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Okt 25 2010

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Neue Interpretation der Viererkette im Spitzenfußball

Im April 2009 haben wir die Initiative abwehrkette.de mit dem Ziel ins Leben gerufen, Trainer zu motivieren das Spiel mit dem Libero – in allen Spielklassen – gegen das Spiel mit einer Viererabwehrkette einzutauschen. Seitdem kann unsere Initiative eine positive Zwischenbilanz ziehen. Gerade in jüngster Vergangenheit stellen immer mehr Mannschaften auf Viererkette um. Mittlerweile spielen alle Jugendmannschaften die was auf sich halten mit Viererkette, bei den Senioren wird schon in der Kreisliga B mit der Umstellung begonnen und deutschlandweit schätzt man das schon 50% aller Bezirksligisten ohne Libero und den daran hängenden Rattenschwanz veralteter und uneffektiver Spielweise spielen.

Die Tendenz ist natürlich stark steigend, weil das Spiel mit Libero gegenüber dem Spiel mit der Viererkette keine Vorteile bringt, sondern nur Nachteile. Das nun doch noch nicht alle Mannschaften mit Viererkette spielen, liegt an der Wissenslücke der entsprechenden Trainern. Wie funktioniert eine Viererkette? Wie vermittle ich die Viererkette unter den gegebenen Umständen? Gerade bei der Klärung dieser zwei Fragen haben wir in der Vergangenheit reichhaltige Hilfe geleistet. Man merke eins der Fußball bleibt nie stehen. Ständige Weiterbildung zeichnet einen nach oben strebenden Trainer aus.

Ohne Frage, der Fußball bewegt die Massen. Für die Industrie und Wirtschaft ist der Fußball mittlerweile eine hervorragende Werbemöglichkeit und Imagepflege. So fließt immer mehr Geld in die Vereine und Verbände. Immer mehr Menschen können sich deshalb hauptberuflich dem Fußball widmen. Das bedeutet, dass immer mehr Menschen sich ausgiebig Gedanken darüber machen, wie man seine Mannschaft, seinen Verein oder seinen Verband fußballerisch weiter als die Konkurrenz bringt.

Dieser Umstand hat in der Vergangenheit zu großen Veränderungen im Fußball geführt, insbesondere in den Bereichen Trainingsmethotik, Talentförderung, Spielanalyse, Taktik usw.. Im Taktikbereich kann man die Einführung der Viererkette wohl als eines der massivsten Veränderungen der jüngeren Vergangenheit betrachten. Mit ihr hat sich die komplette Spielweise verändert, weil ihr auch eine ganz neue Spielphilosophie zu Grunde liegt. Die Entwicklung im Fußball geht also stetig weiter. In den letzten paar Jahren konnte man jedoch keine so gewaltigen Veränderung mehr beobachten, sondern lediglich etwas „Feinschliff“ in verschiedenen Bereichen. Daraus lässt sich wohl ableiten, dass sich der Fußball bereits sehr nahe an einem Optimum befindet.

Es sind jedoch auch Tendenzen zu beobachten, die zeigen wie der Fußball der Zukunft aussehen könnte. Der englische Journalist Jonathan Wilson hat die Fußballsystem von der Historie an analysiert und hält es für möglich, dass es bald Mannschaften gibt die ohne Stürmer, in einem sogenannten 4-6-0-System, spielen werden. Er räumt aber auch ein, dass diese Spielweise hochriskant sei, weil es ein hohes gegenseitiges Spielverständnis erfordere. Nationalmannschaften werden dieses System wohl nie ausüben können, da die Spieler dort zu wenig miteinander trainieren, meint Wilson. Etwas weniger revolutionär ist die Ansicht Ralf Rangnicks in Bezug zur Entwicklung des Fußballs. Er sieht in Zukunft die Aufhebung zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld. Mittelfeldspieler der Zukunft müssen defensiv und offensiv gleichermaßen gut ausgebildet sein, damit die Mannschaft im Kollektiv noch stärker im Spiel mit und gegen den Ball ist. Offensiv-Spezialisten wie Robben oder Ronaldo wird es dann nicht mehr geben.

