue Rückpässe, schieben alle Spieler massiv zum Ball und üben Druck aus. Ungenaue Rückpässe müssen erst erlaufen und kontrolliert werden. Durch dieses Vorschieben der IV, mitsamt ihren Mitspielern, wird der Raum für den Gegner enorm verengt. Er kann dann weder einen Flugball spielen, noch ungestört zu einem Mitspieler passen. Im Idealfall kann man hier sogar den Gegner mit dem Rücken zum Spiel stellen und eine aktive Balleroberung einleiten.

Wann immer sich der Gegner aus einer Umklammerung (Pressing) löst und das Spiel schnell in den Lauf des ballfernen AV verlagert, müssen sich die IV zusammen mit ihren Mitspielern diagonal nach hinten fallen lassen. Auf dieser Art sind alle Passmöglichkeiten in die Tiefe zugestellt und man provoziert Dribblings des Gegners. Würde man bei dieser schnellen Spielverlagerung nur seitlich verschieben, so könnte man den eigenen Mannschaftsverband, aufgrund der weiten Distanz, nicht kompakt hinterm Ball bringen.

Ein oder zwei gegnerische ST?

Die IV müssen vor dem Spiel wissen, ob der Gegner mit ein oder zwei ST agieren. Bei einem gegnerischen ST helfen die IV den AV auf der Außenbahn beim Doppeln. Bei zwei ST bleiben beide IV im Zentrum und decken die ST. In diesem Fall wird der AV vom 6er (Zuspiel von außen) oder Mittelfeldaußen (Zuspiel aus dem Zentrum) beim Doppeln unterstützt. Wichtig ist, dass der ballnahe IV nie im Zwischenraum zwischen AV und ballfernen IV steht und somit weder das eine noch das andere tut. Begünstigt wird das Doppeln des IV mit dem AV, wenn das gegnerische Zuspiel von außen kommt und der Mannschaftsverband deshalb schon zur Seite verschoben hat.
Für ein erfolgreiches Doppeln des IV mit dem AV postiert sich der ballnahe IV diagonal hinter dem ballnahen AV. Der AV bestimmt durch seine seitliche Stellung die Durchbruchsrichtung des gegnerischen Außenspielers. Sobald sich dieser den Ball am AV vorbei legt, tritt der IV heraus und erobert den Ball.

Ist der Ball auf der Außenbahn und der Gegner agiert mit zwei ST, so sind beide ST von den IV gedeckt. Der ballnahe IV deckt den ST nicht zu eng (2-3 Meter entfernt) und befindet sich ballnah hinter ihm. So hat IV die Chance ein Zuspiel zum ST abzufangen, wie auch einen Pass entlang der Linie zu ihm abzulaufen. Startet der ballnahe ST dem Ballführenden entgegen, wird er vom IV verfolgt. Überschreitet ST jedoch die gedachte Linie zwischen Ball und Tor, so wechselt der IV im Rücken des ST von der ballnahen zur tornahe Seite. So kann sich der ST nach einem Zuspiel nicht direkt in Torrichtung aufdrehen.

Gelingt es einem gegnerischen Außenbahnspieler den Ball vor das Tor zu flanken, so sollen sich die IV frühzeitig 2-3 Meter nach hinten vom Gegner absetzen, leicht Richtung Ball stehen und dann frontal in die Hereingabe gehen. Den Ball sollen sie idealerweise zu einem freien Mitspieler klären.

Balleroberung

Bei gegnerischen Angriffen liegt es in der Natur der Sache, dass die IV die ST decken. Die ST werden in der Regel versuchen maximal hoch zu stehen, um einen Pass hinter der Abwehr eher erlaufen zu können als die IV. Beim Decken der ST gibt es für die IV jedoch einiges für eine bestmögliche Ausgangssituation zu beachten. So stellen sie sich zunächst ballnah hinter ihnen. Die IV müssen freie Sicht zum Ball haben. Der ballnahe IV steht immer auf der Seite Richtung AV, um auch einen Pass in die Schnittstelle abfangen zu können. Der ballferne IV steht dagegen Richtung ballnahen IV. So wird ein Pass in die Schnittstelle der beiden IV verhindert und ein Pass zentral vor der Abwehr kann abgefangen, bzw. rechtzeitig bekämpft werden.

Löst sich ein ST vom IV, um aus dem Zentrum ein Zuspiel zu erhalten, sollte der IV zunächst nicht mitgehen. In diesem Fall entstünde nämlich ein freier Raum im Rücken des mitgehenden IV. In diesem Raum könnte nun der zweite ST zu einem Pass hineinstarten. Besser kann man diese Spielsituation lösen, indem der IV erst herausrücken, wenn der Pass tatsächlich zum ST und nicht in den Raum erfolgt. Dann nämlich kann der IV aus der Abwehrkette heraustreten und versuchen ST mit dem Rücken zum Spiel zu stellen. Der Sechser geht auf den Ball und erzwingt ein Aufdrehen. Folge: Ballgewinn!

Den Pass zum ST versucht der deckende IV abzufangen. Sobald er aber erkennt, dass dies nicht gelingt, bricht er den Versuch der Balleroberung ab und postiert sich wieder im Rücken des ST. Jetzt bleibt IV so dicht am ST dran (etwa eine Armlänge), dass er den Ball gewinnt, sobald ST aufdreht. Beim Aufdrehen ist der Ball immer für einen Moment frei und diesen Moment nutzt man für die Balleroberung. Ein Aufdrehen des ST kann provoziert werden, indem ein Mitspieler (z. B. Sechser) nachsetzt und den Ball attackiert.

