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Feb 08 2011

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Durch perfektes Stellungsspiel des Torwarts die Gegentore halbieren

Die Torhüterausbildung in Deutschland und in anderen Ländern wird oft vernachlässigt. Zu diesem Ergebnis kam der DFB bei ihrer WM-Analyse. Laut dem Verbandssportlehrer des FVN Gerd Bode kann man rund die Hälfte aller gefallenen Tore (22) im Achtelfinale der WM 2010 auf ein fehlerhaftes Torhüter-Verhalten zurückführen. Also dem Umstand dass der Torwart an der falschen Position zwischen Tor und Schütze stand, er eine fehlerhafte Torwartbereitschaftshaltung einnahm oder er falsch dem Schützen entgegenstartete.

Im folgenden Artikel möchten wir zeigen, wie sich der Torwart perfekt zum Angreifer stellt. Wie er mit der Kenntnis einiger Kniffe den zu verteidigenden Torbereich auf ein Bruchteil der eigentliche Torgröße verringern kann. Die Möglichkeit seine Gegentore im Idealfall durch ein besseres Stellungsspiel des Torwarts zu halbieren, sollte für jeden Trainer Motivation sein diesen Artikel aufmerksam zu lesen und darauf aufbauend sein Torwarttraining gestalten.

Vorab gilt es zu wissen, dass statistisch gesehen die meisten Tore im Fußball aus dem Strafraum heraus fallen. Man spricht hier von einer Nahdistanz und hier werden auch im Stellungssiel der Torhüter die meisten Fehler gemacht. Um nun Schritt für Schritt das Torhüterverhalten zu verbessern, analysiert man zum einen die möglichen Aktionen des Angreifers und zum anderen die Position des Angreifers zum Tor und den dadurch variierenden Einschusswinkel.

Standzone, Kippzone und Abdruckzone im Strafraum

Standzone, Kippzone und Abdruckzone im Strafraum

Es gibt drei grundsätzliche Aktionen des Angreifers gegenüber dem Torwart: Torschuss, Dribbling, Angreifer erläuft Steilpass und dann Torschuss oder Dribbling. Daneben gibt es noch wenige Sonderfälle, wie Kopfball oder Querpässe, die wir aber auch in diesem Artikel behandeln. Um das Stellungsspiel des Torwarts ideal auf die Position des Angreifers mit Ball abzustimmen, wird der Strafraum in drei Zonen unterteilt: zwei Außenzonen, eine zentrale Zone und zwei Zonen die zwischen diesen beiden liegen.

Nun gilt es dem Torwart zu vermitteln, wie er sich in jeder dieser drei Zonen, bei den drei möglichen Aktionen des Angreifers zu verhalten hat. Daraus resultieren also insgesamt neun verschiedene Verhaltensregeln für den Torwart. Grundvorraussetzung, um in allen diesen neun möglichen Situationen bestmöglich reagieren zu können ist eine korrekte Torwartbereitschaftshaltung. Diese sieht wie folgt aus: Beine auf schulterbreite spreizen, Gewicht auf den Fußballen verlagern, Körperschwerpunkt nach vorne setzen, Handflächen zeigen nach Innen und die Ellbogen nach außen, Blick auf den Ball und vor dem Sprung keine aufwendigen Auftaktbewegungen ausführen. Absolut wichtig ist es, diese Torwarthaltung bei jedem Torschuss einzunehmen. Selbst wenn man sich in Bewegung befindet, sollte man zusehen, dass man rechtzeitig vor dem Schuss in dieser Stellung zum stehen kommt.

Die zwei genannten Außenzonen werden als Standzonen bezeichnet. Sollte der Angreifer in Nahdistanz aus dieser Zone zum Schuss kommen, sollte der Torwart unbedingt stehen bleiben, sich „groß“ machen (aufrechte Haltung, Kniee aber weiterhin leicht gebeugt) und den Ball im Stand mit den Händen oder Füßen abwehren. Ein Stehenbleiben in dieser Situation reicht vollkommen aus, weil der Torwart in diesem Fall lediglich ca. 2,5 Meter des Tors blocken muss. Würde er sich hier fallen lassen, würde er Torbereiche für den Angreifer zum Torschuss öffnen.

Die mittlere Zone wird als Abdruckzone bezeichnet. Bei einer Nahdistanz (Strafraum) des Angreifers ist es für den Torwart nur in dieser Zone nötig zum Ball abzuspringen. Durch ein Vorrücken bis auf die Torraumlinie kann er den Einschusswinkel für den Angreifer so sehr verkleinern, dass er eigentlich jeden Ball ohne Ausführung eines Zwischenschrittes parieren kann.