Wir mussten in diesem Artikel etwas weiter ausholen, weil für die nachfolgenden Erläuterungen wichtig ist zu wissen, dass der Fußball sich in einer ständigen Entwicklung befindet. In der Überschrift ist von einer Neuinterpretation der Viererkette die Rede. Wie ist dies zu verstehen? Unsere Initiative hat in der Vergangenheit ein klares Bild davon gezeichnet, wie sich die Viererabwehrkette in den verschiedenen Spielsituationen zu verhalten hat. Folgend möchten wir aber anhand von zwei Spielsituationen zeigen, wie sich das Verhalten im Spiel mit der Viererkette ab ca. 2008 im Spitzenfußball verändert hat.

Situation: Gegner am Flügel. Unterschied zwischen alter und neuer Verhaltensweise.

Situation: Gegner am Flügel. Unterschied zwischen alter und neuer Verhaltensweise.

Spielsituation 1: Der ballführende Gegner befindet sich am Flügel. Bisher haben wir gelehrt, dass eine Abwehrsichel gebildet werden soll. Das heißt im Klartext der Außenverteidiger übt Druck auf den Ball aus, der ballnahe Innenverteidiger sichert ihn ab und die anderen beiden Abwehrspieler rücken ebenfalls ein um schlussendlich eine Abwehrsichel zu bilden.

Der Vorteil liegt nahe. Ohne großen Aufwand und ohne ein besonders hohes Spielverständnis kann man auf der Innenbahn zwischen Ball und Tor einen kompakten Mannschaftsverband bilden. Ein Außenverteidiger „darf“ dann auch mal ausgespielt werden ohne das direkt eine große Gefahr für das Tor besteht. Der Nachteil ist aber, dass der ballferne Außenverteidiger sich nun im Zentrum befindet. Da Außenverteidiger in der Regel von der Statur etwas kleiner und kopfballschwächer sind, mussten sie hier oft gegen groß gewachsene und kopfballstarke Angreifer agieren. Doch gerade bei Flanken in den zentralen Bereich vor dem Tor wurde dies oft zum Nachteil.

Daher zeigt sich im Spitzenfußball stark die Tendenz, dass die beiden Innenverteidiger bei solchen Spielsituationen im Zentrum bleiben und der druckausübende Außenverteidiger von einem Mittelfeldspieler, beim Attackieren des ballführenden Gegners am Flügel, unterstützt wird. Ist diese Vorgehensweise aber auch für den Jugendbereich oder dem unteren Amateurbereich zu empfehlen? Dies muss jeder Trainer für sich entscheiden. In Anbetracht des Ausbildungscharakters des Jugendfußballs würde wir zu einem „Ja“ tendieren. Jedoch erst in einem zweiten Lernschritt, nachdem die Außenverteidiger sich korrekt im 1 gegen 1 verhalten können, die Mannschaft das Doppeln beherrscht und ein schnelles Umschalten bei Ballverlust auf die Defensive funktioniert. Der letzte Punkt ist notwendig, damit der auf sich allein gestellte Außenverteidiger (Innenverteidiger kommt nicht mehr zur „Hilfe“) von einem Mittelfeldspieler unterstützt werden kann.

Ob man diese Spielweise nun auch im unteren Amateurbereich anwenden sollte, würden wir von verschiedenen Faktoren abhängig machen. Wie gut ist die eigene Mannschaft in den zuvor genannten Punkten? Spielt der Gegner diagonale Flugbälle ins Torzentrum? Verfügt der Gegner über groß gewachsene Angreifer? Hat der Gegner dribbelstarke Außenspieler die eher bis zur Grundlinie dribbeln und von dort flanken? Hier sollte dann jeder Trainer selbst die beste Spielweise, entsprechend seiner Situation wählen.

Situation: Gegner zentral. Unterschied zwischen alter und neuer Verhaltensweise.

Situation: Gegner zentral. Unterschied zwischen alter und neuer Verhaltensweise.

Spielsituation 2: Gerade haben wir eine Veränderung der Verhaltensweise gezeigt, wo wir in der Vergangenheit immer von der Abwehrsichel gesprochen haben. Nun kommen wir zu einem Punkt, wo es zuvor immer hieß ein Abwehrdreieck zu bilden. Es geht um die Spielsituation, dass ein ballführender Gegner sich auf zentraler Position gegen ein Mittelfeldspieler durchsetzt und auf die Abwehrkette zudribbelt. Wir haben gelehrt, dass nun der ballnahe Innenverteidiger zum Ball vorrückt und die anderen drei Abwehrspieler einrücken und so ein Abwehrdreieck bilden.

