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Mai 22 2013

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Einen perfekten Außenverteidiger spielen

Kennt ein Spieler die taktischen Aufgaben seiner Position, so kann er sich ganz auf deren technischen Umsetzung konzentrieren. Dieser Artikel möchte Spielern und Trainern genau erklären, wie ein Außenverteidiger im modernen Fußball agieren sollte. In den folgenden Wochen werden dann Artikel für die jeweils anderen Spielpositionen folgen.

Dribbelt ein gegnerischer Spieler auf der Außenbahn Richtung Tor, so ist es die Aufgabe des Außenverteidigers (AV) ihn unter Druck zu setzen. Dazu startet er dem Gegner entgegen, um den Abstand zu ihm zu verkürzen. Wenige Meter vor ihm stoppt er ab, geht in seitliche Stellung und weicht zurück. Die seitliche Stellung wählt er so, dass der Gegner nicht nach innen, aber außen vorbei dribbeln kann.

Durch das Zurückweichen wird das Dribbling des Gegners verlangsamt. Dies schafft Zeit für die benachbarte Spielpositionen zum Ball zu verschieben und den Gegner zusammen mit dem AV zu attackieren. Es entsteht eine 2-gegen-1-Überzahlsituation. Dieses sogenannte Doppeln ermöglicht eine kontrollierte Balleroberung.

Bei der seitlichen Stellung ist es wichtig, dass die Innenbahn Richtung Tor komplett geschlossen ist, so dass der Gegner nur außen durchbrechen kann. Sobald der Gegner den Ball dann außen vorbei legt, wird der Ball vom AV abgelaufen, bzw. eine Flanke blockiert.

Ideale Partner für den AV zum Doppeln sind Innenverteidiger (IV), 6er und Mittelfeldaussen (MA). Je nach Spielsituation oder Gegner sind bestimmte Konstellationen zu empfehlen. Der IV würde sich anbieten, wenn der Gegner nur mit einer Sturmspitze spielt. Ein IV im Zentrum ist dann ausreichend und der ballnahe IV kann dann durchschieben.

Das Doppeln mit dem 6er ist ausschließlich bei einer Grundformation mit einer Doppel-6 zu empfehlen. Und dann auch nur, wenn der gegnerische MA einen Pass von außen bekommt (z. B. vom AV). Denn in diesem Fall kann man davon ausgehen, dass der ballnahe 6er bereits nach außen verschoben hat. Das Doppeln zusammen mit dem MA bietet sich an, wenn der gegnerische MA den Ball aus dem Zentrum zugespielt bekommt. In diesem Fall sind die 6er noch im Zentrum gebunden und haben daher einen zu weiten Weg nach aussen zum Ball.

Ein Idealfall für die Balleroberung wäre es den gegnerischen MA bereits beim Zuspiel mit dem Rücken zum Spiel stellen zu können. Der AV sollte dann leicht innen in seinem Rücken und mit einer Armlänge Abstand stehen. Diese Situation kann man beim Ballbesitz des gegnerische AV erreichen. Hier bietet sich MA in der Regel für ein Zuspiel an. AV rückt dann heran, aber ohne zu eng zu decken. Steht er nämlich zu eng, wird das Zuspiel wahrscheinlich nicht erfolgen oder er wird mit einem Flugball überspielt.

Mit dem Pass zu MA rückt AV nun so nah heran, dass ein Aufdrehen ein Ballverlust zur Folge hätte. Ein Aufdrehen lässt sich provozieren, indem ein zweiter Mitspieler direkt auf den Ball geht. Abhängig von der Entfernung kann dies entweder MA oder ein 6er sein. Sobald der Gegner dann aufdreht geht AV zum Ball und kann nach vorne wegdribbeln. Kann hier nicht rechtzeitig gedoppelt werden und der gegnerische MA dribbelt nach hinten weg, soll AV ihn verfolgen.

Eine sehr effektive aber schwierige Variante um auf der Außenbahn zu doppeln, ist es den Gegner den Durchbruch nach innen anzubieten. Dazu geht AV so in die seitliche Stellung, dass er den Durchbruch außen schließt. In dieser Stellung darf er aber erst gehen, wenn der IV oder 6er sich in unmittelbarer Nähe in einer Tiefenstaffelung befinden. Dabei dürfen sie weder zu weit entfernt noch auf einer Höhe mit dem AV stehen. Sobald sich nun der Gegner den Ball nach innen vorbeilegt, übt AV druck auf den Ball aus und der in der Tiefe stehende Spieler kann den Ball erobern und nach vorne wegdribbeln. Diese Variante des Doppelns lässt sich in der Regel nur nach einem Pass von außen zum MA anwenden.

Häufig kommt es vor, dass der gegnerische MA hinterlaufen wird. In diesem Fall lässt sich der AV nach hinten innen fallen. Bei einem Pass zu dem Spieler der hinterläuft, rückt AV dann raus, läuft den Ball ab oder blockt eine Flanke. Parallel dazu soll er den 6er so coachen, dass er heranrückt. Sobald er nämlich da ist, kann er den ballführenden MA übernehmen und AV kann sich nach hinten außen absetzen und einen etwaigen Pass zum Spieler der hinterläuft kontrollieren.

Ebenfalls kann es vorkommen, dass der gegnerische MA das Kombinationsspiel mit der Sturmspitze sucht. Passt MA zu dem entgegenkommenden Stürmer, so lässt sich AV sofort nach hinten innen fallen. AV kann dann nicht mit einem Doppelpass ausgespielt werden.

