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Nov 27 2010

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Unterschiedliche Methodik zum Erlernen der Abwehrkette

In diesem Artikel werden wir zwei unterschiedliche Systeme zur Umstellung von Manndeckung/Libero auf die Viererabwehrkette beschreiben. Auf der einen Seite steht das System des Fußballverbandes Niederrhein (FVN) und auf der anderen Seite die Methodik von Martin Hasenpflug aus Spielend zur Viererkette. Das System der FVN werden wir dabei etwas ausführlicher beschreiben, da dies für unsere Leser weniger geläufig ist. Anschließend werden wir versuchen ein Fazit zu finden der beiden Seiten eine Daseinsberechtigung einräumt.

Fußballverband Niederrhein

Zu Beginn der Umstellung der FVN steht das „Verteidigen zu Zweit“. In einer Art Zweierkette bekommen die Spieler Lösungen für alle möglichen Spielsituationen gezeigt. Diese Lösungen lassen sich später fast 1 zu 1 im Spiel mit einer Viererkette umsetzen. In einem verengten Spielfeld lernen zwei Spieler gegen drei Angreifer das ballorientierte Verteidigen.

Im ersten Schritt lernen die Verteidiger einen „sicheren Abstand“ von 22 Meter zum eigenen Tor herzustellen und zu halten. Angreifer sollen daran gehindert werden so nah ans Tor zu kommen, dass aufgrund der Möglichkeit eines  Distanzschuss Torgefahr entstehen könnte. Die Verteidiger lernen sich ballorientiert zu Verschieben ohne dabei zu kreuzen.

Der FVN versucht die ganzen Lernschritte in Spielformen zu bringen, um der Umstellung eine gewisse Attraktivität zu verleihen. Die Spielform im ersten Schritt sieht so aus, dass vom Großtor aus ein 44 Meter langes und ca. 20 Meter breites Feld markiert wird. Gegenüber dem Großtor wird ebenfalls ein Tor aufgestellt. Es wird nun 3 gegen 3 gespielt. Die verteidigende Mannschaft stellt jeweils einen Torwart, so dass die angreifende Mannschaft in Überzahl agieren kann. Die Übung beginnt, sobald die zwei Verteidiger sich auf der Mittellinie (sicherer Abstand) befinden. Die Abwehrspieler erhalten einen Punkt bei einem Angriff ohne Torgefahr und die Angreifer einen Punkt bei Torgefahr und zwei bei einem Tor.

Im nächsten Schritt lernt man, dass der ballnahe Verteidiger Druck auf den ballführenden Gegner ausüben soll. Der zweite Verteidiger soll dabei nach innen einrücken und so die Tiefe absichern, damit halt kein Pass im Rücken der Abwehr gespielt werden kann. Gleichzeitig soll er so in der Lage sein noch rettend einzugreifen, falls der andere Verteidiger im 1 gegen 1 ausgespielt werden sollte. Nach einer kurzen Anleitung des Trainers soll wieder in eine Spielform mit Punktwertung übergegangen werden. Bei dieser Aufgabe wird aber nur zu Zweit angegriffen.

Im dritten Schritt wird eine zentrale Ballposition simuliert und die Spieler lernen, dass sie eine in die Tiefe startende Spitze laufen lassen sollen. Im nächsten Schritt wird die Spielfeldbreite auf ca. 25 bis 30 Meter erhöht, weil nun eine äußere Ballposition simuliert wird. Es folgen die Lernziele „Mittel gegen Hinterlaufen“ und „Respekt vor Direktpass“. Zweiter Punkt muss vielleicht genauer erläutert werden, weil es sich hier wohl um eine selbst kreiertes Wortspiel handelt. Man will damit aussagen, dass der Druck auf einen ballführenden Außenspieler nicht zu aggressiv ausfallen sollte. Der Verteidiger sollte eher verhalten mit etwas Abstand agieren, damit er nicht durch einen Doppelpass, mit einem aus dem Zentrum kommenden Angreifer ausgespielt wird.

Man bleibt bei der Simulation einer äußeren Ballposition. Nun werden Mittel gegen eine querlaufende Spitze gezeigt. Läuft der zweite Angreifer also in den Rücken des druckausübenden Verteidigers, wird dieser vom zweiten Verteidiger verfolgt. Eine zu früh startende oder deutlich ins Abseits startende Spitze soll dagegen nicht verfolgt werden. Auch dieser Lernschritt (wie alle anderen auch) wird nach anfänglicher Steuerung durch den Trainer im Wettbewerb ausgespielt. Der FVN rät zwischen Übungsphasen immer wieder diese Spielphasen einzustreuen.