Wird der angespielte ST mit dem Rücken zum Spiel gestellt, so schaffen die benachbarten Spielpositionen (IV und AV) nur eine geringe Tiefenstaffelung. Dribbelt der ST dann zur Seite weg, so wird er vom IV begleitet und der nahe Abwehrspieler auf der benachbarten Spielposition schneidet seinen Laufweg. Kann sich der ST dagegen mit dem Zuspiel Richtung Tor aufdrehen, rückt auch hier der ballnahe IV vor, aber die benachbarten Spielpositionen schaffen eine größere Tiefenstaffelung. Der IV lenkt dann ST durch eine seitliche Stellung entweder auf dessen schwachen Seite (meistens nicht der Dribbelfuß) oder auf seine eigene starke Abwehrseite. Beim Durchbruchsversuch dann aktiv auf den Ball gehen.

Kontersituationen

Erobert der Gegner bei einem Angriff den Ball, so kann dieser einen schnellen Konter einleiten. Je nachdem wieviel Spieler sich in den Angriff eingeschaltet haben, verteidigt man mit oder ohne AV. Sind auch die Sechser überspielt, so muss der Konter zunächst verzögert werden, um Zeit für nachrückende Mittelfeldspieler zu gewinnen. Dies geschieht durch das Zurückweichen auf den sicheren Abstand von 22 Meter vor dem Tor. Mittelfeldspieler setzen nach und versuchen den Ball von hinten zu „klauen“. Dies ist recht erfolgversprechend, da der Dribbler den Fokus auf die vorderen Spieler legt. Durch das Zurückweichen verhindert man zusätzlich einen Pass in den Rücken der Abwehr.

Im extremsten Fall haben sich beide AV in den Angriff eingeschaltet und die beiden IV müssen den Konter alleine unterbinden. Dribbelt nur ein Angreifer auf die IV zu, bilden die IV beim Zurückweichen eine Tiefenstaffelung. Dies bedeutet, dass der vordere IV den aktiven Part übernimmt und der hintere IV abwartend agiert. Der vordere IV versucht den Dribbler durch eine seitliche Stellung auf den hinteren IV zu lenken. Sobald der Angreifer den Ball am vorderen IV vorbei legt, tritt der hintere IV heraus und erobert den Ball. Dazu darf der hintere IV nicht zu weit wegstehen.

Kontert der Gegner dagegen mit zwei Angreifern, so bilden die IV während des Zurückweichens erneut eine Tiefenstaffelung. Der ballnahe IV stellt den ballführenden Angreifer so in seitlicher Stellung, dass er nur nach außen durchbrechen kann. Der ballferne IV sichert innen ab. Er steht gerade so tief, dass kein Pass in die Tiefe zum zweiten Angreifer möglich ist, aber auch so hoch, dass er den zweiten Angreifer nach einem Querpass stellen kann. Erfolgt der Querpass, rückt der tiefere Spieler zum Passempfänger und der nun ballferne IV lässt sich diagonal hinten dem nun ballnahen IV fallen. Es ergibt sich die gleiche Tiefenstaffelung wie zuvor. Irgendwann bleibt den Angreifern nur noch die Möglichkeit außen an einem IV vorbei zu dribbeln. Sobald der ballführende Angreifer dazu ansetzt, drängt der ballnahe IV den Dribbler nach außen ab und im Idealfall kann er seinen Körper zwischen Gegner und Ball schieben.

Die Tiefenstaffelung der IV soll beim Verteidiger zu Zweit nicht zu groß werden, sonst kann nach einem Querpass nicht sofort Druck auf den Passempfänger ausgeübt werden. Hinzu kommt, dass es dann auch nicht möglich ist einen zu schwach gespielten Querpass abzufangen. Die Tiefenstaffelung darf dagegen auch nicht zu niedrig sein (gleiche Höhe), weil sich sonst ein Passweg in die Tiefe öffnet.

Müssen die beiden IV sogar ein Konter gegen drei Angreifer verteidigen, so bleiben sie während des Zurückweichens, bei zentraler Ballposition, auf einer Höhe. Sie befinden sich dann links und rechts vom Ballführenden. Bei äußerer Ballposition orientiert sich der nahe IV zum ballführenden Angreifer. Dabei läuft er in seitlicher Stellung, um einen Durchbruch nach außen, in einen weniger torgefährlichen Bereich, zu provozieren. Der ballferne IV sichert den ballnahen IV in einer leichten Tiefenstaffelung ab. Dieser darf nicht zu tief und nicht zu hoch stehen, sonst kann er nach einem Querpass des Angreifers den Passempfänger nicht rechtzeitig wieder unter Druck setzen. Auch sollte dieser nicht zu weit weg vom ballnahen IV stehen, sonst kann der mittlere Spieler, nach einem Zuspiel, zwischen den beiden IV Richtung Tor durchbrechen. Versucht nun ein Angreifer außen durchzubrechen, haben die IV aus einer Unterzahl-, eine Gleichzahlsituation hergestellt.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.abwehrkette.de/taktik-innenverteidiger/

2 Kommentare

  1. Michael

    Guter Artikel. Stimme vollständig deinen Ausführungen zu. Noch besser wäre es, wenn Skizzen die Situationen veranschaulichen würden.

  2. Moritz

    Gibts so einen Artikel auch für die anderen Positionen 6er/10er etc.?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>