Befindet sich die Abwehr weit vom eigenen Tor entfernt und ein Gegner dribbelt frontal auf sie zu, so weicht diese nach hinten zurück und verdichtet dabei das Zentrum (trichterförmig zurückweichen). Ab ca. 22 Meter vor dem Tor rückt der ballnahste Abwehrspieler zum ballführenden Gegner raus. Ist dies ein IV, so bilden naher AV und zweiter IV ein Abwehrdreieck. So werden Pässe in die Tiefe unterbunden. Kann der nahe IV den ballführenden Gegner mit dem Rücken zum Spiel stellen, so sichert AV nicht die Tiefe, sondern agiert höher, damit er einen Pass nach außen direkt attackieren kann.

Bei zentraler Ballposition kann es vorkommen, dass der gegnerische MA ins Zentrum zieht. Hier darf der AV nicht zu weit mitgehen, denn sonst öffnet er seine Seite für einen aus der Tiefe startenden AV des Gegners.

Befindet sich der Ball vor dem Mittelfeld und der ballführende Gegner ist so unter Druck, dass er keinen Flugball spielen kann, so hält AV zusammen mit den anderen Verteidigern die Höhe. Kann der Gegner dagegen einen Flugball hinter die Abwehr spielen, da er viel Platz um sich hat, so lässt sich die Abwehrkette rechtzeitig fallen, um nicht überspielt zu werden. Steigt der nahe IV zum Kopfball hoch, so bildet AV zusammen mit dem zweiten IV ein Abwehrdreieck. So kann der zum Kopfball steigende IV optimal abgesichert werden. Spielt der Gegner trotz dieser Möglichkeit keinen Flugball, so schiebt AV zusammen mit den anderen Verteidigern wieder vor.

Verschiebt der Mannschaftsverband zur Ballseite, so rückt der ballferne AV weniger weit ein. So ist er in der Lage einen etwaigen diagonalen Flugball des Gegners abzufangen. Verhindern kann man Flugbälle im Rücken der Abwehr in der Regel, indem man die Ballführenden stets unter Druck setzt. Findet der Gegner keinen Passweg nach vorne oder quer, so wird er einen Rückpass spielen. Erfolgt ein Rückpass ungenau, so besteht keine direkte Gefahr eines Flugballs und der AV kann zusammen mit den anderen Abwehrspielern vorschieben.

Schafft es der Gegner sich mit einer Spielverlagerung aus einer Pressingsituation zu lösen und das Spiel zu verlagern, so lässt sich der komplette Mannschaftsverband, inklusive dem zuvor ballfernen AV, schräg nach hinten fallen. Gerät der eigene AV ins Pressing des Gegners, so versucht er sich durch ein Direktspiel aus dem Pressing zu lösen. Oft kann er sich aus dieser Situation auch mit einem Pass zum ballfernen IV befreien.

Der AV muss sich stets über den vom Trainer vorgegebenen Pressingauslöser im Klaren sein. Soll das Spiel nach außen auf den MA gesteuert werden, so darf er diesen nur lose decken. Soll dagegen das Spiel nach innen gelenkt werden, so deckt er den gegnerischen MA entweder eng oder stellt den Raum Richtung IV zu. Abhängig macht er seine Entscheidung davon, ob es der eigene MA beim Pressing schafft, durch seinen Bogenlauf, den Passweg entlang der Linie zu schließen. Gelingt dies, so braucht AV den gegnerischen MA nicht decken und kann stattdessen den Raum Richtung Zentrum verdichten.

Deckt AV den gegnerischen MA eng und er wird mit einem Flugball überspielt, so muss der ballferne AV zusammen mit den beiden IV sich schräg nach hinten fallen lassen. Dies erschwert es dem Gegner einen Pass im Rücken der Abwehr zu spielen.

Der ballnahe AV schaltet sich stets mit hohem Tempo in den Angriff ein. Der ballferne AV sichert zusammen mit den beiden IV und einem 6er ab. Kommt es im Angriff zu einem Ballverlust, lässt sich AV entweder mit Tempo auf Höhe der beiden IV fallen oder bleibt offensiv, deckt eng und animiert seine Mitspieler zu einer direkten Ballrückgewinnung. Abhängig macht er seine Entscheidung davon, ob der ballführende Gegner frontal und ohne Druck nach vorne dribbeln kann oder mit dem Rücken zum Spiel steht. Steht er mit dem Rücken zum Spiel wird die direkte Ballrückgewinnung angestrebt. Kann der Gegner einen Angriff mit einer Kopfballabwehr entschärfen, so sollte keine zu aggressive Ballrückgewinnung stattfinden. Ansonsten kann der Ball schnell in den Rücken des AVs gelangen.

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1 Kommentar

  1. Andreas

    Hallo.

    Ich finde diese Zeilen zum Spiel des AV stellenweise wirklich sehr gut.

    Nur möchte ich dazu etwas anmerken: Zum einen wird hier der Eindruck erweckt, dass der perfekte AV nur defensiv wichtig ist, da der Absatz zum OFFENSIV Spiel sehr kurz ausfällt.
    Grundsätzlich stimme ich dem DEFENSIVEN Aufgaben zu und übe das so auch in meiner U15 ein.

    Zum anderen errinnert das hier beispielhaft skizzierte Spiel sofort an Philip Lahm, der nach vorne hin nur dann arbeitet, wenn er am Ball ist. Was ich so absolut falsch finde. Der ballferne AV sollte wie ein Lukasz Pizszcek oder David Alaba ebenfalls Druck auf seiner Seite machen und so den schnellen Seitenwechsel anbieten.

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