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Dez 21 2012

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SC Freiburg: Das deutsche FC Barcelona

Der SC Freiburg belegt nach der Hinrunde der 50. Bundesliga-Saison überraschend den 5. Tabellenplatz. Laut Transfermarkt.de haben nur drei andere Vereine in der Liga einen geringeren Marktwert-Durchschnitt als das Team aus dem Breisgau. Für uns Grund genug an dieser Stelle die Spielweise der Freiburger vorzustellen.

Entgegen aller bekannten Regeln erreicht das Aussenseiter-Team aus Freiburg diese Platzierung nicht durch „Mauern“ und Konterspiel, sondern durch erfrischenden Offensivfußball. Als eines der wenigen Teams der Liga spielt man mit zwei Stürmern. Beim gegnerischen Spielaufbau agiert man weit vorm eigenen Tor im mittleren Spielfelddrittel. Die spielaufbauenden Gegner werden früh von den beiden Stürmern, den 6ern und den Mittelfeldaussen attackiert. Trotz dieser offensiven Ausrichtung hat Freiburg die zweitwenigsten Gegentore aller Bundesligisten. Somit widerlegt man den verbreiteten Irrglaube, dass eine defensive Grundausrichtung weniger Gegentore zur Folge hat.

Der SC Freiburg ist zwar kein FC Barcelona, doch auch die Mannen um Trainer Christian Streich praktizieren ein technisch versiertes Kurzpassspiel. Das Team ist gut organisiert. Jeder kennt seine Aufgabe und erfüllt diese im Sinne des Teamgeistes.

Das Freiburger-Kurzpassspiel ist aufgrund der hohen Menge an Anspielstationen möglich. Fünf offensiv ausgerichtete Spieler in der Zentrale absolvieren ständig Freilaufbewegungen, rochieren um Räume zu öffnen und zusätzlich hat man auf den Außenbahnen noch zwei sehr offensiv ausgerichtete Außenverteidiger. Die vielen Bewegungen der zwei Stürmer, direkt vor der gegnerischen Viererkette, bedarf einer ständigen Achtsamkeit des Gegners.

So schaffen sich die Freiburger die Bedingungen für ein flinkes und nach vorne gerichtetes Kurzpassspiel. Wozu dann langsame und schwer zu kontrollierende Flugbälle spielen? Diese werden konsequenterweise auch nur unter Gegnerdruck gespielt, oder zu einem Spieler, der bei der Ballannahme nicht direkt unter Druck gesetzt werden kann. Das Offensive 1 gegen 1 ist kein Bestandteil der Freiburger Spielweise. Es geht immer um die schnelle und auf Raumgewinn ausgerichtete Ballzirkulation. Ähnlich wie sie der Turbo-Lernfußball vermittelt.

Gegen den Ball wird ganz klassisch verteidigt. Kompakter Mannschaftsverband. Ein Nachsetzen der Überspielten. Den Gegner bei der Ballannahme direkt unter Druck setzen. Ein Aufdrehen verhindern. Doppeln. Bei Rückpässen blitzschnell vorschieben. Alle Spieler setzen sich extrem für das Team ein!

Die Verteidiger sind geduldig im Defensiven 1 gegen 1 und grätschen nicht hastig in den Gegner. Wird der Ball in der Offensive verloren, versucht man möglichst hoch stehen zu bleiben, um den Ball direkt wieder in Tornähe zurückzugewinnen. Dabei hat der Druck auf den Gegner eine höhere Priorität als das Halten von Positionen. Muss ein Spieler seine Position verlassen, so wird diese fliegend von jemand anders besetzt. Allein die Innenverteidiger versuchen lange ihre Position zu halten. Man will keinen Raum hinter einen rausgerückten Innenverteidiger entstehen lassen. Aus diesem Grund postiert sich immer ein 6er, bei Angriffen durchs Zentrum, vor den beiden Innenverteidigern.