Die erwähnte Zone zwischen der Standzonen und der Abdruckzone wird als Kippzone bezeichnet. Und zwar deshalb, weil bei einem korrekten Stellungsspiel des Torwarts, eigentlich jeder Ball aus dieser Zone durch ein abkippen pariert werden kann. Es ist hier also nicht nötig zum Ball abzuspringen! Rückt der Torwart nämlich Richtung Angreifer bis kurz vor der Torraumlinie vor, so muss er lediglich ca. 3,5 Meter des Tors blocken. Diese effektive Torbreite kann durch seitliches abkippen in beide Richtungen locker abgedeckt werden. Die Kippzone reicht innen von einer gedachten Linie der Tormitte bis über das Torraumeck hinaus und außen von einer gedachten Linie zwischen Tormitte und dem ersten Schnittpunkt Strafraum / Torkreis.

Folgend nun eine Auflistung der Empfehlungen, die man für das Torhüterverhalten in den möglichen Spielsituationen plus Sonderfällen geben kann:

  1. Standzone – Torschuss: Ca. 4 Meter von der Tormitte Richtung Angreifer stehen bleiben und „groß“ machen. Hände auf Beckenhöhe.
  2. Standzone – Dribbling: Nicht entgegenstarten! Je näher der Angreifer kommt, desto tiefer die Hände halten und die Handflächen nach vorne drehen.
  3. Standzone – Steilpass: Gleiches Verhalten wie zuvor. Nur den Torraum verlassen, wenn man sich sicher ist den Ball zu erreichen.
  4. Kippzone – Torschuss: Wie bei Standzone – Torschuss. Auf keine Ecke spekulieren, sondern solange stehen bleiben bis der Torschuss erfolgt.
  5. Kippzone – Dribbling: Dem Angreifer in kleinen und schnellen Schritten bis auf 3 Meter entgegenstarten. Jederzeit bereit sein, um in die Torwartbereitschaftshaltung zu gehen. Dann je nach Angreiferverhalten das Tempo aufnehmen oder zum Ball hechten.
  6. Kippzone – Steilpass: Gleiches Verhalten wie zuvor. Sonderfall: Wird von der Standzone in die Kippzone gepasst, begibt sich der Torwart in Sidesteps Richtung Tormitte. Bei Pässen aus der Abdruckzone in die Kippzone, sollte der Torwart darauf achten, schnellstmöglich auf die neue Position und in die Torwartbereitschaftshaltung zu kommen. So kann er nicht mit einem Torschuss entgegen seiner Laufrichtung überwunden werden.
  7. Abdruckzone – Torschuss: Bis zur Torraumlinie vorrücken und „groß“ machen. Sonderfall: Bei Flanken die einen hohen Kopfball aufs Tor nach sich ziehen könnten, sollten die Hände schon vorab auf Brusthöhe gehoben werden. Keine Nahdistanz mehr: Sollte sich dagegen der Angreifer mit Ball außerhalb des Strafraums befinden, so rückt der Torwart nicht weiter als 3 Meter von der Torlinie vor. Dadurch, dass er bei größerer Distanz etwas tiefer steht, besitzt er zum einen ein größeres Zeitfenster um auf Torschüsse zu reagieren und zum anderen hat er bessere Chancen Bogenbälle zu parieren.
  8. Abdruckzone – Dribbling: Gleiches Verhalten wie bei Kippzone – Dribbling. Also bis auf 3 Meter dem Angreifer entgegenstarten und „groß“ machen.
  9. Abdruckzone – Steilpass: Gleiches Verhalten wie zuvor.

Sollte der Torwart das Prinzip dieser drei Zonen noch nicht kennen, kann man am Anfang im Torwarttraining mit langen Seilen oder Hütchenmarkierungen arbeiten. So bekommt er schnell ein Gefühl für diese drei Bereiche. Ab der D-Jugend sollte man dafür sorgen, dass die Torhüter mindestens einmal in der Woche spezielles Training erhalten. Beim Torwarttraining arbeitet man entweder in Einer- oder Zweier-Serien (Doppelaktion). Bei Einer-Serien soll der Torwart in Ruhe zur nächsten Aktion gehen. Dreier-Serien oder sogar noch mehr sind nicht spielnah und sollten deswegen nicht praktiziert werden.

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1 Kommentar

  1. Renato

    6. Wird von der Standzone in die Kippzone gepasst, begibt sich der Torwart in Sidesteps Richtung Tormitte.

    wie ist das mit der Tormitte gemeint?

    7. Bis zur Torraumlinie vorrücken und „groß“ machen. Sonderfall: Bei Flanken die einen hohen Kopfball aufs Tor nach sich ziehen könnten, sollten die Hände schon vorab auf Brusthöhe gehoben werden.

    bin ich da auf der Torraumlinie nicht zuweit vor?

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