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Mrz 13 2011

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Interview zur Lage der Viererkette im Amateurfußball

Herr Hasenpflug, Sie machen sich für die Raumdeckung und den Einsatz der Viererkette im Jugendfußball stark. Die meisten Dinge, die in den Profiligen umgesetzt werden – sei es ein rosa Fußballschuh, das Meckern mit dem Schiedsrichter oder die berühmte Schwalbe – schlagen irgendwann auf den Amateurfußball durch. Warum spielen aber immer noch so viele Mannschaften mit Libero?

Martin Hasenpflug: Das liegt meiner Meinung nach an der fehlenden Ausbildung vieler Trainer. Gerade in unteren Klassen arbeiten aus Kostengründen viele nicht lizenzierte Trainer. Sie vermitteln einfach dass, was sie früher als Spieler von ihren Trainern gelehrt bekommen haben. Absolvieren Trainer nun die zeitaufwendigen und teuren Lehrgänge, zieht es sie automatisch in höhere Klassen wo man heutzutage fast durchgängig mit Viererkette spielt.

Sie geben auf www.abwehrkette.de Trainingstipps und leisten taktische Aufklärungsarbeit. Wann haben Sie damit angefangen und warum?

Martin Hasenpflug: Das war Anfang 2009 und ich wollte damit anderen Trainern von meinen positiven Erfahrungen bei der Umstellung auf die Viererabwehrkette berichten. Ich habe ihnen über meine Webseite wissen lassen: „Hey Trainer, Viererkette ist kein Hexenwerk, ihr könnt Eure Mannschaft innerhalb kurzer Zeit umstellen und so die fußballerische Entwicklung Eurer Spieler deutlich begünstigen.“ Bereits vor der Initiative abwehrkette.de gab es einige Methoden zum Erlernen der Viererabwehrkette. Doch diese Methoden waren meiner Meinung nach nicht am Alltag der deutschen Amateurvereine ausgerichtet. Die meisten Mannschaften verfügen über relativ wenig Trainingszeit, ungeduldige Spieler, wenig Trainingsplatz und unkonstante Trainingsbeteiligung. Damit auch diese Vielzahl an Teams von den Erkenntnissen des modernen Fußballs profitieren können, habe ich eine neue Methodik zum Erlernen der Viererkette entwickelt und sie auf www.abwehrkette.de vollständig dokumentiert. Ein netter Nebeneffekt der Webseite war es, dass dadurch die Leute vermehrt auf meine Fußballtrainingsbücher aufmerksam wurden.

Wann haben Sie selbst angefangen Raumdeckung und Viererkette zu lehren? Was gab es damals für Probleme?

Martin Hasenpflug: Das war 2007, ein Jahr nachdem ich meine erste Trainertätigkeit aufgenommen habe. Ehrlich gesagt gab es garkeine Probleme. Mir und den Spielern hat die Umstellung viel Spaß gemacht. Schon nach kurzer Zeit waren sie beim Spiel gegen den Ball (früher verteidigen) nur noch gering auf die Gegenspieler fixiert und orientierten sich nach der Ballposition.

Glauben Sie, dass der fehlende Wille zur Umstellung eher bei Trainern oder bei den Spielern zu suchen ist?

Martin Hasenpflug: Im Jugendfußball ganz klar bei den Trainern. Die Kids haben ihre Idole im Profifußball und möchten ihnen nacheifern. Deshalb sind diese meiner Erfahrung nach hoch motiviert die Viererkette zu lernen. Bei älteren Spielern im unteren Amateurbereich, sollte man schon etwas Überzeugungsarbeit leisten und deutliche Argumente liefern: Überzahl am Ball, effektives doppeln möglich, Gegner vom Tor weghalten, optimale Raumaufteilung, Kraftersparnisse beim Verschieben, effektives Pressen möglich, Passwege zustellen usw.. Bevor man aber als Trainer mit der Umstellung beginnt, gilt es sich vorab ausführlich zu informieren, z. B. durch mein Buch Spielend zur Viererkette.

Braucht man bestimmte Spielertypen für die Umstellung des Systems? Zum Beispiel einen pfeilschnellen Außenverteidiger? Und lohnt sich eine Umstellung, wenn ich die Spieler für das System nicht habe – ein oft vorgebrachtes Argument von Trainern – ?

Martin Hasenpflug: Nein, dass man die nötigen Spielertypen für die Viererkette bräuchte ist ein altes Alibi nichtlizensierter Trainer die eine Umstellung scheuen. Jeder der logisch denken kann muss eingestehen, dass vier Spieler die Spielfeldbreite besser abdecken können als drei Spieler, oder dass ein Zustellen von Passwegen effektiver ist, als dem Gegenspieler über den halben Platz hinterher zu rennen. Nicht minder logisch sind die Tatsachen, dass man nur effektiv durch eine Überzahl am Ball, einen Ballgewinn erzielen kann, oder dass ein Übergeben der Gegenspieler Kräfte schont, die man anderweitig sinnvoller einsetzen kann.