Durch das Kurzpassspiel hat man Kontrolle über das Spiel. So erreicht man selbst auswärts gegen einen Champions-League-Gruppensieger mehr Ballkontakte und eine höhere Passgenauigkeit. Die Freiburger Spieler sind zwar keine Messis, Iniestas und Xavis, doch sind sie technisch gut genug für ein One-Touch-Spiel auf Bundesliga-Niveau. Sie sind auf engem Raum sicherlich nicht so brillant wie Barcelona. Doch durch ihr variantenreiches Offensivspiel, entziehen sie sich geschickt dem gegnerischen Pressing. Die Freilaufbewegungen der nicht ballführenden Spieler ist der Schlüssel für das funktionierende Kurzpassspiel gegen individuell stärkere Gegner.

Spielaufbau des SC Freiburgs

Spielaufbau des SC Freiburgs

Der SC Freiburg verfügt über eine interessante Spielaufbauvariante. Die Innenverteidiger gehen dabei auf Strafraumbreite und die Außenverteidiger schieben extrem hoch. Zwischen den Innenverteidigern lässt sich ein 6er fallen. Die jeweils beiden Mittelfeldaussen (MA) und Stürmer bilden fast eine Linie weit in der gegnerischen Hälfte. Aber nicht so weit, dass man sie nicht mit einem Flachpass anspielen könnte. Zwischen den drei hintersten und den vier vordersten Spielern postiert sich der zweite 6er.

Die Freiburger versuchen nun kontrolliert nach vorne zu kombinieren. Dies praktizieren sie sehr variantenreich. Durchs Zentrum geschieht dies mit weiträumigen Flachpässen zu den Offensivspielern oder mit kürzeren Pässen über den zweiten 6er. Man sieht sehr oft das Angriffsschema „Steil und Klatsch„. Ein Spielaufbau über die Außenverteidiger wird auch regelmäßig praktiziert. Immer wenn der Außenverteidiger in Ballbesitz ist, läuft der ballnahe MA (Ausgangsposition innen) Richtung Seitenlinie um longline angespielt zu werden. Gleichzeitig startet der ballnahe Stürmer Richtung Ball, um aussen am ballnahen Innenverteidiger anspielbar zu sein. Nachdem der Außenverteidiger nach vorne gespielt hat, schaltet er sich mit einem diagonalen Lauf nach Innen in den Angriff ein.

Die beiden Stürmer scheinen viele Freiheit im Spiel zu haben. Vorausgesetzt sie sind ständig in Bewegung. So schafft es der Zwei-Mann-Sturm auf ca. 21 Kilometer / Spiel. Erkennen sie, dass die drei hintersten Spieler beim Spielaufbau keine ihrem Anspruch genügende Anspielstation finden, lassen sie sich weit für ein Anspiel zurückfallen. Das Zuspiel lassen sie dann auf einen Dritten Spieler klatschen und starten direkt wieder vor.

Das Pressing der Freiburger

Das Pressing der Freiburger

Aufgrund zwei laufstarker Stürmer sind die Freiburger in der Lage den Gegner beim Spielaufbau unter hohen Druck zu setzen. So zwingt man selbst Champions-League-Gruppensieger zu unkontrollierten Flugbällen, die man mit hoher Wahrscheinlichkeit in der eigenen Hälfte sichern kann. Ist der Gegner mutiger und versucht den Ball kontrolliert hinten heraus zuspielen, stellen die beiden Stürmer die Innenverteidiger zu. Eine Spielverlagerung ist dann kaum möglich. Die eigenen 6er decken die gegnerischen 6er sehr eng, so dass diese von den Innenverteidigern nicht angespielt werden können. Die Außenverteidiger und Mittelfeldaussen werden zunächst nur weit gedeckt.

Der Innenverteidiger hat somit nur den Außenverteidiger als direkte Anspielstation. Sobald dieser nun den Pass erhält, wird dieser vom Mittelfeldaussen bissig angelaufen und unter Druck gesetzt. Der gegnerische Mittelfeldaussen wird nicht eng gedeckt. Dem Außenverteidiger bleibt nichts anderes, als den Mittelfeldaussen anzuspielen. Mit dem Pass zu ihm, rücken nun drei Freiburger (Außenverteidiger, 6er und Mittelfeldaussen) zur Balleroberung Richtung Mittelfeldaussen. Die Stürmer sind mittlerweile ebenfalls Richtung Ball geschoben und stellen die Rückpässe zu.