Jetzt wird die Situation simuliert, dass die Abwehr nicht mehr den sicheren Abstand zum Tor halten konnte und die Sturmspitzen sich daher im Strafraum befinden. Die Verteidiger sollen nun lernen, dass sie sich bei einem Rückpass von einer Sturmspitze zu einem zentralen Mittelfeldspieler kontrolliert nach vorne bewegen sollen, um wieder einen sicheren Abstand herzustellen und die Spitzen so Abseits zu stellen. Erfolgt der Rückpass auf einen äußeren Mittelfeldspieler, so bleiben die Verteidiger tief, damit der Gegner keinen diagonalen Flugball im Rücken der Abwehr spielen kann.

Im letzten Lernschritt „Verteidigen zu Zweit“ wird fast die komplette Länge der Spielfeldhälfte benötigt. Es wird eine Situation hergestellt, in der sich die Abwehr ca. 40 Meter vom eigenen Tor befindet und der ballführende Gegner nicht unter Druck steht. Aus diesem Grund könnte der Gegner nun einen Flugball im Rücken der Abwehr spielen. Um diese Situation zu entschärfen, müssen die beiden Verteidiger in einer größeren Tiefenstaffelung agieren.

Einführung Viererabwehrkette

In den folgenden Schritten geht es darum die vermittelten Lerninhalte des „Verteidigen zu Zweit“ auf das Spiel mit vier Verteidiger zu übertragen. Es wird ein 44 Meter langes Spielfeld mit zwei Toren und der kompletten Spielfeldbreite markiert. Die Mittellinie ist wieder gleich dem sicheren Abstand (22 Meter). Es wird analog zur Spielform 3 gegen 3 nun 5 gegen 5 gespielt, wobei auch hier der Torwart der angreifenden Mannschaft zum Feldspieler wird, damit die Viererkette in Unterzahl agiert.

Die Verteidiger lernen als erstes die Grundbewegungen innerhalb einer Viererkette. Der ballführende Verteidiger rückt vor und die anderen drei Verteidiger sichern in der Tiefe ab. Je nach Ballposition ergeben sich hierbei unterschiedliche Staffelungen. Nun wird wieder eine zentrale Ballposition simuliert und drei Angreifer sollen versuchen eine Spitze in der Tiefe frei zu spielen. Durch diese Vorgabe sollen die Verteidiger lernen Passwege zu zustellen. Die Verteidiger werden immer wieder aufgefordert den sicheren Abstand einzuhalten.

In den nächsten Schritten werden die Angriffsaktionen vorgegeben, die wir bereits beim „Verteidigen zu Zweit“ bei der äußeren Ballposition hatten. Dies wären die Punkte „Respekt vor Direktpass“, „Mittel gegen Hinterlaufen“, „Querlaufende Spitze“, „Verhalten bei Rückpass“ und „Ball entfernt vom Tor, Gegner ohne Druck“. Besonders bei den ersten drei Punkten dürfte die Umstellung von „Verteidigen zu Zweit“ auf „Verteidigen zu Viert“ leicht fallen. Denn durch die äußere Ballposition ist hauptsächlich das korrekte agieren der zwei ballnahen Verteidiger gefragt und dies ist identisch mit dem zuvor gelernten Verhalten. Durch die vorhergegangene Lernphase mit zwei Verteidigern, erhofft man sich so einen schnelleren Lernerfolg.

Der vorerst letzte Punkt der FVN zur Umstellung auf Viererkette betrifft die Situation: ungeordnete Kette in Unterzahl, entfernt vom Tor und Ball ohne Druck. Die Abwehr soll in dieser Situation zuerst bis zum sicheren Abstand zurück weichen. Gegner die im passiven Abseits stehen sollen zwar beobachtet werden, aber keinen Anlass geben auf Abseits zu spielen. Da der Ball ohne Druck ist, besteht die Gefahr eines Flugballs, deswegen soll insbesondere der Rücken der Abwehr gesichert (Tiefenstaffelung) werden.