Wie viel Zeit braucht man, um eine Mannschaft, die jahrelang nur das alte 3-5-2-System mit Libero gespielt hat, auf Raumdeckung und die Viererkette umzustellen?

Martin Hasenpflug: Meine Meinung nach kann man nach zwei bis drei Wochen eine Qualität erreichen, die dem alten System gleicht. Jedoch besitzt man durch das Spiel mit der Viererkette viel größere Möglichkeiten sich als Team und als Spieler weiter zu entwickeln. Der Außenverteidiger / Manndecker ist jetzt nicht mehr der armseliger Zerstörer, sondern nun auch Gestalter für das Offensivspiel. Sollte er jedoch aufgrund des jahrelangen Spiels mit Libero vermurkst sein, mag dieser Spieler zwar für keine großen offensiven Akzente sorgen, doch zumindest wird man auch diesen Spieler soweit bringen können, dass er im Spiel gegen den Ball seine Aufgabe innerhalb der Viererabwehrkette ordentlich erfüllt.

Viele Trainer und auch Spieler sagen: In den unteren Ligen haben wir keine Linienrichter, was bringt uns da die Abwehrkette? Was entgegen Sie denen?

Martin Hasenpflug: Hier gilt das Gleiche wie bei dem Vorwand die richtigen Spielertypen haben zu müssen. Das Spiel mit Abseitsfalle ist vollkommen unabhängig vom Spiel mit einer Abwehrkette. Ich persönlich habe noch nie eine Mannschaft von mir mit Abseitsfalle spielen lassen und profitiere jedes Wochenende vom ballorientierten Verteidigen – auch ohne Linienrichter. Meine Erfahrungen haben ganz klar gezeigt, dass es mit einer Abwehrkette nicht mehr oder weniger strittige Abseitsentscheidungen gibt. Ausserdem ist das Praktizieren einer Abseitsfalle unabhängig vom Spielsystem. Das Thema Abseitsfalle wurde für die „Viererketten-Gegner“ zum Argument, weil es vermehrt von Mannschaften mit Abwehrkette praktiziert wird. Dies liegt lediglich daran, dass es so einfacher und effektiver umzusetzen ist.

Das tägliche Brot einer Viererkette ist das Training. Wie motiviere ich Amateurspieler, die noch sehr viel anderes im Kopf haben, sich mit der Raumdeckung auseinanderzusetzen? Haben Sie da ein paar Tipps?

Martin Hasenpflug: Auf www.abwehrkette.de werden einige reizvolle Spielformen zur Verbesserung der Viererabwehrkette gezeigt. Hier spielen zwei Mannschaften gegeneinander mit wenigen Sonderregeln. Diese Spielformen machen auch Amateurspielern Spaß. Außerdem sollte man die Abschlussspiele im Training so gestalten, dass die Mannschaften mit Vierer- und / oder Dreierketten spielen. So verbessern sich die Spieler kontinuierlich im ballorientierten Spiel. Es gilt aber zu beachten, dass eine Dreierkette nicht bedeutet mit zwei Manndeckern und einem Libero zu spielen.

Es wird ja immer viel darüber geredet, was die Viererkette defensiv bedeutet. Was sind denn die offensiven Vorteile?

Martin Hasenpflug: Durch das ballorientierte Spiel der Viererkette wird die beste Voraussetzung für eine kontrollierte Balleroberung geschaffen. Stichwort: Überzahl in Ballnähe. Durch die Überzahl in Ballnähe verfügt man nach dem Ballgewinn direkt über viele Anspielstationen in Ballnähe. Dadurch, dass die Außenverteidiger sich mit ins Angriffspiel einschalten, besitzt man zusätzliche Anspielstationen in der Offensive.

Der neueste Trend heißt 4-2-3-1. Ist das WM-System auch für Amateurligen erfolgreich anwendbar?

Martin Hasenpflug: Ja, im Spiel gegen den Ball unterscheidet es sich ja kaum vom 4-4-2. Zwei Viererketten hinter dem Ball sind heute Standard. In der Offensive ist es etwas komplexer und für die Mittelfeldaussen laufintensiver. Punktet aber dadurch, dass man recht einfach Anspielstationen zwischen den Linien des Gegners schaffen kann.

Letzte Frage: Wann glauben Sie, wird der letzte Libero Deutschlands Fußballplätze verlassen haben?

Martin Hasenpflug: Ich hoffe bald. Gerade im Jugendfußball sieht man den Libero zum Glück immer seltener. Durch das Spiel mit der Viererkette können sich nun auch die Defensivspieler technisch fast genauso gut entwickeln wie die Offensivspieler. Auch die soziale Kompetenz wächst mit dem ballorientierten Spiel. Die Stärke einer Mannschaft steht nun im unmittelbaren Zusammenhang zum Teamgeist, da das ballorientierte Spiel nur als Kollektiv richtig funktioniert. Junge Spieler die Erfolge möchten, müssen lernen ihren Ego für die gemeinsame Sache zurückzustellen.

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