Eckball ausführen und verteidigen der Freiburger

Eckball ausführen und verteidigen der Freiburger

Was die Standardsituationen betrifft zeigt sich der Tabellenfünfte auch sehr kreativ. Ecken werden nach Möglichkeit kurz ausgeführt. Dazu kommt jeweils ein Mitspieler (A), der zunächst am Torwart steht, dem Eckschützen entgegen und ein zweiter Mitspieler (B) steht im Rückraum des Schützen (ca. 20 Meter entfernt). Wird Spieler B angespielt, passt dieser nach Möglichkeit zum Eckschützen zurück. Im Idealfall wird aber ein nicht vom Gegner verfolgter Spieler A angespielt. Bei beiden Varianten wird versucht ein Mitspieler im Rückraum des ersten Pfosten anzuspielen. Ähnlich einem 90-Grad-Ball.

Eckbälle werden aus einer Mischung von Raum- und Manndeckung verteidigt. Vier Spieler stehen dabei in einer Reihe auf der Torraumlinie. Der zweite Spieler von diesen (Richtung Ecke) steht leicht vorgerückt. Zwei weitere Spieler besetzten den Rückraum des Strafraums. Einer auf zentraler Position und der andere auf gleicher Höhe Richtung Eckball. Die restlichen vier Spieler nehmen die hinein startenden Gegner in Manndeckung. Sollten fünf Gegner hinein starten, so stellen sich nur drei Spieler auf der Torraumlinie. Wird der Ball erfolgreich verteidigt, versucht man mit den zwei Spielern im Strafraum-Rückraum einen Gegenangriff zu starten.

Zwei Standards wie sie Freiburg ausführt und verteidigt

Zwei Standards wie sie Freiburg ausführt und verteidigt

Bei zugesprochenen Freistößen halbaussen nahe dem gegnerischen Tor, sieht man bei den Freiburgern eine sehr einfallsreiche Variante. Hier wird zunächst ein direkter Torschuss angetäuscht, es wird aber quer zu einem zentralen Spieler gepasst, dieser täuscht ebenfalls ein Torschuss an und von der gegenüberliegenden Seite kommt mit Tempo ein Spieler der dann tatsächlich aufs Tor schießt.

Bei Freistößen von aussen gegen sich, stellen die Freiburger zwei Ein-Mann-Mauern gestaffelt hintereinander auf. So soll ein direkter Torschuss in die kurze Ecke verhindert werden. Der Torwart kann sich jetzt ganz auf die Balleroberung einer Flanke konzentrieren.

Der Erfolg der Breisgauer scheint viele Gründe zu haben. Ein ruhiges Umfeld. Es wird das Höchste angestrebt, aber keine unrealistischen Ziele gesetzt. Ein bescheidener, authentischer, emotionaler und auch intelligenter Trainer. Ein homogenes Team ohne Stars und zuletzt eine einfache Spielweise, die von entscheidungsfreudigen Spielern variantenreich interpretiert werden kann und darf.

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1 Kommentar

  1. Tim

    Hallo

    Erstmal Danke für deine tolle Seite. Man findet hier sehr viel Lehrreiches.

    Du schreibst, dass das Offensive 1 gegen 1 kein Bestandteil des Freiburger Spiels ist. Dem steht eine Statistik die in der Conclusion eines Artikels auf zonal marking zu finden ist, gegenüber. Dort steht geschrieben, dass Freiburg sogar europaweit am meisten Dribblings macht:

    http://www.zonalmarking.net/2013/05/21/freiburg-1-2-schalke-schalke-advance-to-the-champions-league-qualifiers/

    Was verändert diese Information deine Analyse des Offensivspiels des SC Freiburg?

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