Der Vorteil liegt darin, dass sofort wieder Druck auf den Ball ausgeübt werden kann. Auf dieser Art kann ein langsames Nachsetzen der Mittelfeldspieler kompensiert werden. Das Zusammenspiel zwischen Abwehr und Mittelfeld muss nicht ideal sein um gut verteidigen zu können. Der Nachteil dieser Spielweise ist, dass sich nur noch drei Spieler hinter dem druckausübenden Innenverteidiger befinden. Diese drei Spieler müssen nun die komplette Breite des Spielfelds abdecken, um einen Pass in die Tiefe zu verhindern. Da dies mit drei Spielern schwer zu bewerkstelligen ist, ergeben sich hier für den Gegner gefährliche Räume.

Daher beobachtet man heutzutage im Spitzenfußball immer stärker, dass in dem oben genannten Fall die Abwehrkette auf einer Linie bleibt und zurückweicht um Zeit für einen nachrückenden Mittelfeldspieler zu schaffen. Dieser soll den ballführenden Gegner erneut unter Druck setzen. Die Abwehrkette verschiebt sich dabei seitlich so, dass der nachsetzende Mittelfeldspieler die Spitze eines Abwehrdreiecks ist. Jedoch mit dem Unterschied, dass sich nun nicht mehr drei, sondern vier Spieler in der Tiefe befinden und so eine bessere Absicherung der kompletten Spielfeldbreite möglich ist. Nur in allerletzter Konsequenz, wenn kein Mittelfeldspieler mehr Druck auf den Ball ausüben kann, wird wie von uns immer beschrieben ein Abwehrdreieck gebildet.

Diese Vorgehensweise ist in allen Klassen zu empfehlen. Gerade die 6er sollten es als zentrale Aufgabe ihrer Position sehen im Spiel gegen den Ball Druck auszuüben, die Spitze eines Abwehrdreiecks zu bilden und unbedingt beim überspielt werden nachzusetzen. Das Schwierige bei dieser Vorgehensweise wird einmal das seitliche Verschieben der Abwehrkette sein, so dass die Abstände dabei gleich bleiben und zum anderen auch das gleichzeitige Zurückweichen aller Abwehrspieler, beim Durchbruch eines Gegners im Mittelfeld. Die Abwehr muss genau das Verhalten ihrer Mittelfeldspieler beobachten und danach kollektiv entscheiden, wie weit sie zurückweicht und ab wann sie alleine ein Abwehrdreieck bilden muss.

Generell können wir resümieren, dass es sich hier um zwei sehr sinnvolle Ergänzungen zum Spiel mit der Viererkette handelt. Inwieweit man dies als Trainer umsetzt, hängt vom Leistungsstand der Mannschaft ab, sowie vom Spielverhalten des Gegners.

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3 Kommentare

  1. Frank

    Hallo Martin
    Wie haben die Innenverteidiger zu verhalten (welche im Zentrum bleiben) wenn sich ein Stürmer nach außen hin frei läuft? Und was muss der Aussenverteidiger beim Doppeln mit dem ballnahen Spieler beachten? Sollte der AV auch in Tornähe den Gegner zum tiefer postierten 6ee lenken? Und wohin lenkt er den Gegner, wenn der Aussenstürmer nach hinten doppelt?

    Bitte um Antwort!!!
    Vielen vielen Dank!!
    Gruss Frank

  2. Mathies

    Wie hat sich eine aufgerückte Viererkette zuverhalten, wenn man sich dazu entschließt den ballnahen IV durch zuschieben, so wie in Spielsituation 1 beschrieben. Agiert sie wie in Spielsiituation 2 beschrieben, lässt sich fallen und rückt ein und auf Höhe des sicheren Abstandes bildest sie dann wie in Spielsituation 1 beschrieben nur noch das Abwehrdreieck und Abwehrsichel entfällt.

  3. Mathies

    … den ballnahen IV NICHT durchzuschieben… Tippfehler

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