Spielend zur Viererkette

Das Ziel Umstellen auf Viererkette wird von Martin Hasenpflug mit einer anderen Methodik angegangen. Der Methodik legt die Überlegung zu Grunde, wie man schnellstmöglich effektiv mit einer korrekt agierenden Viererkette spielen kann? Deswegen findet man in „Spielend zur Viererkette“ einen vollkommen anderen Lösungsansatz. Es wird nicht wie beim FVN der methodische Lehrsatz von Einfachen zum Komplexen angewendet, sondern eher umgekehrt vom Komplexen zum Einfachen.

Es wird mit einem sogenannten Viererketten-Crashkurs begonnen. Hier lernen die Spieler innerhalb einer „erweiterten“ Trainingseinheit das Stellungsspiel innerhalb der Viererabwehrkette. Es wird konsequent auf eine Raumdeckung geachtet. Je nach Ballposition wird zwischen Abwehrdreieck und Abwehrsichel umgeschaltet.

Bereits direkt nach dieser Einheit ist die Mannschaft in der Lage das nächste Spiel mit Viererkette zu bestreiten. Dies hat den großen Vorteil das man sofort die Lernfortschritte, die man teils nur im Wettkampf sammelt, direkt in die Verbesserung der Viererabwehrkette einfließen lassen kann. Die nächsten Trainingseinheiten werden dazu genutzt einzelne Bereiche der Abwehrkette zu optimieren. Die Trainingsschwerpunkte lauten dann: 1 gegen 1 in der Defensive, Defensive Gruppentaktik (ähnlich dem Abwehren zu Zweit) und das Doppeln.

Nur bei dieser Methodik kann auf mehreren Ebenen parallel gearbeitet werden (Training und Wettkampf). Vom ersten Tag an steht das komplette Gebilde der Viererabwehrkette und ab dem „zweiten Tag“ geht es schon darum das Gebilde zur verfestigen. Erfahrungen vieler Trainer haben gezeigt, dass diese Methodik zu einem sehr schnellen Lernerfolg führen kann. Das Zusammenspiel mit den anderen Mannschaftsteilen wird dabei erstmals nur theoretisch besprochen und in den Abschlussspielen, durch gezielte Trainervorgaben, optimiert. Dies führt zu einem attraktiven Erlernen der ballorientierten Verteidigung.

Fazit

Unsere etwas parteiisch gesehene Empfehlung lautet, dass Jugendmannschaften die sich nicht auf Spitzenniveau befinden oder Amateurmannschaften die sich nicht wochenlang ausschließlich in ihren zwei Trainingseinheit mit der Viererkette auseinandersetzen wollen/können, die Methodik aus „Spielend zur Viererkette“ anzuwenden.

Leistungsorientierte Mannschaften dagegen, die über drei und mehr Trainingseinheiten in der Woche verfügen und in der Meisterschaft gegen Mannschaften spielen die viel mit Doppelpässen, Hinterlaufen und querlaufenden Spitzen agieren, ist die Methodik der FVN zu empfehlen. Spieler in diesen Mannschaften bringen auch oft die nötige Geduld mit die eher nüchtern ausfallenden Übungsphasen und Spielformen zu absolvieren. Die Spieleranzahl und die erforderliche Spielfeldgröße lässt sich dabei aber kaum variieren. So müssen Trainer vorab Überlegungen anstellen, welche Spieler sie für die Verteidigung trainieren und wie sie währenddessen die restlichen Spieler wo beschäftigen.

Jeder Trainer der noch mit Manndeckung/Libero agiert, wird in eine der beiden Methoden fündig werden. Hat er geduldige Spieler, genügend Trainingszeit wird die Methodik der FVN passend zu seiner Mannschaft sein. Hat er dagegen wenig Trainingszeit und Spieler die nicht so konzentriert zuhören können und mehr auf „Erlebnis“ ausgerichtet sind, ist „Spielend zur Viererkette“ die ideale Lösung, um auf die Viererkette umzustellen. Akribisch arbeitende Trainer kennen ihre Mannschaft genau und werden, passend zu ihrer Mannschaft, das beste aus beiden Methoden wählen.

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  1. Taktiktraining im Jugendfußball » Viererkette im Fußball

    […] drei Spieler zur Viererabwehrkette zu kommen. Wir empfehlen eine umgekehrte Reihenfolge, siehe diesen Artikel. Später kann bei der Mannschaftstaktik noch das Zusammenspiel zwischen Abwehr und Mittelfeld und […]

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